• vom 29.05.2014, 17:39 Uhr

Stadtleben


Soho in Ottakring

Westerndorf Sandleiten




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Von Hans-Christian Heintschel

  • "Geschichte willkommen!" heißt es am Wochenende noch einmal in einer Ikone des "Roten Wien".

- © Christiane Rainer

© Christiane Rainer

Wien. Wer heute durch die Wohnanlage des Sandleitenhofs in Ottakring spaziert, fühlt sich ein wenig an ein sehr in Schuss gehaltenes Western-Kulissendorf der Zeitgeschichte erinnert. Nicht nur die Gassennamen, auch die Stiegen, Fassaden, feingliedrigen Fensterrahmen, aber auch die dörflich gehaltene Struktur, etwa des (Giacomo) Mateotti-Platzes, erzählen noch vom Stadt-in-der-Stadt-Prinzip des Roten Wien der 1920er Jahre. Keine reine Kulissenstadt - schließlich wohnen hier um die 4000 Menschen -, aber eben auch eine Adresse der politischen Topografie Wiens.


In fünf Etappen wurde die Anlage mit sozialer Gesinnung in den Jahren 1924 bis 1928 errichtet, insgesamt mehr als 1500 Wohnungen. Der Montessori-Kindergarten von 1929 oder die lokale, heute noch existierende Bücherei sind in die Baugeschichte Wiens eingegangen. Neben dem Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt zählt Sandleiten zu den Renommee-Wohnanlagen der Zwischenkriegszeit. Im noch bis Ende Mai laufenden Festival "Soho in Ottakring" wird an das 90-Jahr-Jubiläum künstlerisch erinnert.

Die reihum geparkten Autos entlang der Karl-Liebknecht-Gasse erzählen vom Alltag der Gegenwart. Auf Nummer 32, im ehemaligen Foyer des lokalen Kinos, geht es um die Lücke dazwischen, um Erinnerung. Christiane Rainer, selbständige Historikerin mit viel Ausstellungserfahrung, etwa im Wien Museum, steht mit ihrem Team Kazuo Kandutsch und Katrin Sippel etwas verlassen im karg gehaltenen Raum, in dessen Mitte ein Holztisch mit verschiedenen Fotoalben steht. Die hohe, braunfarbene Decke wirkt ramponiert. Ihr Projekt "Geschichte willkommen!" klingt einfach: Bewohner von Sandleiten steuern Objekte bei, die zusammengenommen im Idealfall eine Erinnerung an das größere Ganze ermöglichen.

Links und rechts des Foyers, nahe den fünf, sechs Meter hohen Wänden - affichierte Kinoplakate erinnern an die seit 1966 beendete Unterhaltungsfunktion dieses Ortes -, berichten großformatig gehaltene Texte über die Geschichte des Sandleitenhofes. Auch die Zukunft kommt hier vor. Darunter stehen blaugrau gestrichene Holzvitrinen-Inseln, die mehrheitlich Objekte von Anrainerinnen und Anrainern zeigen. Etwa ein Fotoalbum von Leopoldine Waldsteiner, die jahrzehntelang in der Konsum-Filiale - diese folgte dem 600-Sitze-Kino nach - gearbeitet hat. Konsum und Gemeindebau, das hat bis zum Niedergang von Ersterem wie ein siamesischer Zwilling dazugehört. Aufgeklappt sind Bilder aus den 1980er Jahren, als die Lebensmittelkette noch wie selbstverständlich dahinschnurrte. Alle Mitarbeiter stecken in weißen Kitteln, von textilem Branding ist noch keine Spur zu sehen, die Polaroids erinnern an eine etwas zu groß angelegte Greißlerei. Einen Schwerpunkt bildet eine umfangreiche Fotofolge ihres letzten Arbeitstages, zuletzt wird der weiße Kittel lachend von Frau Waldsteiner entsorgt, die Pelzjacke samt damals wohl schickem Pelzhut angezogen. Kein "Ich bin dann mal weg"-Schild, auch so kann man "Adieu" sagen.

Allzu viele Besucher haben sich an diesem Samstag Nachmittag nicht eingefunden. Die, die da sind, kommen meistens nicht zum ersten Mal. Zuerst gab es ein bisschen Skepsis und natürlich auch Sorge um die verliehenen Objekte, erinnert sich Rainer, die die Besucher willkommen heißt. Wer glaubt, dass eine Pop-up-Ausstellung in einem Herzeigebau des Roten Wien vor allem politische Erinnerung kondensiert, irrt. An einer Wand hängen zwar einige rote SPÖ-Fähnchen, der Grundcharakter hier besitzt aber eher Wohnzimmer-Atmosphäre. Ein Schallplattensammler hat einiges hergeborgt, Fotoalben gibt es natürlich auch, das verliehene Metallgerüst eines Einkaufswagerls nimmt sich skurril aus. Aber es gibt auch anderes, Ansehnlicheres, etwa eine Keramikmaske einer Frau mit blondem Bubikopf, ein Erinnerungsstück an die Großmutter, die hier ihr Leben verbracht hat, wie Enkelin Claudia Witter zu Protokoll gibt. Protokoll? Die experimentell angelegte Schau "verlangt" danach, auch die Erinnerung aus dem Vor- oder Wohnzimmer braucht eine Erläuterung. Nicht nur die Stadt-in-der-Stadt.

Am 31. 5. öffnet die Schau "Geschichte willkommen!" zum letzten Mal (17 bis 22 Uhr, 16., Karl-Liebknecht-Gasse 32). Tags zuvor findet am 30. 5. in den Räumlichkeiten noch ein Werkstatt-Gespräch mit dem Zeitzeugen Alfred Pietsch ab 18 Uhr zum Sandleitenhof statt. Der Besuch der Schau wie auch des Gesprächs ist kostenfrei.




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