• vom 18.10.2014, 10:22 Uhr

Stadtleben

Update: 18.10.2014, 10:22 Uhr

Interview

Alleine gegen den Terror




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Von Bernd Vasari

  • Extremismus-Experte Moussa Al-Hassan Diaw kritisiert, dass die österreichische Politik beim Thema Dschihadismus viel Aktionismus zeigt, aber zu wenig mit der muslimischen Community zusammenarbeitet.

Der Obmann der NGO "Netzwerk sozialer Zusammenhalt", Moussa Al-Hassan Diaw. - © Stanislav Jenis

Der Obmann der NGO "Netzwerk sozialer Zusammenhalt", Moussa Al-Hassan Diaw. © Stanislav Jenis

Wien. Auf die Bevölkerung gerechnet, hat Österreich mit rund 150 Menschen einen verhältnismäßig hohen Anteil an IS (Islamischer Staat)-Ausreisenden in Europa. Knapp 100 Ermittlungsverfahren wurden bereits gegen mutmaßliche Dschihadisten eingeleitet, heißt es dazu aus dem Innenministerium. Der Großteil der Extremisten kommt aus Wien.

Die im September gegründete zivilgesellschaftliche Initiative "Netzwerk sozialer Zusammenhalt" hat sich nun zur Aufgabe gemacht, dschihadistischer Radikalisierung in Österreich entgegenzutreten. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erzählt der Obmann Moussa Al-Hassan Diaw, wann der Heldenstatus der Dschihadisten zerbröselt und warum intellektuelle Muslime der IS-Propaganda Paroli bieten könnten.

Information

Moussa Al-Hassan Diaw

Der Religionspädagoge ist Doktorand am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück und Obmann der zivilgesellschaftlichen Initiative "Netzwerk sozialer Zusammenhalt". Er ist unter anderem auch für das Netzwerk RAN (Radicalisation Awarness Network) der Europäischen Kommission aktiv.


"Wiener Zeitung": Herr Diaw, wie kam es zu dem Netzwerk?

Moussa Al-Hassan Diaw: Wir alle im Netzwerk haben beruflich und wissenschaftlich mit dem Thema politischer Extremismus, der religiös begründet werden will, sehr viel zu tun. Die Argumentation, die von diesen politischen Gruppen kommt, widerspricht allerdings dem, was als gewachsene islamische, religiöse Orthodoxie bekannt ist. Thomas Schmidinger (Politologe und Vizeobmann des Netzwerks, Anm.) und ich haben uns über soziale Medien verständigt und gesagt, dass man sich organisieren müsste, um hier einzugreifen und zu intervenieren. Er hat einen großen Bekanntenkreis von Streetworkern, Sozialarbeitern und so weiter, während ich den Zugang zur muslimischen Community habe. Gemeinsam wollen wir uns diesem Teilproblem der Gesellschaft stellen.

Gibt es bei Radikalisierungen, egal ob Nazi oder Dschihadist, Muster, die immer wieder auftauchen?

Ja, es geht zumeist um Menschen, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen. Diese neigen dann dazu, sich aus dieser Gesellschaft zurückzuziehen und eine Gemeinschaft zu suchen, in der sie akzeptiert werden. Die Fachliteratur bestätigt: Menschen, konkret im religiös begründeten Extremismus, die auch zu Terroristen geworden sind, haben nicht Religion, sondern die Gemeinschaft und Anerkennung gesucht, weil sie sich in der Gesellschaft nicht mehr heimisch gefühlt haben. Doch auch bei Männern, die in der Phase ab der Pubertät bis Mitte 30 auf Identitätssuche sind, tritt dieses Phänomen verstärkt auf. Sie schließen sich dann Gruppen an, die uniform auftreten, eine gemeinsame Sprache und gleiche Interessen haben. Das können auch Mods, Punks oder Rocker sein. Für gesellschaftlich marginalisierte Jugendliche kann alles, was Stärke vermittelt, interessant sein.

Frei nach einer Textstelle in einem Song der Punkband Sex Pistols, wo sie mit "I am an Antichrist" der Religion abschwören, wird es aber wenige Jugendliche geben, die gläubig und gleichzeitig Punk sind?

Auch bei migrantischen Jugendlichen, die nicht unbedingt sehr gläubig sind, finden bestimmte Formen der Jugendkultur, wie etwa Punk, keinen Anklang. Dafür ist die Hip-Hop-Kultur für sie viel interessanter. Für muslimische Jugendliche ist es die Religion, die einen sehr wichtigen Teil ihrer Identität ausmacht. Und diese Identität kann sich ebenso in einem martialischen, männlichen und uniformen Auftreten manifestieren.

Extremismus gab es immer schon. Wie hat sich der Zugang durch das Internet verändert?

Heute ist es nicht mehr der Imam, der Pfarrer und so weiter, der mir die Lehren näherbringt, sondern ich kann mir die Information ganz leicht aus dem Internet holen. Auch die wachsenden von den Hauptkirchen losgelösten evangelikalen Freikirchen sind erst durch den Einsatz von modernen Medien groß geworden. Heute kann jeder Prediger sein und seine eigene religiöse Gemeinschaft virtuell machen. Man braucht nur eine Kamera und stellt das bei YouTube rein. Der Erfolg wird an der Anzahl der Klicks gemessen. Das Gleiche gilt für die Radikalisierung und den Extremismus. Die Kernideen werden verbreitet über Publikationen als PDF-File, die vereinfacht durch Predigen oder Vorträge an den Mann gebracht werden. Diese Videos werden verlinkt. Und so erreicht das auch Jugendliche, die das früher nicht erreicht hat. Ich brauche nur mit dem Handy YouTube ansurfen. In der U-Bahn ist mir gerade fad und ich kann mir diese Sachen sofort holen.

Was hat das für Auswirkungen?

Ich hatte zum Beispiel Schüler oder Schülerinnen, die mit Extremismus nie etwas zu tun hatten, die aber bestimmte Prediger aufgrund ihres Auftretens total cool finden. Und manche der Sachen, die er sagt, auch cool und richtig finden, obwohl sie genau das Gegenteil von dem, was er sagt, machen. Einige dieser jungen Leute, mit denen wir arbeiten, haben von Religion relativ wenig Ahnung. Sie kennen etwa die sechs Glaubensgrundsätze nicht, obwohl das Volksschulstoff ist. Aber die ideologischen Hauptpunkte der Dschihadisten können sie dir sagen. Da sieht man, dass es mit Religion wenig zu tun hat.

Es wird aber nicht jeder, der die Hauptpunkte kennt, zum Dschihadisten, der etwa für den IS in den Krieg zieht.

Das hat auch sehr viel mit Zufall zu tun. Zacarias Moussaoui, der verhinderte Attentäter vom 9/11, hatte wie sein jüngerer Bruder viele Diskriminierungen aufgrund seiner Herkunft erfahren, wie sein jüngerer Bruder dies in einem Buch darstellt. Die beiden sind in Frankreich geboren und aufgewachsen, wurden oftmals aber nicht als Franzosen anerkannt. Als sie dann zum Studieren angefangen haben, trafen sie auf anderen Studenten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Diese Erfahrungen haben Identität geschaffen und sie haben sich mit Muslimen in Krisengebieten identifiziert. Die beiden Brüder haben auf dem Campus dann in weiterer Folge unterschiedliche Menschen kennengelernt. Der Ältere ist in diesen ideologischen Sumpf hineingeraten, der Jüngere nicht. Das heißt: Gleiche Erfahrung, aber trotzdem komplett unterschiedliche Lebenswege, weil der eine zur falschen Zeit am falschen Ort die falschen Leute mit der falschen Ideologie getroffen hat. Die Grundlage war aber die Erfahrung von Marginalisierung und Ausgrenzung.

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Dokument erstellt am 2014-10-17 17:26:06
Letzte Änderung am 2014-10-18 10:22:31


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