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Update: 25.01.2016, 19:58 Uhr

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"Hier ist alles viel entspannter"




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Von Alexander U. Mathé

  • Interview mit der Autorin des Blogs "American In Vienna", Michelle Hrvat.



Michelle Hrvats Blog wurde unter die besten Internations-Blogs gewählt.

Michelle Hrvats Blog wurde unter die besten Internations-Blogs gewählt.© Michelle Mock/WZ-Montage Michelle Hrvats Blog wurde unter die besten Internations-Blogs gewählt.© Michelle Mock/WZ-Montage

Wien. Michelle Hrvat kam vor eineinhalb Jahren von Connecticut in den USA nach Wien. Hier startete sie einen erfolgreichen Blog. Die "Wiener Zeitung" sprach mit ihr über kulturelle Unterschiede, Erlebnisse und darüber, warum der grantige Wiener auch gut ankommen kann.

"Wiener Zeitung": Was hat Sie nach Wien verschlagen?

Michelle Hrvat: Mein Freund. Er kommt aus Bosnien-Herzegowina. Wir haben einander über Facebook kennengelernt und er hat in Wien eine Arbeit gefunden. Da habe ich ihn besucht und wir haben uns in einander verliebt.

Was waren Ihre ersten Eindrücke von Wien?

Also ich habe ja schon Prag gekannt. Da konnte ich mir ausrechnen, dass die Architektur in Wien schön sein wird. Aber an eines kann ich mich noch besonders gut erinnern: die gute Luft. Irgendwie ist die Luft hier sauberer. Wien ist für mich auch besonders farbenfroh. Die Menschen ziehen sich hier sehr gut an; das hat mich beeindruckt. Frauen nehmen sich wirklich Zeit und überlegen, was sie anziehen sollen, was ihnen steht. Irgendwie haben die Menschen hier mehr Klasse.

Als Wiener hat man oft die Befürchtung, dass man altvatrisch und still wirkt...

Also das mit dem still kann ich bestätigen. Die Menschen sind hier um einiges zurückhaltender. In den Restaurants ist es auch stiller. Ich habe hier sogar Schilder gesehen, auf denen um Ruhe gebeten wird. Das ist irgendwie witzig. In den USA haben wir so etwas nicht. Wir sind einfach sehr laut. Man gewöhnt sich aber sehr schnell an diese Stille. Nach zwei Jahren in Wien habe ich unlängst Chicago besucht und da hat diese Familie im Restaurant neben mir gesessen. Die waren schon sehr laut, aber früher wäre das für mich nicht weiter schlimm gewesen. Jetzt tut mir so etwas in den Ohren weh. Amerikaner höre ich in Österreicher quer durch den ganzen Raum.

Was ist Ihnen an Wien am meisten aufgefallen?

Die Menschen sind irgendwie aufrichtiger. Wenn ein Wiener einen schlechten Tag hat, dann zeigt er das auch. Auch der Kellner im Café. Am Anfang hat mich das ein bisschen schockiert. In den USA wird so etwas hinter einem Lächeln verborgen. Aber inzwischen schätze ich diese Aufrichtigkeit. Das macht die Menschen irgendwie greifbarer.

Wie mühsam ist eigentlich die österreichische Bürokratie?

Der Immigrationsprozess war schon langwierig und schwierig. Ich bin aus Connecticut und musste beispielsweisemit dem Zug zwei Stunden nach New York fahren, um persönlich den Antrag zu stellen. Ich musste auch einen verpflichtenden Deutschkurs absolvieren, um einmal die Aufenthaltsbewilligung für ein Jahr zu bekommen. Derzeit befinde ich mich auf Stufe 2, in der ich für drei Jahre bleiben darf. Auch dafür muss ich einen weiteren Deutschkurs absolvieren. Die nächste Stufe ist die für fünf Jahre und erst dann winkt die uneingeschränkte Aufenthaltsbewilligung.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihren Blog zu machen?

Ich hatte keine Arbeit und wusste nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Ich bin am Anfang typischerweise in Kaffeehäuser gegangen, durch die Stadt spaziert und habe so viele tolle Orte entdeckt und diese Erfahrungen wollte ich teilen - nicht nur mit meiner Mutter, sondern auch mit anderen Menschen.

Wann haben Sie den Blog gestartet?

Im November 2014.

Inzwischen wurde er unter die Top 10 der Internations-Blogs gewählt.

Ja. Das war nett. Wobei: Viele Menschen haben mir gratuliert und sind stolz, dass ich so erfolgreich bin. Aber ich fühle mich überhaupt nicht so, ich mache das aus Spaß an der Freude. Ich bekomme auch kein Geld für meinen Blog.

In Ihrem Blog geht es um Wien, wie man lebt, was man isst und so weiter. Was ist die Idee dahinter?

Der Blog soll unter anderem eine kleine Hilfe für Menschen sein, die sich in Wien weiderfinden. Ich habe auch einen kleinen Reiseführer, "Drei Tage in Wien", auf meinem Blog und die Rubrik HotSpots der Stadt. Ich plane demnächst eine Abteilung für Rezepte der österreichische Küche.

Was mögen Sie denn persönlich am meisten?

Kaiserschmarren, Germknödel und Knödel mit Sauerkraut.

Welchen Tipp haben Sie für einen Kaffee parat?

Das Kleine Café.

Woher kommen Ihre Leser?

Hauptsächlich aus Österreich. Vor allem sind es Auslandsamerikaner, aber es sind auch Österreicher darunter.

Gibt es Diskrepanzen zwischen dem, was Sie sich von Wien vorher erwartet haben und dem Wien, wie es ist?

Als ich hierher gekommen bin, hatte ich keinerlei Erwartungen. Was mir wirklich gefällt, ist die Sicherheit. Ich kann mich auch erinnern, dass mir das viele Gehen auf die Nerven gegangen ist. In den USA bin ich überall mit dem Auto hingefahren. Dafür bin ich jetzt fitter. Verglichen mit Amerikanern wirken Wiener verschlossener und - wie erwähnt - ruhiger. Inzwischen bin ich schon so daran gewöhnt, dass die Überraschung kommt, wenn ich in den USA bin. Als ich neulich in Amerika war, habe ich auf dem Flughafen wohl etwas verloren gewirkt. Da ist sofort jemand an mich herangetreten und hat mich gefragt, ob er mir helfen kann. Das ist mir in Wien nie passiert. Das ist zwar nett, aber inzwischen denke ich mir auch schon: Lass mich in Ruhe!


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-01-25 18:11:04
Letzte Änderung am 2016-01-25 19:58:59


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