• vom 27.05.2015, 20:00 Uhr

Stadtleben


Stadtplanung

Quo vadis Karlsplatz?




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Von Anna Detzlhofer

  • Die Ausschreibung des noch bis Ende 2015 dauernden Architekturwettbewerbs stellt die Büros vor große Herausforderungen.

- © MA 41

© MA 41

Wien. Der Karlsplatz steht zur Debatte. Welche Gestalt auch immer die Erneuerung des Wien Museums annehmen wird, die Ausschreibung des noch bis Ende des Jahres in zwei Stufen ausgetragenen internationalen Architekturwettbewerbs fordert die teilnehmenden Architekturbüros auch dazu heraus, ihre Ideen für die unmittelbare Umgebung des Gebäudes zu formulieren. Es kann also nicht schaden, sich zu vergewissern, worüber wir eigentlich reden, wenn wir vom Karlsplatz sprechen.

Spätestens seit der Karlsplatz zum Kunstplatz wurde, belegt er in der öffentlichen Meinung ein Spannungsfeld zwischen Positionen, die den rauen Platz im Herzen Wiens, wie er unlängst im ORF "Kulturmontag" bezeichnet wurde, als hippes Experimentierfeld urbaner Lebensweisen sehen, und Standpunkten, die den Fluch aller großen Plätze sichtbar machen: Ödnis. - Allerdings sei er besser als sein Ruf, so sprach sich unlängst Robert Schediwy in der "Wiener Zeitung" für einen konservativen Umgang mit dem Status quo aus.

Information

Anna Detzlhofer
ist Landschaftsarchitektin und Mitglied der Jury im Architekturwettbewerb zum Wien Museum neu. 2003 gestaltete sie den Rosa-Mayreder-Park am Karlsplatz.


Behalten wir im Stimmengewirr Folgendes im Auge: Dem breiten Spektrum der Meinungen liegt historisch Gewachsenes zugrunde. Wer über den Karlsplatz spricht, muss davon ausgehen. Denn der Karlsplatz ist kein Platz im klassischen Sinn. Seine Proportionen und sein Charakter sind gleichsam ohne Motor entstanden, nicht feudalen Ursprungs, wie zum Beispiel das Belvedere oder der Schlosspark Schönbrunn, und sie entstammen nicht dem Plan für einen kommunalen Freiraum. Eigentlich sei der Karlsplatz "kein Platz, sondern eine Gegend", ließ Architekt Otto Wagner einst verlauten.

Genau genommen handelt es sich bei dem Gelände zwischen Ringstraße und Naschmarkt, mit dem Resselpark als Kern, um das räumliche Echo landschaftlicher Gegebenheiten. Pointierter formuliert hieße das: Wer vom Karlsplatz spricht, muss eigentlich von einer Landschaft sprechen. Immerhin argumentieren wir auf jenem Areal, das ab dem 16. Jahrhundert Teil des Glacis war, auf dessen vom Wienfluss geprägten Wiesen Rinder- und Schweineherden weideten. Erst 1895, als die Wien eingewölbt wurde, kam es zur Anlage gestalteten Grünraums; mehr Platz für den Karlsplatz. Allein der landschaftlichen Prägung des Wienflusses geschuldet ist dieser Platz mit seinen ersten Gebäuden, der Karlskirche und der Technischen Universität, stets an und durch die Funktionen gewachsen, die sein Raum zu erfüllen hatte. Dabei entwickelte sich jene Heterogenität, die bis heute den Karlsplatz prägt: Einerseits entstand ein zentraler Verkehrsknotenpunkt; andererseits wuchs hier ein wichtiger städtischer Naherholungsraum heran.

Den nach der Regulierung des Wienflusses gravierendsten Einschnitt brachte 1969 der U-Bahn-Bau und die damit verbundene strikte Trennung in den oben gebündelten Verkehr und die in den Untergrund verbannten Fußwege. Der Karlsplatz wurde in Folge dessen geradezu zu einem Topos der Orientierungslosigkeit: Kaum jemand sah sich in der Lage, im weitverzweigten System der unterirdischen Passagen eine der Institutionen am Karlsplatz - Karlskirche, Technische Universität Wien, Historisches Museum der Stadt Wien, Musikvereinssaal, Künstlerhaus, Kunsthalle - auf Anhieb anzusteuern. Unübersichtlichkeit geriet zum Charakteristikum. Tatsächlich war es der Verkehr, abstrakter noch formuliert: die Bewegung, die den Platz definierte. Ein Umstand, der sich im Siegerentwurf des für die Neugestaltung des Resselparks im Zuge des U-Bahn-Baus ausgeschriebenen Architekturwettbewerbs spiegelte.

Das Konzept von Sven-Ingvar Andersson brachte eine Konzentration auf die geometrische Figur der Ellipse, deren Schönheit, so Andersson, in einer Spannung liege, in der sich sowohl dynamische als auch statische, in sich ruhende Räume bilden können. Sein an die landschaftliche Situation des Wienflusses erinnerndes Wasserbecken und seine Kanalisation der Bewegung in Besucherströme sind Parameter, mit denen am Karlsplatz seit dieser Zeit unverändert umgegangen wird.

Etliche zusätzliche Nutzungsschwerpunkte wurden im Laufe der Zeit integriert, und die Konturen sind zum Teil stark verwachsen, doch die grundsätzliche Qualität ist geblieben. Als 2003 das Team Loidl-Reisch-Fina-Coeln-Detzlhofer an einen Tisch geholt wurde, um Resselpark, Girardi-Park und Rosa-Mayreder-Park aus einer übergeordneten Perspektive zu mehr als schlicht einer Summe einzelner Teile umzugestalten, ging es in erster Linie darum, die Fußgänger am Karlsplatz wieder an die Oberfläche zu holen. Die Wegebeziehungen zwischen den straßenumsäumten Inseln waren längst augenfällig; Passanten hatten regelrechte Trampelpfade hinterlassen.

In einer vergleichbaren Situation befindet sich der Karlsplatz heute: Bedürfnisse haben sich vor Ort längst eingeschrieben, sei es die Offenheit des Spielplatzes, die Einladung, zum Flanieren oder Verweilen, oder Möglichkeiten rasch von A nach B zu gelangen; es gilt, diesen in einem ganzheitlich durchdachten Konzept die ideale Form zu geben.

Der Karlsplatz ein Unort? Als Cordula Loidl-Reisch 2003 den Resselpark bearbeitete, hat sie diesen regelrecht ausgeräumt; Blickbeziehungen wurden wieder erlebbar gemacht, die den Platz in seiner ganzen, riesigen und daher so schwer fassbaren Dimension zeigten. In diesem unfassbaren Zuviel, Zugroß liegt unschätzbare Qualität: Offenheit, im Zentrum eines der dichtesten Verkehrsräume der Stadt.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-05-27 17:50:10
Letzte Änderung am 2015-05-27 17:52:07



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