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Update: 24.10.2014, 12:54 Uhr

Religion

"Kirche ist kein Fußballklub"




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Von Mathias Ziegler

  • Die traditionellen großen Kirchen könnten sich von den kleinen durchaus etwas abschauen, meint Theologe Paul Zulehner.



Wien. Drei katholische Pfarrkirchen wurden oder werden allein im Verlauf des heurigen Jahres in Wien an andere Konfessionen übergeben. Eine andere christliche Religionsgemeinschaft, die neuapostolische Kirche, weiht dafür heute, Donnerstag, ab 15 Uhr ein neues Gebäude ein: In der Lautensackgasse 23 im 14. Bezirk wurde in den vergangenen 18 Monaten eine neue Kirche errichtet. Für die Architektur des neuen Kirchengebäudes ist die Wiener Veit Aschenbrenner Architekten ZT GmbH verantwortlich.

Information

Die neuapostolische Kirche
In den Jahren 1832 bis 1835 wurden in England zwölf neuzeitliche Apostel berufen, 1863 wurde die neuapostolische Kirche gegründet. 1897 wählten die Gemeinden und Apostel einen sogenannten Stammapostel als geistliches Oberhaupt. Erste Missionsversuche in Österreich 1880 bis 1920 blieben wegen eines staatlichen Verbots erfolglos, doch ab 1921 gab es erste Mitglieder in Wien, später auch in Innsbruck, Linz und Graz. Seit 1975 ist die neuapostolische Kirche als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt. Heute hat sie in Österreich rund 5000 Mitglieder in 51 Gemeinden (weltweit sind es 10,5 Millionen Gläubige in 61.253 Gemeinden). Sie finanziert sich ausschließlich aus freiwilligen Spenden ihrer Mitglieder, es gibt also keinen vorgeschriebenen Kirchenbeitrag. Sie verzichtet auf staatliche Förderungen.

Die Lehre der neuapostolischen Kirche setzt Jesus Christus in den Mittelpunkt, das Glaubensziel ist, mit Christus bei seiner von ihm selbst verheißenen Wiederkunft vereint zu sein. Im deutschsprachigen Raum wird die Bibel-Übersetzung von Martin Luther benutzt. Die neuapostolische Kirche spendet nur drei Sakramente: die Taufe mit Wasser, die Taufe mit dem Heiligen Geist und das Heilige Abendmahl. Ihre ordinierten Amtsträger (die sogenannten Apostel entsprechen dabei in etwa den Bischöfen) sind großteils ehrenamtlich tätig und unterliegen keinem Zölibat.

Internet: www.nak.at


Es handelt sich zwar genau genommen um einen Neubau an einem bereits (seit 1972) bestehenden Standort von dreien in Wien, trotzdem ist es symbolisch. Denn während die katholische und die evangelische Kirche seit Jahrzehnten sukzessive Gläubige verlieren, sind Freikirchen und andere kleine Religionsgemeinschaften im Aufwind, auch wenn Erich Leitenberger, Sprecher der Stiftung Pro Oriente, dazu sagt: "Man muss das in der zahlenmäßigen Relation sehen: Die Kirchen, die hier an Gläubigen zulegen, sind eher kleine Gemeinden."

Es ist also weniger der Aufstieg der Kleinen als der Abstieg der Großen, über den sich heimische Katholiken Gedanken - und Sorgen - machen. Der renommierte Theologe und Religionssoziologe Paul Zulehner sieht das Thema etwas entspannter als andere: "Die beiden großen Kirchen entwickeln sich seit Jahrhunderten von hundert Prozent herunter und verlieren ihre gesellschaftspolitische Basis, wenn man so will, während die jungen Freikirchen und andere Gruppierungen sich von unten nach oben entwickeln. Es ist einfach ein evolutionärer historischer Prozess." Der Verlust an Gläubigen falle gerade in der katholischen Kirche deshalb so stark auf, weil ihre Infrastruktur noch immer auf besagte hundert Prozent ausgelegt sei, "und das trügt immer ein bisschen".

Die katholische Kirche mache derzeit eine Phase der Konzentration durch, so Zulehner: "Es sind die Entschiedenen, die den Kern der Kirche bilden. Wir leben heute in einer Zeit, in der der Glaube nicht mehr Schicksal, sondern Wahl geworden ist. Und nur wer sich entscheidet, macht mit. Die anderen sind dann zwar vielleicht Sympathisanten am Rande, aber nicht mehr geneigt, aktiv mitzumachen und mitzuzahlen."

Neukirchen haben nur einen Kern ohne Drumherum
Seiner Ansicht nach intensiviert sich dadurch auch in den Großkirchen der harte Kern. "Die Neukirchen wiederum haben nur einen Kern, die haben das Drumherum gar nicht. Deshalb ist die Optik eine andere." Für die großen Kirchen bedeute das, dass es gelingen müsse, die einzelnen Mitglieder für eine persönliche Entschiedenheit zu gewinnen. "Das ist natürlich auch für Altkirchen eine neue Lage. Sie können eben nicht die hundert Prozent gewinnen, sondern weniger. Jesuanisch gesprochen, müssen sie lernen, das Salz in der Suppe der Welt zu sein, also mit einer kleinen Gruppe auch stark die eigene Mission erfüllen zu können."

Er sieht auch eine allmähliche Auflösung der Trennung zwischen Klerikern und Laien. Denn in der Kirche investieren immer mehr diejenigen Zeit und Energie, die wirklich interessiert sind. "Das heißt, wir werden immer mehr Entschlossene und weniger Mitläufer haben", meint Zulehner. Das sieht er durchaus positiv, weil "der Anteil der Christen unter den Katholiken wachsen wird".

Die Gefahr dieses Erneuerungs- und Verdichtungsprozesses bestehe allerdings in einer ungewollten Kluft zwischen Kernchristen und Sympathisanten am Rande. "Wir sind nicht wie ein Fußballklub, wo alle auf den Rängen sitzen und nur elf Leute unten spielen. Das ist vorbei. Es gibt keine Zwei-Klassen-Kirche mehr, in der nur die einen sorgen und die anderen versorgt werden."

"Wir sind uns bewusst, dass jeder mithelfen muss"
Dieses Engagement aller Mitglieder betont auch Walter Hessler, Sprecher der neuapostolischen Kirche in Österreich, dessen vergleichsweise junge Religionsgemeinschaft (gegründet 1863) sich direkt auf die Urkirche bezieht. "Wir sind nicht besser als eine andere Kirche, aber wir bemühen uns so wie alle Christen, unseren Glauben, in unser Leben miteinzubeziehen. Und dazu gehört auch ein Gemeindeleben mit Gottesdienstbesuchen, Sakramenten wie dem Abendmahl oder dem Erleben der Sündenvergebung. Das sind urchristliche Dinge, die bei uns ganz bewusst gelebt werden. Dort, wo ich mit Engagement dabei bin und etwas erlebe, kann ich mir etwas abholen, komme ich gerne hin. Und wir sind uns bewusst, dass jeder im Gemeindeleben mithelfen muss."

Das erleben auch katholische Pfarrgemeinden immer stärker. Aber auch in Sachen Mission könnte man sich vor allem von den Freikirchen noch einiges abschauen, meint Zulehner. Er zitiert den Pastoraltheologen Heinrich Swoboda, der bereits 1911 konstatierte: "Es ist zu wenig, nur jene zu bekehren, die schon bekehrt sind." Die Pfingstgemeinden hätten keinen Pfarrermangel, "weil sie ganz nah an den Menschen sind und durchaus die einzelnen Gemeinschaften die Freiheit haben, sich zu gemeinsamen Projekten in größeren Räumen zu verbünden". Die Strukturreform der Erzdiözese Wien sieht er nicht nur positiv: "Die ursprüngliche Einheit ist bei den Freikirchen immer die lokale Kirche. Jene Gemeinschaft, die bei den katholischen Pastoralreformen jetzt in die zweite Reihe gestellt wird."

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Schlagwörter

Religion, Wien, Paul Zulehner

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-10-22 17:32:04
Letzte nderung am 2014-10-24 12:54:56



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