• vom 25.01.2016, 18:40 Uhr

Stadtleben

Update: 25.01.2016, 18:53 Uhr

Straßenverkehr

Gefährliche Stille




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Von Bernd Vasari

  • Blinde beklagen zu leise Autos im Straßenverkehr und fordern in einer Petition ein Mindestgeräusch.



Wien. Es ist die ungewöhnliche Stille, die sofort auffällt, wenn ein elektrisch betriebenes Fahrzeug zum ersten Mal vorbeifährt. Einen röhrenden Motor, dessen Brummen über den Auspuff verstärkt wird, gibt es nicht. Für den an laute Autos gewohnten Stadtbewohner ein neuartiges Erlebnis, an das er sich erst gewöhnen muss. Von nun an wird er genauer hinsehen müssen, um kein Auto zu übersehen. Die Stille als Sound für die Zukunft im Straßenverkehr?

Für Monika Weinrichter und Mathias Schmuckerlschlag eine Horrorvorstellung. An ein sicheres Überqueren einer Straße sei für die beiden dann nicht mehr zu denken, beklagen sie. Weinrichter und Schmuckerlschlag haben nicht die Möglichkeit, genauer hinzusehen. Denn die beiden sind blind. Vor drei Jahren gründeten sie die Bürgerinitiative Elektra, mit der sie auf ihre Situation im Straßenverkehr aufmerksam machen wollen.

Am Montag haben sie eine Petition im Parlament eingebracht. Ihre Forderung: "Ein akustisches Warn- bzw. Mindestgeräusch für alle geräuschlosen und geräuscharmen Kraftfahrzeuge, insbesondere für öffentliche Verkehrsmittel und für mit öffentlichen Geldern geförderte Kraftfahrzeuge." Darunter verschiedene Geräusche für die unterschiedlichen Betriebsarten bis zu einer Fahrgeschwindigkeit von 50 km/h.

Die stetig steigende Zahl von geräuscharmen und unhörbaren Fahrzeugen stelle eine lebensgefährliche Bedrohung für blinde und sehbehinderte Menschen dar, sagt Weinrichter. Bereits die Zunahme der Fahrradfahrer habe ihr Verhalten auf der Straße verändert. Sie sei nun unsicherer. Viele Fahrradwege würden auf dem Gehsteig verlaufen und seien noch dazu nicht fühlbar für Blinde. Man wisse nicht, ob man auf dem Radweg geht oder nicht. "Natürlich würden wir uns wünschen, wenn Fahrräder besser hörbar wären", sagt Weinrichter. Doch gefährlicher seien elektrisch betriebene Kraftfahrzeuge.

Wer bestimmt den E-Sound?

Auch den Abgeordneten in Brüssel sind Elektro-Autos zu leise. Sie könnten zu einer Bedrohung für Fußgänger und Radfahrer werden, heißt es in einer Mitteilung des EU-Parlaments. Die Abgeordneten beschlossen vor zwei Jahren den verpflichtenden Einbau von Soundsystemen in Hybrid- und Elektroautos bis 1. Juli 2019. Das Soundsystem soll sich beim Anfahren automatisch einschalten und bis zu einem Tempo von 20 km/h anbleiben.

Doch wie soll der Sound eines E-Autos klingen und wer bestimmt ihn? In diesen Fragen blieb man in Brüssel sehr wage. Es soll ein motorenähnliches Geräusch sein, steht in der EU-Verordnung. Damit ist der Weg bereitet für zukünftige brisante Diskussionen über den "richtigen" Sound.

Schon heute zeigen Soundbeispiele von Autoherstellern, wie unterschiedlich die Interpretationen ausfallen können. Die Palette reicht von blubbernden über diverse futuristische Geräusche bis hin zum bereits bei Lkw im Rückwärtsgang genutzten schrillen Piepsen.

Wie es klingt, ist für Weinrichter und Schmuckerlschlag von der Bürgerinitiative nebensächlich. "Besser es piepst, als man liegt darunter", sagt Schmuckerlschlag.

Volle Unterstützung für die Initiative gibt es von FPÖ und Grünen. Die Neos und der ÖAMTC können sich Geräusche nur bis zu 30 km/h vorstellen.

In der Petition direkt angesprochen sind die Betreiber der Öffis. Bei den Wiener Linien spricht man sich aber gegen Mindestgeräusche aus. "Wir haben seit 2012 E-Busse in der Innenstadt und es gab noch keine einzige gefährliche Situation, weil man den Bus nicht gehört hätte", sagt ein Sprecher zur "Wiener Zeitung".

Das Ziel der Wiener Linien sei es, möglichst "lärmarme" Fahrzeuge im Sortiment zu haben. "Wir fahren durch dichtverbautes Gebiet und das soll so leise wie möglich passieren. Da fühlen wir uns den Mitarbeitern, Fahrgästen und Anrainern verpflichtet." Eine Einigung zwischen der Initiative und den Wiener Linien ist damit vom Tisch.

"Sollte die Petition nichts ändern, dann werden wir uns das vor Gericht nach dem Bundesbehindertengleichstellungsgesetz ansehen", sagt Weinrichter. "Wenn wir die Öffis nicht hören können, können wir sie auch nicht benutzen." Wer sich durchsetzten wird, werden also die Gerichte klären.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-01-25 17:23:05
Letzte Änderung am 2016-01-25 18:53:21



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