• vom 11.11.2014, 17:42 Uhr

Stadtleben

Update: 12.11.2014, 12:17 Uhr

Kindesmisshandlung

"Sadistisches Handeln"




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Julia Beirer

  • Psychiaterin Sigrun Rossmanith erklärt, was Eltern tun können, um nicht die Nerven zu verlieren.

Eltern sollten sich in Frustrationstoleranz üben, rät die Psychiaterin.

Eltern sollten sich in Frustrationstoleranz üben, rät die Psychiaterin.© apa/Helmut Fohringer Eltern sollten sich in Frustrationstoleranz üben, rät die Psychiaterin.© apa/Helmut Fohringer

Wien. Zwei Tage nach dem Tod jenes zweijährigen Mädchens, das vom Vater verbrüht wurde, diskutiert ganz Österreich über das Strafmaß. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Quälens einer Unmündigen mit Todesfolge, was bei einer Verurteilung ein bis maximal zehn Jahre Haft nach sich zieht. Bis zum Prozess ist der 26-Jährige auf freiem Fuß, für ihn gilt ein Betretungsverbot. Untersuchungshaft (für die Fluchtgefahr, Verdunkelungsgefahr, Wiederholungsgefahr oder Tatausführungsgefahr bestehen muss) wurde nicht verhängt.

Wie es zu einer solchen Tat kommen konnte und mit welcher Hilflosigkeit manche Eltern konfrontiert sind, erklärt die Psychiaterin Sigrun Rossmanith im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".


"Wiener Zeitung": Wie beurteilen Sie eine Dusche als "Erziehungsmaßnahme"?

Sigrun Rossmanith: Das Zufügen von quälenden Schmerzen als Erziehungsmaßnahme ist als sadistisches Handeln zu qualifizieren. Wenn ein Kind kalt oder noch schlimmer heiß abgeduscht wird, wird Schmerz zugefügt, um sich selbst Macht und Dominanz zu beweisen. Das Opfer wird schmerzvoll unterworfen, der Selbstwert des Täters mit Dominanz aufgetankt.


© privat © privat

Wie würden Sie das heutige Erziehungssystem beschreiben?

Allgemein kann man sagen, dass Eltern heute weniger drastische Erziehungsmaßnahmen anwenden als früher. Es geht heute mehr in Richtung Laissez-faire-Stil. Ein Gegenbeispiel zur heutigen Zeit bietet die "schwarze Pädagogik" Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit drastischen Maßnahmen wurde versucht, den Kindern Grenzen zu setzen und störende Gefühle abzustellen. Kinder wurden zum Beispiel weggesperrt. Mit der 1968er-Bewegung wollte man den Kindern dann gar keine Grenzen mehr setzen. Für die heutige Zeit gilt, dass Kinder ein konstruktives Mittelmaß brauchen.

Eltern, die heute zwischen 40 und 50 Jahre alt sind, kommen aus dem Erziehungssystem der "gesunden Watschn". Wie gehen diese Eltern mit dem heutigen gewaltlosen Anspruch der Erziehung um?

Die meisten Eltern neigen dazu, das selbst Erlebte nicht weiterzugeben. Wenn Menschen mit extremer Gewalt aufwachsen, versuchen sie später das Gegenteil zu tun. Das ist oft auch nicht sinnvoll, denn dann werden häufig gar keine Grenzen gesetzt. Nur wenige Menschen geben weiter, was sie als Opfer erlebt haben. In der heutigen Kindererziehung wird jede Form von Gewalt abgelehnt. Auch die "gesunde Watschn" ist schädlich und zerstört Gefühle. Das wesentliche ist, dass ein liebevolles Klima vorherrscht. Jeder kennt Ausrutscher, und keiner spricht darüber. Es muss zwischen Ausnahmesituationen und sich wiederholendem Verhalten unterschieden werden. Außerdem ist die Entwicklungsphase des Kindes entscheidend. Stets geht es darum, dass ein Klima mit wachsendem Urvertrauen des Kindes sich entwickeln kann. In Einzelfällen gibt es auch heute noch sadistische Erziehungsmaßnahmen, wie das Verbrühen des Kindes unter der Dusche.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-11-11 17:44:07
Letzte Änderung am 2014-11-12 12:17:21


Vor Gericht

Verbissen

Den verpflichtenden Hundeführschein für ihren Pitbull hat die Zweitangeklagte nicht gemacht (Symbolfoto). - © afp/Jack Guez Wien. Selbst nach Verhandlungsschluss kehrt keine Ruhe ein. Beschwerden hallen durch den Saal, Angeklagte und deren Angehörige umringen den... weiter




Prozess

Kritik an Verurteilung von Sigrid Maurer

GERICHTSVERHANDLUNG WEGEN †BLER NACHREDE: MAURER / WINDHAGER - © APAweb / Hans Punz Wien. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. "Eine rechtspolitische Sauerei" sei das Urteil, sagte Medienanwalt Michael Pilz... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Resident Evil 2 angespielt
  2. Ehrung für kugelsichere Heiler
  3. Ein "gekrönter Schornstein" als Beleidigung guten Geschmackes
  4. Wenn die Touristenmasse zur Qual wird
  5. Proteste gegen "Grätzl-Wall"
Meistkommentiert
  1. Initiative will Weinsorte Zweigelt umbennen
  2. "Die FPÖ ist eine rassistische Partei"
  3. Debatte um Zukunft der Zweierlinie
  4. 50 Euro für Schlafsack und eine warme Mahlzeit
  5. Wien rückt ein Stück näher an Bratislava

Edip Sekowitsch

"Der Setschko war ein Fighter"

Den Sekowitschweg gibt es seit 2012 - doch jetzt wurde er offiziell eingeweiht und gesegnet. - © Schmölzer Wien. Wenn man ihn danach fragte, redete Edip Sekowitsch bereitwillig über seine alte Leidenschaft. Nur vom Äußeren her hätte dem Besitzer eines... weiter




Holzhochhaus

Hoch hinaus mit Holz

Das weltweit höchste Holzhochhaus entsteht in der Seestadt Aspern. - © RLP Ruediger Lainer und Partner Wien/Dornbirn. Das weltweit höchste Holzhochhaus soll in der Seestadt Apern entstehen. Seit mehr als einem Jahr wird an dem Bauwerk aus 24 Stockwerken... weiter




Geschichte

Bitte à la Giraffe!

Wildlife Animals - © Chris Van Lennep Wien. Die Geschichte fängt harmlos an: 1828 erhielt Kaiser Franz I. (II.) vom Vizekönig von Ägypten eine Giraffe, die dieser wiederum im Tiergarten... weiter






Werbung