• vom 19.01.2016, 16:49 Uhr

Stadtleben

Update: 31.03.2016, 13:27 Uhr

250 Jahre Prater

Im Prater blüh’n noch immer die Bäume








Von Clemens Marschall

  • Der Prater feiert heuer seinen 250. Geburtstag: "Unbekannte Pratergschicht’n" Teil I.

Ansichtskarte um 1900. - © WZ, Hager

Ansichtskarte um 1900. © WZ, Hager

Wien. "Hereinspaziert, hereinspaziert!", grüßt Robert Kaldy-Karo und öffnet die Pforten zum Wiener Circus- und Clownmuseum im Stuwerviertel im 2. Bezirk. Der Direktor trägt einen Frack, eine mit Ornamenten verzierte Kappe und auffällig buschige Augenbrauen. "Stuwer", erzählt er über das Viertel mit dem Touch Rotlicht, "war eine legendäre Prater-Familie, die ab Ende des 18. Jahrhunderts für spektakuläre Feuerwerksshows sorgte." Informationen wie diese hält das wandelnde Geschichtsbuch im Vorbeigehen bereit. Sein Wissen ist die Ernte einer mehr als 40-jährigen Auseinandersetzung mit dem Prater, der Zauberkunst und den historisch-obskuren Seiten der Unterhaltungskunst.

1766 schenkte Joseph II. das Jagdgebiet Prater der Bevölkerung. Allmählich etablierten sich dort Attraktionen, Schießbuden, Wirtshäuser und auch Damenkapellen, die aufspielten.

1766 schenkte Joseph II. das Jagdgebiet Prater der Bevölkerung. Allmählich etablierten sich dort Attraktionen, Schießbuden, Wirtshäuser und auch Damenkapellen, die aufspielten. 1766 schenkte Joseph II. das Jagdgebiet Prater der Bevölkerung. Allmählich etablierten sich dort Attraktionen, Schießbuden, Wirtshäuser und auch Damenkapellen, die aufspielten.

Heute ist im Prater, der in seinem Vierteljahrtausend zahllose Mutationen durchlebte, nur mehr wenig zu spüren von der damals berüchtigten Welt aus Praterhütten, Damenkapellen, Geistererscheinungen und Kraftmenschen. Eine Zeitreise dorthin ist allerdings im Circus- und Clownmuseum möglich, das Kaldy-Karo mit Michael Swatosch betreibt.

Information

Die Serie "Unbekannte Pratergschicht’n" von Clemens Marschall erscheint zum runden Prater-Jubiläum wöchentlich in der "Wiener Zeitung" und beleuchtet eher obskure Nebenstränge der Geschichte des Praters. Im
Frühjahr erscheint zudem Kaldy-Karos Archivbildband "250 Jahre Prater" im Sutton Verlag. Wer darüber hinaus in die Materie eintauchen möchte, dem sei ein Besuch der Sonderausstellung "250 Jahre Wiener Prater" im
Circus- und Clownmuseum Wien (Ilgpl. 7, 1020 Wien) empfohlen, die ab März zu sehen ist.

www.circus-clownmuseum.at


Hier wuchern liebevoll arrangierte historische Artefakte, Kostüme, Plakate und Sensationshinweise auf "dressierte Flöhe", sowie Pläne längst vergangener, damals viel größerer Formen des Praters. Geht man an einem lebensgroßen Pferd vorbei in den zweiten Raum des Museums, kommt man zu einer Bühne, die auch heute noch bespielt wird.



"Wir führen hier unsere Reenactment-Show ‚Prater Varieté‘ vor, in der man vergessene Kleinkünste erleben kann, so wie sie früher auch im Prater aufgeführt worden sind", erklärt Kaldy-Karo. Eine Tür weiter befindet sich das nicht öffentlich zugängliche Museumsarchiv: Tonnen von Büchern, Zeitungsartikeln, privaten Aufzeichnungen und unveröffentlichten Fotos, die für die Artikelserie "Unbekannte Pratergschicht’n" systematisch durchgearbeitet werden.

Die erste urkundliche Erwähnung des Praters, dessen Name sich von "pratum" ("Wiese") ableitet, lässt sich auf 1162 datieren; ab 1560 galt der Raum als kaiserliches Jagdgebiet. Es sollte noch mehr als 200 Jahre dauern, bis Joseph II. das Prinzip "Alles für das Volk, aber nichts durch das Volk" ausführte und die Jagdgründe 1766 der Bevölkerung "schenkte": die Geburtsstunde des Praters. Das Resultat waren vorerst Vergnügungen für die einfachen Leut‘: bescheidene Holzhütten als Wirtshäuser, Schießbuden und Karusselle. Bald aber kamen für die Oberschicht Theater, Zirkusse und Restaurants hinzu, die nicht mehr für jedermann leistbar waren, so Kaldy-Karo: "Das waren zwei verschiedene Paar Schuhe. Der Wurstel- oder Volksprater war in der Nähe vom Praterstern, der Nobelprater lag an der Hauptallee. Dort spielten auch bekannte k.k. Militärkapellen auf, die von Strauss, Lanner und Ziehrer dirigiert wurden."


© Archiv © Archiv

Der Prater gedieh fortan in verschiedenste Richtungen. 1773 ließ Johann Georg Stuwer sein erstes Feuerwerk hochgehen; Schwanenfeld kam 1795 mit einem Wachsfigurenkabinett; Kratky-Baschik machte sich als Zauberkünstler und Musikvirtuose einen Namen; 1847 eröffnete Heinrich Schreyer sein Affentheater; 1854 wurde der "Große Chineser" auf Geheiß von Basilio Calafati errichtet, der - fast ein halbes Jahrhundert vor dem 1897 erbauten Riesenrad - zum Wahrzeichen des Praters werden sollte.

Praterhetz

Fast von Prater-Beginn an zogen die meist aus Italien stammenden Käse- und Salamiverkäufer - genannt "Salamucci" - durch das Gelände, um die Besucher mittels Bauchläden zu versorgen. Manche Wirte ließen die Salamucci nicht in ihre Hütten, weil sie mit ihren billigen Imbissen als geschäftsschädigend galten. Das wiederum erzürnte die Wanderhändler: Das 3. Kaffeehaus im Prater wurde von den Salamucci gestürmt, nachdem dort ein Schild angebracht worden war: "Eine Portion Salami 15 kr., eine Portion Käse 10 kr. Und besser wie beim Salamimann." Den Salamimännern wurde schließlich seitens der Polizei das Recht eingeräumt, ihre Ware unter freiem Himmel, und damit auch in den Biergärten, feilzubieten. Aber sogar unter den herumziehenden Salamihändlern kam es immer wieder zu (Platz-) Streitigkeiten, die in teils tödlichen Messerstechereien endeten.

Der Prater war seit jeher Anziehungspunkt für sämtliche Klassen und Schichten. Auch Bettler und Hausierer witterten innerhalb der Menschenmengen ihre Möglichkeiten, und trotz großflächigen Polizeiaufgebots waren die "Taschelzieher" ein Massenphänomen. Dennoch entfernte man bereits 1775 die Gitter am Eingang des Praters, sodass man die Gegend auch nachts betreten konnte. Dem Prater ging es gut: 1780 gab es bereits mehr als 40 Wirtshäuser mit Kegelbahnen. Auch Kaffeehäuser mit Billardtischen, Ringelspiele und Hutschen vermehrten sich zusehends. Schriftsteller und Dramatiker Johann Friedel beschreibt in seiner Briefsammlung "Das galante Wien" (1785) die damalige Stimmung im Prater: "Volle Becher, betrunkene tollkühne Spieler, Vogelscheiben, Lustfahrten, das Billardspiel, gebratene Kapaunen und Gänse, blinde Harfenisten, Süßigkeitsweiber und Salamikrämer."


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Dokument erstellt am 2016-01-19 16:53:08
Letzte Änderung am 2016-03-31 13:27:03


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