• vom 15.10.2014, 22:10 Uhr

Stadtleben

Update: 16.10.2014, 15:07 Uhr

Esra

Enttraumatisiert




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Von Alexia Weiss

  • Das psychosoziale Zentrum Esra feiert sein 20-jähriges Bestehen mit einem Fachsymposium: Dabei sollen auch neue Behandlungsmethoden, wie etwa die Körperarbeit, vorgestellt werden.

An die 3000 Menschen werden jährlich von Esra betreut, das psychosoziale Zentrum versorgt zudem die ganze Wiener jüdische Gemeinde. - © Esra/Josef Polleross

An die 3000 Menschen werden jährlich von Esra betreut, das psychosoziale Zentrum versorgt zudem die ganze Wiener jüdische Gemeinde. © Esra/Josef Polleross

Wien. Wer etwas Schlimmes erlebt hat, kann noch Jahre später an den Folgen leiden. Seit nunmehr 20 Jahren betreut das psychosoziale Zentrum Esra traumatisierte Menschen. Bei Gründung der Einrichtung im Jahr 1994 durch die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) sei Psychotraumatologie im deutschsprachigen Raum noch in der Pionierphase gewesen, erklärt Klaus Mihacek, der ärztliche Leiter von Esra, was auf Hebräisch Hilfe bedeutet, am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien. "Mittlerweile ist Psychotraumatologie eines der meist beforschten Gebiete in der Psychiatrie."


Kommenden Mittwoch lädt Esra nun zu einem Fachsymposium: Dabei sollen vor allem neue Forschungen, aber auch Therapien und Betreuungsmodelle im Bereich Psychotrauma vorgestellt werden. So spricht beispielsweise Bessel van der Kolk, Professor für Psychiatrie an der Boston University Medical School, in Wien zum Thema Körperarbeit. Der Psychiater vertrete die Ansicht, dass man mit einer körperorientierten Psychotrauma-Behandlung bessere Erfolge erziele als über das Gespräch, sagt Mihacek. In den USA gebe es hier aktuell große Kontroversen, denn Kritiker sehen dafür noch keine ausreichende Studienlage gegeben. Tatsächlich sei es aber so, dass man mit den bestehenden Therapiemöglichkeiten bei manchen Patienten an Grenzen stoße, meint auch der ärztliche Leiter von Esra.

Interdisziplinärer Ansatz
Esra wurde gegründet, um NS-Verfolgten professionelle Therapie und Beratung zu bieten. Von Anfang an wurde dabei ein interdisziplinärer Ansatz gewählt: Das in der Leopoldstadt beheimatete Zentrum betreut Hilfe suchende Menschen auf mehreren Ebenen. Im Einsatz sind Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten ebenso wie Allgemeinmediziner, Neurologen und Sozialarbeiter.

Kümmerte man sich in den Anfangsjahren vorrangig um die verschiedenen Verfolgtengruppen der NS-Zeit (Jüdinnen und Juden, Roma, Sinti, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, die Kinder vom Spiegelgrund), setzt Esra seine Erfahrung in der Betreuung von traumatisierten Menschen inzwischen breiter ein: Opfer institutioneller Gewalt, wie etwa Menschen, die als Kinder in Heimen missbraucht wurden, finden hier ebenso Hilfe wie vor einigen Jahren Überlebende von Kaprun oder des Tsunamis im Indischen Ozean.

Wobei Mihacek hervorstreicht: "Der Unterschied von Traumata durch Naturkatastrophen im Vergleich zu Traumatisierung, die durch Menschen verursacht wird, ist gravierend. Überlebende von Naturkatastrophen wissen, dass es irgendwo doch einen Ort gibt, der sicher ist. Die Auswirkungen von Man-made-Traumatisierung, insbesondere jene, die durch kollektive Gewalt und Verfolgung verursacht wurden, sind tiefergehend und verletzender." Vor allem für Überlebende von kollektiver Verfolgung gebe es in der Gesellschaft keinen Platz mehr. Daher sei die offizielle Anerkennung des Opferstatus durch den Staat, die Behörden, die Gesellschaft sehr wichtig für die Genesung.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-10-15 17:38:04
Letzte ─nderung am 2014-10-16 15:07:49



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