• vom 08.12.2015, 15:17 Uhr

Stadtleben

Update: 10.12.2015, 22:23 Uhr

Judentum

Shalom Alaikum!




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Von Alexia Weiss

  • Jüdische Freiwilligen-Initiative hilft Flüchtlingen, in Wien Fuß zu fassen.

Sehen Helfen als jüdische Pflicht: Miriam Tenner, Sonia Feiger und Ronni Nadler (v.l.n.r.), Gründer des Vereins "Shalom Aleikum". - © Jenis

Sehen Helfen als jüdische Pflicht: Miriam Tenner, Sonia Feiger und Ronni Nadler (v.l.n.r.), Gründer des Vereins "Shalom Aleikum". © Jenis

Wien. 19 Flüchtlingsfamilien wurden im Rahmen des Programms "wieder wohnen" des Fonds Soziales Wien in den vergangenen Wochen in einem neu erbauten Haus in der Leopoldstadt untergebracht. Sie kommen vorrangig aus Syrien und dem Irak, einige auch aus Afghanistan und eine Familie aus Nigeria. Sie alle haben inzwischen um Asyl angesucht und freuen sich über das sichere Dach über dem Kopf. Denoch fehlt es an allen Ecken, seien es nun Kochtöpfe, Nähzeug oder Rasierapparate. Vor allem aber wollen die Neuankömmlinge Deutsch lernen. Der nun gegründete Verein "Shalom Alaikum - Jewish Aid for Refugees" greift den Bewohnern dieses Hauses - rund die Hälfte von ihnen sind Kinder und Jugendliche - unter die Arme.

Flüchtlingsfamilien
Eigenständigkeit ermöglichen

Ziel ist es, ihnen den Alltag zu erleichtern und rasch Eigenständigkeit zu ermöglichen, den Menschen aber auch Wien zu zeigen, so die Unternehmensberaterin Miriam Tenner, eine der Mitinitiatorinnen von "Shalom Alaikum". Der Name kommt nicht von ungefähr: Hier wurde der hebräische Begriff "Shalom" ("Friede") mit dem arabischen "Alaikum" ("sei mit dir/euch") zu einer neuen Grußformel kombiniert. Denn hier helfen Juden mehrheitlich muslimischen Flüchtlingen. Die Idee dazu hatte Golda Schlaff - den Namen steuerte Ronni Nadler bei. Der Trainer ist Ende August, als so viele Flüchtlinge über Ungarn nach Wien kamen, um schließlich nach Deutschland weiterzureisen, von einem Tag auf den anderen in die Flüchtlingsbetreuung hineingerutscht. "Ich hab da gar nicht groß nachgedacht. Ich habe einfach gemacht."

Am Westbahnhof engagierte er sich gemeinsam mit anderen freiwilligen Helfern im Kids Corner. Kinder sollten hier für ein paar Stunden die anstrengende Flucht hinter sich lassen können, sagt Nadler. Nach und nach organisierte er jedoch auch für Familien, die beschlossen haben, in Österreich um Asyl anzusuchen, einen Notschlafplatz für eine Nacht, dann ein längerfristiges Quartier. Auch Tenner und die PR-Expertin Sonia Feiger (sie ist auch Mitglied des Vorstands der Israelitischen Kultusgemeinde Wien) betraten hier persönliches Neuland. "Ich habe anfangs einfach nur dringend benötigte Sachen zu den Bahnhöfen gebracht", erzählt Tenner. Inzwischen verbringt sie den Großteil ihrer Freizeit mit Organisationstätigkeiten für den Verein.

Feiger bringt seit mehr als drei Monaten vier Mal die Woche koscheres Essen aus dem Maimonides Zentrum, dem Elternheim der Israelitischen Kultusgemeinde, zum Kids Corner. Andere Mitglieder der Gruppe haben eine Notschlafstelle, die im Herbst einen Monat lang im WUK untergebracht war, mitorganisiert. Was sie alle verbindet, ist neben ihrem Judentum das zunehmende Bedürfnis, nachhaltig und gezielt zu helfen, "weil es einen sonst zerreißt", so Nadler. Auf das Haus in der Leopoldstadt stieß Tenner, als sie wieder einmal auf der Suche nach einer Bleibe für eine Flüchtlingsfamilie war. Als sie sah, dass alle dort lebenden Familien dringend Unterstützung brauchten, war das genau die Nachhaltigkeit, die der Gruppe freiwilliger jüdischer Helfer vorgeschwebt war. Man gründete den Verein und bereitet aktuell die erste größere Aktion vor: Im Rahmen einer Chanukka-Feier erhält jede Familie kommendes Wochenende Päckchen mit Dingen des täglichen Bedarfs, die sie sich gewünscht hat. Organisiert wurden die Geschenke über Spenden einer geschlossenen Facebook-Gruppe.

Das Schenken von Fahrscheinen soll darüber hinaus die Mobilität erhöhen, in Kooperation mit dem Direktor des Wien Museums, Matti Bunzl, werden kostenlose Museumsbesuche arrangiert, der Betreiber der Red Bus City Tours lädt die Familien auf eine Stadtrundfahrt ein. "Shalom Alaikum" will künftig aber auch im Rahmen persönlicher Betreuung auf die individuellen Bedürfnisse der Familien eingehen. "Es geht dabei primär um Verlinkungen", sagt Tenner. Beispielsweise sei einer der Hausbewohner professioneller Volleyballer. Er würde gerne wieder regelmäßig trainieren.

"Shalom Alaikum" kooperiert dabei auch eng mit anderen privaten Hilfsinitiativen. Hier werde manchmal mehr bewegt als von den großen NGOs, meint Tenner.

Aufeinander zugehen
statt erstarren

"Shalom Alaikum" erntet innerhalb der jüdischen Gemeinde neben Zuspruch auch Kritik. Viele der Flüchtlinge seien mit Antisemitismus groß geworden, das werde der Gemeinde noch auf den Kopf fallen, so die Sorge. Tenner, Feiger und Nadler halten dagegen: Menschen in Not müsse geholfen werden, das entspreche auch der jüdischen Ethik. Ja, sagt Feiger: Niemand wisse, ob einer der Menschen, denen man nun helfe, sich nicht eines Tages gegen einen wende. Demgegenüber stehe die Chance, Brücken zu bauen und so möglicherweise vorhandene Ressentiments abzubauen. Nadler ergänzt: "Wir fahren ja nicht nach Syrien oder in den Irak, um die Menschen herzuholen - sie sind einfach da und wir stellen uns dem. Anstatt wie eine Maus vor der Schlange erstarrt darauf zu warten, dass in den nächsten Jahren die Muslime zur Bedrohung werden, gehen wir lieber auf sie zu und rechnen ganz pragmatisch damit, den einen oder anderer dieser ‚Rekrutierungs-Zielgruppe‘ aufzufangen."

Der erste Kennenlernabend sei jedenfalls in guter Atmosphäre verlaufen - und Religion kein Thema gewesen. "Die Menschen sind einfach dankbar über jede Hilfe", so Tenner. "Nein, ich bin nicht naiv und nicht blauäugig", betont Feiger. "Aber hier nicht zu helfen, hieße, nicht einmal zu versuchen, dass das Zusammenleben gut funktioniert. Wir alle sind Kinder und Enkel von Flüchtlingen und wissen, wie dankbar unsere Familien den Menschen waren, die ihnen geholfen haben."

Shalom Alaikum

IBAN: AT302011128424767201

BIC: GIBAATTWWXXX Facebook.com/ShalomAlaikumVienna





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-12-08 15:20:08
Letzte ─nderung am 2015-12-10 22:23:08



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