• vom 15.05.2015, 17:43 Uhr

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Update: 19.05.2015, 17:05 Uhr

Anti-Aids-Pille

Die blaue Wunderpille




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Von Solmaz Khorsand

  • Lust auf Sex ohne Kondom, aber Angst vor Aids? Eine kontroversielle Anti-Aids Pille verspricht die Lösung.



Wien. Sex ohne Angst. Sex ohne Hemmungen. Sex ohne Gummi. Endlich frei. Das dachten sich viele, als die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA 2012 zum ersten Mal ein Medikament zur Aids-Vorbeugung zugelassen hat. Truvada heißt die kleine blaue Wunderpille, die vom US-Pharmaunternehmen Gilead Sciences produziert wird. Jahrzehntelang wurde das Medikament - bei dem es sich um eine Kombination aus den Wirkstoffen Tenofovir und Emtricitabin handelt - nur zur Behandlung HIV-Positiver zugelassen. Es wird ihnen im Rahmen ihrer regulären Therapie verabreicht. Auch Personen, die befürchten sich mit dem Virus angesteckt zu haben, erhalten die Medikamente als sogenannte Postexpositionsprophylaxe, kurz: PEP.

Sie ist die Anti-Aids Pille danach, der Plan B, wenn das Kondom gerissen ist, wenn man vergewaltigt wurde, wenn man sich bei einer Operation mit einem HIV-Positiven verletzt hat oder wenn man bei einer Rauferei von einem Junkie gebissen wurde. Die Pille verhindert, dass das Virus - auch wenn es schon im Körper ist - die Zellen des Betroffenen umprogrammiert und sich so vermehrt. Allein auf weiter Flur kann es im Körper nichts anrichten. 30 Tage muss die Pille zu diesem Zweck eingenommen werden.


Seit drei Jahren kann das Medikament in Amerika auch als PREP, als Präexpositionsprophylaxe, also präventiv für gesunde Menschen eingesetzt werden. Die Weltgesundheitsbehörde empfiehlt die Verabreichung vor allem für Risikogruppen wie Sexarbeitern, Drogenabhängigen, Gefängnisinsassen und homosexuellen Männern. Bei ihnen liege die Wahrscheinlichkeit, sich mit HIV zu infizieren, 18 Mal höher als bei heterosexuellen Männern, begünstigt durch gewisse Sexualpraktiken wie Analverkehr, der laut US-Gesundheitsbehörde CDS (Center for Disease Control and Prevention) als riskanteste Sexualpraxis gilt, um sich mit dem Virus anzustecken. Mit der blauen Pille wären die Männer geschützt - auch ohne Kondom.



Truvada soll dauerhaft, aber kann auch anlassbezogen genommen werden. Plant man Sex mit einem potenziell HIV-Positiven zu haben, müssten zwei blaue Pillen zwei bis maximal 24 Stunden vor dem Sex und zwei Pillen im 24-Stunden-Takt danach genommen werden. Hat man öfter Geschlechtsverkehr, verlängert sich das Intervall.

Als Revolution wird die blaue Pille in Amerikas Schwulenszene gefeiert. Es ist ein Meilenstein für die Gesellschaft, wie damals die Einführung der Anti-Baby-Pille in den Sechziger Jahren. Und es ist eine Befreiung für Generationen homosexueller Männer, wie Sarit Golub im "New York Magazine" anmerkt. Die Psychologieprofessorin, die am New Yorker Hunter College unterrichtet, hat in einer Studie herausgefunden, dass die Hälfte aller befragten Schwulen beim Sex an HIV denkt.



Mit der PREP könnte diese Angst bald Geschichte sein. Doch als Alternative zum Kondom wollen die Behörden die Pille nicht verstanden wissen. Ärzte warnen vor der übermäßigen Euphorie. Truvada könne Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall, Kopf-, Bauch- und Gelenkschmerzen sowie Müdigkeit oder Schlafstörungen haben. Ebenso könnte es die Nieren schwächen. Und die Pille ist kein Freifahrtschein. Es schützt nicht vor anderen übertragbaren Krankheiten wie Syphilis, Tripper oder Chlamydien.

Experten warnen auch vor einer schlampigen Einnahme der PREP. Studien haben gezeigt, dass vor allem HIV-Negative die Medikamente oft vergessen, womit sich das Risiko einer Ansteckung deutlich erhöht. "Gesunde Leute haben keinen Leidensdruck. Sie haben nicht dieselbe Einnahmetreue wie jene, die wissen, dass ihr Leben von dieser Tablette abhängt. Also werden viele dieser PREP-Dosen vergessen, womit die Wirksamkeit reduziert wird", erklärt Gerold Lang, Universitätsassistent an Wiens Medizinuniversität an der Abteilung für Immundermatologie. "Wenn ich mich in dieser Zeit, in der ich die PREP schlampig nehme, anstecke und die Medikamente dann weiter schlampig nehme, habe ich ein extrem hohes Risiko, dass die Viren, die sich in meinem Körper vermehren, bereits resistent sind. Danach ist eine weitere Therapie deutlich schwieriger", gibt Lang zu bedenken. Doch es seien neben Truvada bereits andere Substanzen am Markt, jene mit deutlich weniger Nebenwirkungen, deren Vorteil vor allem darin bestünde, dass die Wirkstoffe auch injiziert werden können. So bekommen gesunden Personen eine Monatsspritze - womit der Wirkspiegel des Medikaments einen Monat lang im Blut aufrechterhalten bleibt. So besteht kein Risiko, die Pille zu vergessen und so ungeschützt zu sein.

Alles gut also? Im besten Fall eine Spritze, im schlimmsten Fall eine Pille danach und alle sind glücklich? Nicht ganz. Truvada sorgt für heftige Kontroversen. So stellt sich die Frage: Fördert die PREP ein Risikoverhalten? Löst Truvada eine Welle hemmungsloser ungeschützter Promiskuität aus, die letztlich dazu führt, dass die Viren resistent gegen jegliche Medikation werden und damit schwerer zu behandeln sind?

Die Studien sagen nein. Das Verhalten der Leute, die PREP einnehmen, habe sich nicht verändert. Sie seien nicht bereit, mehr oder weniger Risikos einzugehen, nur weil sie die blaue Pille geschluckt haben. Wer sich Erfahrungsberichte ansieht, kommt zu einem anderen Urteil. Im Netz ist von "Truvada Whores", den Truvada Huren, die Rede. Wie eine Partydroge würden sie die blaue Pille begreifen, die sie sich kurz vor einer Orgie einwerfen, um dann ungeschützt verkehren zu können. Aids-Aktivisten schütteln den Kopf. Jahrzehntelange Bemühungen, die Massen für den Gebrauch von Kondomen zu sensibilisieren, scheinen umsonst gewesen zu sein.

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Schlagwörter

Anti-Aids-Pille, Truvada

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-05-15 17:47:12
Letzte Änderung am 2015-05-19 17:05:50


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