• vom 20.05.2015, 19:00 Uhr

Stadtleben

Update: 03.06.2015, 14:53 Uhr

Wohnen in Wien

Das Dorf in der Stadt




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Von Christina Pausackl

  • Gemeinschaftliche Wohnprojekte boomen, immer mehr Menschen sehnen sich nach dem dörflichen Idyll inmitten der Stadt. Besuch eines Projekts auf dem Nordbahnhofgelände.

Die einzelnen Teams setzen sich mindestens einmal im Monat zusammen, Entscheidungen werden in der Großgruppe entschieden. - © Hans Hochstöger

Die einzelnen Teams setzen sich mindestens einmal im Monat zusammen, Entscheidungen werden in der Großgruppe entschieden. © Hans Hochstöger

Wien. Über dem Kochtopf dampft es. In der offenen Küche riecht es nach Gewürzen, klirren Gläser, durchflutet Licht den Raum, und um den Tisch neben der Küchenzeile sitzen 20 Menschen vor vollen Suppentellern. "So schauen wir beim Essen aus", ruft eine Frauenstimme in Richtung der Besucher, die unschlüssig im Türrahmen stehen, lautes Lachen hallt durch den Raum. Es ist nicht das erste Mal, dass Fremde die Krakauer Straße 19 im 2. Bezirk besuchen, um zu sehen, wie die Bewohner hier leben. Die Suppe essen sie jedenfalls mit Löffeln aus tiefen Tellern, und sie sitzen dabei. Alles sieht ziemlich gewöhnlich aus. Dennoch bergen diese Wände etwas Besonderes.

In der Gemeinschaftsküche kochen täglich zwei Bewohner für 20 andere ein Mittagsmenü.

In der Gemeinschaftsküche kochen täglich zwei Bewohner für 20 andere ein Mittagsmenü.© Hans Hochstöger In der Gemeinschaftsküche kochen täglich zwei Bewohner für 20 andere ein Mittagsmenü.© Hans Hochstöger

Begonnen hat alles im Herbst 2009 mit 15 Menschen und einem gemeinsamen Ziel: Ein Dorf mitten in der Stadt sollte entstehen, ein Wohnen und Leben in der Gemeinschaft. Fünf Jahre später wurde aus diesem Ziel Wirklichkeit, seither steht auf dem Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs dieses Haus: das Wohnprojekt Wien. Sieben Stockwerke hoch, gekleidet in eine helle Holzfassade, dazwischen großflächige Fenster, in den Scheiben spiegelt sich die Mittagssonne. Das Haus ist mehrfach preisgekrönt worden und gilt als Vorzeigeprojekt. Manche sagen sogar, auf diesem Grundstück steht die Zukunft des städtischen Wohnens.


Das Haus ist nicht mit üblichen Wohnhäusern vergleichbar, sagt Markus Zilker. Er nennt es eine "andere genetische Information". Zilker leitet das Wiener Architekturbüro Einszueins, das für die Planung des Wohnprojekts in der Krakauer Straße verantwortlich war. Sein Büro befindet sich mittlerweile im Erdgeschoß des Hauses, nur ein paar Meter von der Küche entfernt.

Dort, vor einer langen Fensterfront, sitzt der 40-Jährige, schwarz-graues Haar, freundlicher Blick, und strahlt über das ganze Gesicht, wenn er über das Haus spricht. Es ist nicht nur Zilkers Arbeits-, sondern auch sein Lebensmittelpunkt. Hier wohnt er gemeinsam mit seinen Söhnen Emil und Moritz, drei und fünf Jahre alt, seiner Frau Barbara - und mit 93 anderen Menschen.

39 Wohnungen befinden sich auf den sieben Stockwerken, 30 Kinder leben darin und 67 Erwachsene. Sie sind zwischen null und 70 Jahre alt, sprechen 20 Sprachen und arbeiten in mehr als 40 Berufen. Das Wohnprojekt vereint Alte und Junge, Familien und Singles, alleinerziehende Mütter und Väter unter einem Dach. Die Menschen, die hier leben, sind nicht nur Nachbarn, sie sind eine Gemeinschaft. Denn die Krakauer Straße 19 will mehr sein als ein Wohnort: eine richtige Lebensform.

"Wir sind Weltverbesserer", sagt Markus Zilker. Ziel der Gründergruppe im Jahr 2009 war, einen gemeinschaftlichen Wohnraum zu schaffen, der selbstbestimmt und eine Keimzelle der Nachhaltigkeit ist. Das Haus ist nahe am Passivhausstandard, neben der Holzfassade wurde eine mineralische Dämmung verwendet, auf dem Dach ist eine Photovoltaikanlage installiert.

Die Bewohner teilen sich einen Waschraum und den Gemüsegarten hinter dem Haus. Im Keller parken mehr als hundert Fahrräder, Autos gibt es hingegen nur sieben - allesamt sind sie in der Nachbargarage untergebracht und werden über eine Carsharing-Plattform geteilt. Dafür gab es im Jahr 2014 den Mobilitätspreis der Stadt Wien und auch den Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit.

"Wir kennen uns alle, und das ist auch das Schöne hier", sagt Christine Amon-Feldmann. Wenn sie nicht allein sein will, öffnet sie einfach die Wohnungstür. "Am Gang treffe ich sicher zwei, drei Leute, mit denen ich kurz plaudern kann."

Die zierliche Mittvierzigerin mit den kurzen schwarzen Locken ist Gründungsmitglied und sitzt im Vorstand des Wohnprojekts. Sie lebt gemeinsam mit ihrem Ehemann Heinz Feldmann in der Krakauer Straße 19. "Genauso wichtig wie die ökologische ist für uns die soziale Nachhaltigkeit", sagt sie. Die Bewohner teilen sich 700 Quadratmeter Gemeinschaftsfläche im Haus, die sie selbst gestalten und pflegen.

Leben in der Soziokratie

Jeder der 67 Erwachsenen muss sich elf Stunden im Monat in die Gemeinschaft einbringen. Sie kochen, putzen, gärtnern, montieren Regale, betreuen die Kinder, organisieren Treffen oder Veranstaltungen. Jede Arbeitsstunde zählt gleich viel, jeder hat die gleichen Rechte. "Du brauchst aber eine klare Aufgabenteilung, sonst wirst du zum Schwammerl", sagt Zilker. Also führten sie das System der Soziokratie ein.

Christine Amon-Feldmann zeichnet neun, zehn, elf kleine und große Kreise auf ein kariertes Blatt, sie arbeitet als Organisationsentwicklerin, dazwischen Kurven und Linien, kurze und längere. So ungefähr sah der Plan aus, um der Gefahr vorzubeugen, dass in der Wohnhausdemokratie das Soziale untergeht.

Aufgemalt wirkt Soziokratie verwirrend, zumindest auf den ersten Blick. Im Grunde geht es darum: Es gibt sechs Arbeitsgruppen im Haus, je nach Bedarf weitere Untergruppen und eine Großgruppe. Jede davon kümmert sich um bestimmte Aufgaben, arbeitet Konzepte aus und setzt sich Ziele. Zwischen den Gruppen soll die Information natürlich stetig fließen, Entscheidungen treffen alle gemeinsam in der Großgruppe. Schon in die Planung des Hauses waren die zukünftigen Bewohner eingebunden - vom Städtebau bis zur Steckdose. Jeder soll mitreden können, die einzelnen Teams setzen sich mindestens einmal im Monat zusammen. "Wir treffen uns also quasi dauernd", sagt Markus Zilker und lacht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-05-20 17:32:06
Letzte Änderung am 2015-06-03 14:53:13


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