• vom 14.03.2015, 12:00 Uhr

Stadtleben


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Grinser und Gaffer




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Von Alexia Weiss

  • Ruth Beckermann erweitert mit einer temporären Installation Hrdlickas Denkmal am Albertinaplatz.

Dem die Straße schrubbenden Juden wurden in Ruth Beckermanns Installation Monitore mit Filmaufnahmen von Zuschauern gegenübergestellt. - © Stanislav Jenis

Dem die Straße schrubbenden Juden wurden in Ruth Beckermanns Installation Monitore mit Filmaufnahmen von Zuschauern gegenübergestellt. © Stanislav Jenis

Wien. Ein Mann kniet am Boden, putzt mit seinen Händen das Straßenpflaster. Dicht daneben: eine Gruppe von Menschen, manche schmunzeln, die meisten lachen. Auf den ersten Blick scheinen besonders die Frauen fröhlich und ausgelassen, auf den zweiten Blick sind auch die Männer sichtlich amüsiert, sie stehen nur hinter den Frauen, so prägt sich vor allem das Lachen der Frauen ein. Irgendwo dazwischen ein Kind, es lugt hinter einem Arm hervor, den eine Hakenkreuzbinde ziert. Das Kind lacht nicht, es schaut vorsichtig, fast befremdet, was da eigentlich los ist.

Seit Donnerstagabend zeigt das um eine Installation der jüdischen Künstlerin Ruth Beckermann erweiterte Mahnmal von Alfred Hrdlicka am Albertinaplatz die "Reibpartien" im Wien in den Tagen und Wochen nach dem "Anschluss" an Hitler-Deutschland im März vor 77 Jahren aus mehreren Perspektiven.


Als im Jahr 1988 - die sogenannte Waldheim-Affäre hatte sich eben in die österreichische Zeitgeschichte eingebrannt - das Mahnmal aufgestellt wurde, hatte sich eben etwas in der Wahrnehmung geändert, betonte Beckermann bei der Enthüllung der Installation. Hrdlicka lenkte mit seiner Skulptur des die Straße schrubbenden Juden den Blick auf den hausgemachten Antisemitismus, auf Juden als Opfer. Das stiftete Verwirrung: Wer war nun das Opfer? War nicht Österreich als Staat das erste Opfer Hitlers geworden?

Der Jude als "ewiges Opfer"
Umstritten war das Denkmal allerdings bereits bei seiner Aufstellung. Für Beckermann wurde dadurch "der ewige Jude zum ewigen Opfer". Sie habe viele jüdische Freunde, die bis heute den Albertinaplatz meiden würden. Die Skulptur verleite, auf den Juden - und damit die Juden - hinabzusehen.

Viele Touristen haben sich in der Folge auf die Bronzefigur gesetzt, die Skulptur als Bank benutzt. Die Stadt reagierte mit Stacheldraht, was erneute Interpretationen provozierte. Wurde der Straße putzende Jude nun gar getauft, fragte Beckermann.

Was der Künstlerin bis dato fehlte: das Einbringen einer weiteren Dimension, die des Zuschauers dessen, was sich da vor 77 Jahren auf Wiens Straßen abspielte. Im Rahmen einer Präsentation von historischem Filmmaterial des Österreichischen Filmmuseums sah sie vor einiger Zeit die einzig bisher bekannte Filmaufnahme einer solchen "Reibpartie". Fotos davon gibt es zuhauf - aber bewegte Bilder fehlten. Und da wusste sie: Hier war sie auf das fehlende Element gestoßen, um das sie das Hrdlicka-Denkmal erweitern konnte.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-03-13 17:17:05
Letzte Änderung am 2015-03-13 19:43:12


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