• vom 14.01.2015, 12:05 Uhr

Stadtleben

Update: 14.01.2015, 12:50 Uhr

Cafe Prückel

Ein Kuss in aller Munde




  • Artikel
  • Kommentare (12)
  • Lesenswert (52)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Arian Faal

  • Sie hätte auch ein küssendes Hetero-Paar aus dem Café verwiesen, sagt Prückel-Chefin Sedlar.


© Fotolia/Gennadiy Poznyakov © Fotolia/Gennadiy Poznyakov

Wien. Es ist Dienstagnachmittag. Das Telefon im Café Prückel hört nicht auf zu läuten. Dutzende Medienvertreter wollen mit der Chefin, Christl Sedlar, sprechen.

Schon den ganzen Vormittag wurden Journalisten mit den Worten "die Chefin ist derzeit nicht im Haus" auf den Nachmittag vertröstet.


Der Grund für das große Medieninteresse aus dem In- und Ausland ist ein Kuss zwischen zwei Lesben im Traditionscafé auf der Ringstraße. Er führte am Abend des 6. Jänner dazu, dass Sedlar die beiden Damen des Lokals verwies.

Die "Zurschaustellung von Andersartigkeit" habe in ihrem Café keinen Platz. Mit dieser Begründung - also, dass diese Zurschaustellung nicht in ein traditionelles Wiener Kaffeehaus, sondern in einen Puff gehöre - spaltet sie die Stadt: Die einen (aks - Achse Kritischer Schüler-innen Wien) organisieren via Facebook mit Unterstützung der Homosexuellen Initiative (Hosi) für kommenden Freitag um 17 Uhr eine Demonstration mit mehreren tausend Teilnehmern vor dem Prückel und sehen in dem Lokalverweis einen klaren Fall von Diskriminierung. Bis Dienstagnachmittag gab es hierfür 5500 Zusagen.

Andere stellen sich hinter die "Grande Dame des Prückels", wie sie von einigen Stammgästen genannt wird, und sprechen ihr als Lokalbesitzerin das Recht zu, "diejenigen, die sich nicht adäquat benehmen können, aus ihrem Lokal zu werfen".

"Wer Frau Sedlar und ihr Naturell kennt, weiß, dass sie eine hochanständige und sehr auf Manieren bedachte Kaffeehausbetreiberin ist. Sie legt sehr viel Wert auf Etikette und auf ein anständiges Benehmen. Sie mag es auch nicht, wenn man im Café die Beine auf die Stühle legt oder sich nicht adäquat verhält. Da ist der Ofen aus, wenn man das nicht beachtet", so Otto F., einer der Stammgäste, zur "Wiener Zeitung". Beim Lokalaugenschein am Dienstag fällt zudem auf, dass sich die Gäste beim Betreten des Cafés plötzlich gegenseitig mustern, und es scheint, als ob jeder das Verhalten des anderen beobachtet.

Noch einmal zurück zum "Tathergang" aus Sicht von Zeugen: Nachdem sich das Paar zur Begrüßung auf den Mund geküsst hatte, wurde es beim Bestellen von einem der Kellner gebeten, dies in diesem Café keinesfalls zu wiederholen. Das Paar blieb dann noch etwa 50 Minuten. Der Kellner kam aber nur, um die Bestellung zu bringen und abzukassieren. Das heterosexuelle Paar am Nachbartisch sei hingegen ganz normal bedient worden. Am Ende ihres Besuchs wollen sich die beiden Mädchen bei der Chefin beschweren. Doch diese steht zu hundert Prozent hinter ihrem Kellner.

Die beiden Frauen werden angeblich mit den Worten "Egal, was ihr macht, mein Geschäft könnt ihr nicht zerstören, nur ihr werdet zerstört werden", verabschiedet. Daran will sich Sedlar später nicht erinnern. Was folgt, ist ein "Kuss in aller Munde". Überhaupt hat Sedlar seit dem Vorfall sämtliche Medienanfragen abgewimmelt. Auch für die Austria Presse Agentur (APA) war sie für keine Stellungnahme erreichbar. Und ein Interview zu diesem Thema werde sie schon gar nicht geben, so ihr knapper Kommentar.

Heikel und aufgebauscht
Nur die "Wiener Zeitung" hat sie am Dienstag nach mehrmaligem Nachfragen dann doch ans Telefon bekommen. Und ihre Aussage zeigt, wie heikel und aufgebauscht die ganze Sache schon ist. "Ich werde gemeinsam mit meinem Anwalt einen Text verfassen zu diesem Thema. Vorher möchte ich nichts sagen", meint Sedlar. Eigentlich hätte sie dies schon viel früher machen wollen, aber der Anwalt sei außerhalb von Wien gewesen und hätte bisher keine Zeit gehabt, so ihr Nachsatz.

Diese Stellungnahme werde sie dann am Donnerstag der APA und der "Wiener Zeitung" zukommen lassen, erklärte die Seniorchefin des "Prückel". Auch wenn sie sich zum Inhalt des Textes nicht äußern wollte, so war ganz klar, worum es gehen würde, nämlich in erster Linie darum, dass es eine Sache des Anstandes sei, dass man sich öffentlich nicht so verhalte. Auch geht es Sedlar nicht um "Diskriminierung homosexueller Gäste". Sie hätte auch ein küssendes heterosexuelles Paar verwiesen, so die Replik. Das sehen die Kritiker anders. Die Aktion sei ja nicht der erste Fall gegen Homosexuelle im Prückel, so der Vorwurf. Protest regt sich vor allem auch auf allen Social Media-Kanälen: Unter dem Hashtag #KuessenImPrueckel wurde das Thema in den vergangenen drei Tagen auf Twitter heftig diskutiert. Inzwischen interessiert sich der gesamte deutschsprachige Raum für den Vorfall: Zahlreiche Schweizer und deutsche Medien wie etwa die "Süddeutsche Zeitung", die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "20 Minuten" oder "Der Spiegel" berichteten über den Rauswurf.




12 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-01-13 17:08:06
Letzte Änderung am 2015-01-14 12:50:54


Vor Gericht

Verbissen

Den verpflichtenden Hundeführschein für ihren Pitbull hat die Zweitangeklagte nicht gemacht (Symbolfoto). - © afp/Jack Guez Wien. Selbst nach Verhandlungsschluss kehrt keine Ruhe ein. Beschwerden hallen durch den Saal, Angeklagte und deren Angehörige umringen den... weiter




Prozess

Kritik an Verurteilung von Sigrid Maurer

GERICHTSVERHANDLUNG WEGEN †BLER NACHREDE: MAURER / WINDHAGER - © APAweb / Hans Punz Wien. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. "Eine rechtspolitische Sauerei" sei das Urteil, sagte Medienanwalt Michael Pilz... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ehrung für kugelsichere Heiler
  2. Ein "gekrönter Schornstein" als Beleidigung guten Geschmackes
  3. Bald ganze U6 klimatisiert
  4. Initiative will Weinsorte Zweigelt umbennen
  5. "Kirchenrecht soll nicht diskriminieren"
Meistkommentiert
  1. Initiative will Weinsorte Zweigelt umbennen
  2. "Die FPÖ ist eine rassistische Partei"
  3. Debatte um Zukunft der Zweierlinie
  4. 50 Euro für Schlafsack und eine warme Mahlzeit
  5. Wien rückt ein Stück näher an Bratislava

Edip Sekowitsch

"Der Setschko war ein Fighter"

Den Sekowitschweg gibt es seit 2012 - doch jetzt wurde er offiziell eingeweiht und gesegnet. - © Schmölzer Wien. Wenn man ihn danach fragte, redete Edip Sekowitsch bereitwillig über seine alte Leidenschaft. Nur vom Äußeren her hätte dem Besitzer eines... weiter




Holzhochhaus

Hoch hinaus mit Holz

Das weltweit höchste Holzhochhaus entsteht in der Seestadt Aspern. - © RLP Ruediger Lainer und Partner Wien/Dornbirn. Das weltweit höchste Holzhochhaus soll in der Seestadt Apern entstehen. Seit mehr als einem Jahr wird an dem Bauwerk aus 24 Stockwerken... weiter




Geschichte

Bitte à la Giraffe!

Wildlife Animals - © Chris Van Lennep Wien. Die Geschichte fängt harmlos an: 1828 erhielt Kaiser Franz I. (II.) vom Vizekönig von Ägypten eine Giraffe, die dieser wiederum im Tiergarten... weiter






Werbung