• vom 21.10.2015, 17:41 Uhr

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Integration

"Imame sind keine Supermänner"




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Von Valentine Auer

  • Die "Wiener Zeitung" wirft einen Blick auf die Rolle der Imame im Integrationsprozess in Österreich.

Am Nationalfeiertag soll zum ersten Mal auch ein Imam am Heldenplatz sprechen.

Am Nationalfeiertag soll zum ersten Mal auch ein Imam am Heldenplatz sprechen.© AP Pool/Pier Paolo Cito Am Nationalfeiertag soll zum ersten Mal auch ein Imam am Heldenplatz sprechen.© AP Pool/Pier Paolo Cito

Wien. Am kommenden Nationalfeiertag wird bei der Angelobung der Rekruten am Heldenplatz erstmals in der Geschichte des Landes ein Imam sprechen. Das österreichische Bundesheer verfügt seit 1. Juli über einen eigenen muslimischen Seelsorger. Die Meldung sorgte in den sozialen Medien und auf Online-Foren für viel Aufregung. Die "Wiener Zeitung" hat aus gegebenem Anlass mit den zwei Autoren - Evrim Ersan Akkiliç und Jonas Kolb - der ersten umfassenden empirischen Studie zu Imamen in Österreich gesprochen.

",Hat Islam was mit Terrorismus zu tun?‘, ,Wieso gibt es Selbstmordanschläge?‘, ,Wieso Kopftuch?‘, ,Unterdrücken die Männer ihre Frauen?‘ und ,Gibt es Ehrenmord im Islam?‘" Imam Husein, einer der im Rahmen der Studie befragten Imame, zählt auf, welche Fragen zum Islam er immer wieder zu hören bekommt. Sie bauen auf medial vermittelten Bildern auf, erzählt der Imam. Eben diese Bilder sollen die muslimischen Seelsorger mithelfen aufzubrechen, indem sie Schlüsselfunktionen in der Integration einnehmen, so eine der Hoffnungen, die von der österreichischen Öffentlichkeit immer wieder geäußert wird. Die Soziologin Evrim Ersan Akkilic gibt jedoch zu bedenken, dass die Erwartungen an Imame zu hoch gesteckt werden: "In einer Konferenz über Imame in Europa meinte jemand, das Imame keine Supermänner sind. Man erwartet so viel von Imamen, aber eigentlich sind sie in ihren Gemeinden nicht so mächtig, und die große Frage ist, ob sie die Ressourcen dafür haben."


"Ich habe
keinerlei Schutz"

Dass Imame keine Supermänner sind, scheint nicht zu stimmen, wenn man einen Blick auf die Rolle wirft, welche Imamen von den Moscheemitgliedern und den Vereinen und Dachverbänden zugeschrieben wird. Laut Akkilic hat sich aus den Gesprächen mit den Imamen immer wieder herauskristallisiert, dass diese rund um die Uhr für die Gläubigen da sein sollten: "Imame sind eigentlich in der Gemeinde für alles vorgesehen. Das ist das Problem. In der Türkei geht ein klassischer Imam zur Moschee und macht sein Gebet, aber durch den Migrationskontext haben Imame in europäischen Ländern mehr Aufgaben. Sie arbeiten als Sozialarbeiter. Einer meinte, dass er sein Handy 24 Stunden bei sich haben muss, weil jederzeit jemand anrufen könnte und er erreichbar sein muss." Dass die Ressourcen daher oft fehlen, um auch darüber hinaus die Moschee für Integrationsangebote und -maßnahmen zu öffnen, erscheint bei diesen Anforderungen plausibel, bestätigt auch Jonas Kolb: "Imame könnten nur nebenher noch Bindungen zur österreichischen Mehrheitsgesellschaft aufbauen, aber das wäre dann eher das i-Tüpfelchen."

Was es brauchen würde, um all diese Aufgaben erfüllen zu können, ist eine entsprechende Ausbildung in Österreich, die derzeit gänzlich fehlt, so die beiden Autoren. Politische Bekenntnisse dazu gab es bereits 2011 vom damaligen Integrationsstaatssekretär und heutigem Außenminister Sebastian Kurz. Erst zu Beginn dieses Jahres kam es im Zuge des neuen Islamgesetzes zu einem ersten Schritt: Ab 2016 soll es an der Universität Wien ein islamisch-theologisches Studium geben mit bis zu sechs Lehrstellen. In Zuge dessen wäre auch die Erschaffung einer spezialisierten Ausbildung für die Seelsorger-Tätigkeit sinnvoll, denn "viele der Imame fühlen sich unvorbereitet für die Tätigkeiten, die an sie herangetragen werden", sagt Kolb. Zudem könnten in einer universitär verankerten Ausbildung auch Fragen der Integration angesprochen werden.

"Ich habe hier ein, zwei, drei Jahre Deutsch gelernt und dann kommt irgendjemand aus dem Verein, dem meine Frisur nicht gefällt, und sagt, dass ich da im Verein nicht arbeiten kann und ich meine Koffer packen muss. Ich habe keinerlei Schutz." Dem Imam Vedad ist seine prekäre aufenthalts- und arbeitsrechtliche Situation bewusst. Es ist ein weiterer Punkt, der die gewünschte Integrationsarbeit von Imamen erschwert. Imame arbeiten in Österreich unter der Aufenthaltsbewilligung "Sonderfälle unselbständiger Erwerbstätigkeit". Dies bedeutet, dass sie jedes Jahr die Bewilligung verlängern müssen, dafür braucht es den Arbeitsvertrag mit dem gleichen Moscheeverein, durch den sie nach Österreich gekommen sind.

Ihr rechtlicher Status ist dadurch unsicher, ihre Zeit in Österreich immer auf ein Jahr begrenzt und die Abhängigkeit vom jeweiligen Moscheeverein groß. Kolb fasst die Frustration, die sich dadurch für viele Imame ergibt, zusammen: "Das Problem ist gravierend. Es bräuchte eine Änderung des Niederlassungs- und Aufenthaltsrechts. Der Großteil der Imame hat sich vehement darüber beschwert, dass sie vom Moscheeverein abhängig sind, aber auch von den Vereinsmitgliedern. Wenn man den Rückschluss zur Integration zieht, haben diese Personen aufgrund der eingeschränkten Zukunftsperspektive in Österreich auch nicht die Motivation sich zum Beispiel entsprechende Sprachkenntnisse anzueignen."

Zusätzlich zu erwarten, dass Imame trotz dieses unsicheren Status Integration vorantreiben, sei schwierig, fügt Akkilic hinzu: "Integration hat auch damit zu tun, was für eine Struktur ich in diesem Kontext finde. Damit ich mich integrieren kann, brauche ich eine bestimmte Basis auf politischer und rechtlicher Ebene: Darf ich arbeiten und wie darf ich arbeiten? Bei Imamen ist diese rechtliche Ebene ein Problem. Gleichzeitig erwarten wir, dass Imame Integration fördern sollen, obwohl sie selber auf Integrationsprobleme stoßen."

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Schlagwörter

Integration, Imam, Islam

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Dokument erstellt am 2015-10-21 17:44:07



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