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Update: 28.11.2015, 11:56 Uhr

Franz Joseph

"Franz Joseph hatte ein bombastisches Charisma"




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Von Arian Faal

  • Nur noch wenige Zeitzeugen wurden in der franzisko-josephinischen Epoche geboren.
  • Einzelne haben den Kaiser noch persönlich erlebt. Eine Reportage.

Schon damals eine Legende: Kaiser Franz Joseph (hier mit seiner 1898 ermordeten Ehefrau Sisi). - © Sammlung Rauch/Interfoto/pic

Schon damals eine Legende: Kaiser Franz Joseph (hier mit seiner 1898 ermordeten Ehefrau Sisi). © Sammlung Rauch/Interfoto/pic



Wien. "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut." Dieser legendäre Satz kommt einem sofort in den Sinn, wenn man in Österreich an Kaiser Franz Joseph denkt. Der Monarch (Regierungszeit 1848-1916), der von einigen Analysten wie die heutige Queen Elizabeth II. in Großbritannien als personifizierter Garant für Stabilität und Beständigkeit des Reiches gesehen wurde, galt als eifrig, diszipliniert und als absoluter Gegner von modernen Errungenschaften wie Telefon, Automobil oder Fotografie (damals noch Telephon und Photographie).

Doch wie war der Kaiser privat und im Umgang mit dem Volk? Wie war das Alltagsleben 1913-1916 in Wien vor und mitten im Ersten Weltkrieg (1914-1918)?


Knapp 99 Jahre nach seinem Tod können diese Fragen nur noch einige wenige Zeitzeugen beantworten. In ganz Österreich sind es nicht einmal mehr 20 Personen, die alt genug sind, um sich aktiv an die Kaiserzeit zu erinnern. Ihre Erzählungen sind sehr aufschlussreich.

Denn die jüngere Facebook- und Twittergeneration kennt die Monarchie zumeist nur aus den Geschichtsbüchern und allenfalls wegen der Architektur der Ringstraße, sowie aus einigen omnipräsenten Relikten aus der Vergangenheit wie der Zusatz "ehemaliger k.u.k. Hoflieferant" bei einigen Wiener Traditionsunternehmen wie Demel, Gerstner oder Heiner.

Die "Wiener Zeitung" hat für diese Reportage binnen mehrerer Monate Menschen befragt, die in der Zeit von Kaiser Franz Josephs Regentschaft geboren wurden. Ihre Eindrücke, frühesten Kindheitserinnerungen und Schilderungen zeigen, dass der Kaiser bis ins hohe Alter sehr gerne bei "seinem Volk" war und besonders die Kinder liebte. Die Reportage zusammenzustellen war gar nicht so einfach und es gab viele Rückschläge. Zum einen sind viele der betagten Personen leider nicht mehr fähig, sich an ihre Kindheit zu erinnern. Zum anderen waren einige noch zu klein, um sich an den Kaiser zu erinnern. Letztlich sagten auch einige von jenen wenigen, die sich noch sehr gut erinnern können und auch alt genug gewesen wären, kurzfristig ab.

"Ich habe dem Radio einmal ein Interview gegeben und dann ist es losgegangen mit den Belästigungen. Plötzlich haben alle bei mir angerufen. Das möchte ich nicht noch einmal haben. Das ist nichts gegen Sie, aber bitte verstehen Sie das", meinte etwa die 102-jährige Frau A. Andere wiederum sagten zunächst zu, weigerten sich dann aber spontan, etwas zu sagen.

Eine der befragten Personen, die vier Währungen, zwei Weltkriege und 16 Wiener Bürgermeister erlebt und viel zu erzählen hatte, ist mittlerweile leider im 109. Lebensjahr verstorben. Die gelernte Schneiderin Margarete Cisl hatte jedenfalls immer ein Lächeln auf den Lippen, wenn der Name Franz Joseph fiel. Wenn man sie bat, über den Kaiser zu erzählen, dann meinte Sie, dass es eine Freude für sie sei.

"Notieren Sie, notieren Sie, denn noch leben wir. Schon in sehr naher Zukunft wird es niemanden mehr geben, der den Kaiser noch persönlich erlebt hat", erklärte die bis zum Schluss geistig aktive Pensionistin, die ihren Lebensabend in einem Meidlinger Pensionistenwohnheim verbracht hatte.

"Dass der berühmte Franz-Joseph-Biograf Egon Caesar Conte Corti über Franz Joseph schrieb, dass er ab 1913 kaum mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten sei (siehe Kasten Anm.), ist ein Blödsinn", stellte Cisl klar. "Der Kaiser hatte ein bombastisches Charisma. Ich werde das nie vergessen. Das lebhafte Bild, wenn sich der greise Monarch dem Volk gezeigt hat und mit der Kutsche vorbeigefahren ist", ergänzte sie.

"Ich war 1913 fünf Jahre alt und der Kaiser liebte uns Kinder. Er war so lieb. Einmal hat er zu mir gesagt ‚komm her‘ und hielt meine Hand und ging mit mir auf der Schönbrunner Straße spazieren", so die inzwischen verstorbene Zeitzeugin. Margarete Cisl, die am 17. 4. 1906 geboren und mit ihren 108 Jahren bis zu ihrem Tod als älteste Wienerin galt, ist nicht die einzige betagte Dame gewesen, die den Kaiser noch persönlich aus ihrer Kindheit kannte.

Auch Leopoldine Hötzl, geboren am 27. Oktober 1908 in Wien, hatte ihren Angaben zufolge keine einfache Kindheit. Schnell musste sie lernen, selbständig zu sein und sich um alles zu kümmern. Den Wohnungsschlüssel bekam sie um den Hals gehängt, die Mutter musste zur Arbeit.

Schon als junges Mädchen war sie ein Fan des greisen Kaisers. "Wir wohnten damals, also 1913 und 1914, im 13. Bezirk, und ich habe Kaiser Franz Joseph sehr oft gesehen", schildert die mittlerweile in Niederösterreich lebende Pensionistin. "Ich sah, wie der Kaiser immer in die Kutsche stieg und dann vorbeifuhr in der Hietzinger Hauptstraße. Manchmal von Hietzing nach Schönbrunn und manchmal von Schönbrunn in die Hofburg", so Hötzl weiter. "Auf der Kutsche rückwärts sind zwei Offiziere gestanden. Und ich hab als Kind gesagt: ,Mutti, da sind ja noch zwei Kaiser‘", meint sie mit einem Lächeln im Gesicht. "Wir haben zuvor in Wien gewohnt und ich bin ein halbes Jahr in Wien in die Schule gegangen.- Doch dann, 1915, haben meine Eltern ein Haus auf dem Land in der Tullner Gegend gekauft. Ich erinnere mich noch genau an den Schulwechsel, ich war sieben Jahre alt. Dann haben wir nämlich auf dem Land in der Schule noch gesungen das berühmte Lied", ergänzt sie. Die Präzision ihrer Erinnerungen, der klare Gedankengang und die noch der damaligen Zeit entsprechenden Formulierungen sind für eine 106-Jährige beachtlich.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-02-24 17:38:07
Letzte Änderung am 2015-11-28 11:56:02


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