• vom 29.03.2016, 06:00 Uhr

Stadtleben

Update: 29.03.2016, 10:19 Uhr

Museum in Wien

Der Mann hinter dem dritten Mann








Von Thomas Trescher

  • Gerhard Strassgschwandtner betreibt im 4. Bezirk ein Dritte-Mann-Museum. Besucht wird es vor allem von Touristen, während Wiener den Film oft gar nicht kennen.

Für die meisten Wiener ist "Der dritte Mann" einfach der Film, der im Kanal spielt, obwohl diese Szenen gar nicht im Kanal, sondern beim Wienfluss gedreht wurden. - © Luiza Puiu

Für die meisten Wiener ist "Der dritte Mann" einfach der Film, der im Kanal spielt, obwohl diese Szenen gar nicht im Kanal, sondern beim Wienfluss gedreht wurden. © Luiza Puiu

Wien. Vorhang gibt es hier keinen, der vor Beginn der Vorstellung gelüftet wird. Stattdessen wird die Leinwand mit einem Seilzug von der Decke gelassen, bevor die Besucher einen zweiminütigen Ausschnitt aus dem Klassiker sehen, um den sich hier alles dreht. Und nach den zwei Minuten wird sie wieder hochgekurbelt. Im "Dritte-Mann-Museum" ist alles handgemacht und ein bisschen improvisiert. Das macht den Charme aus.

"Wir haben nicht einen Cent von irgendwem bekommen. Wir sind völlig unsubventioniert, nur dann kann so was funktionieren", sagt Gerhard Strassgschwandtner, der das Dritte-Mann-Museum im 4. Bezirk mit seiner Frau betreibt. "In dem Moment, wo die Politik mitspielt, ist das Feuer weg. Eine schöne, kühle Museumsgeschichte, das wollte ich nicht."

Der Projektor für den Ausschnitt ist aus dem Jahr 1936, solche standen 1950, als der Film Premiere hatte, noch in den Wiener Kinos. Die alten Kinosessel, auf denen Besucher sitzen, standen davor im Filmmuseum. Und an der Wand hängen Filmplakate aus rund 50 Ländern, "damals haben die ja noch in jedem Land unterschiedlich ausgeschaut, da gab es noch kein Branding", sagt Strassgschwandtner.

Seit vielen Jahren ist er Fremdenführer und früher hatte er mit einem Problem zu kämpfen: Immer und immer wieder fragten ihn Touristen nach dem Film "Der Dritte Mann". "Ich musste immer sagen, der ist an mir vorbeigegangen, das war mir dann auch peinlich." So wie in Österreich kaum jemand "Sound of Music" kennt, während sich das Österreich-Bild vieler Amerikaner darüber definiert, ist "Der dritte Mann" für die meisten Wiener einfach der Film, der im Kanal spielt (obwohl diese Szenen gar nicht im Kanal, sondern beim Wienfluss gedreht wurden).

Strassgschwandtner war einer von ihnen, bis er ihn sich 1996 zum ersten Mal anschaute. Und erkannte: "Da ist bei weitem mehr drinnen." Es ist ein Sittenbild des besetzten und in Zonen aufgeteilten Wiens der Nachkriegszeit, der 1950 uraufgeführte Film gilt als Meilenstein der Filmgeschichte - 2012 wurde er von der renommierten britischen Filmzeitschrift "Sight & Sound" zum besten britischen Film überhaupt gewählt.

Während er schon zum Start 1950 weltweit gefeiert wurde, war "Der dritte Mann" in Österreich ein Flop. "Er ist nur fünf Wochen lang im Apollo gelaufen", sagt Strassgschwandtner. "Weit über neunzig Prozent unserer Besucher kommen deshalb aus dem Ausland."

Schwarzmarkt vor der Tür

Wenn sich doch ein paar ältere Wiener hierher verirren, dann sagen die: "Sie müssen das schon verstehen, wir mussten damals nur raus aus unserer Wohnung gehen und haben das alles gehabt, den Schwarzmarkt und die Übergriffe der Militärpolizei. Warum hätten wir damals in ein Kino gehen sollen, um das zu sehen?", erzählt Strassgschwandtner.

Ihn hat das Sammelfieber aber gepackt, knapp zwanzig Jahre nach seiner Dritte-Mann-Premiere stellt er knapp 3000 Objekte in drei Räumen in seinem Museum aus. "Damals hätte ich mir auch nicht gedacht, dass ich einmal eine so große Sammlung haben würde - oder dass sie überhaupt am Markt ist."

Über die Jahre hat er nicht nur originale Kameras in sein Museum bekommen, sondern auch das Drehbuch, mit dem einer der Stars, Trevor Howard, gearbeitet hat. "Er hat sich alle Satzveränderungen ins Drehbuch hineingeschrieben, das ist ein Schatz der Filmgeschichte", sagt Strassgschwandtner.

Vielleicht ein noch größerer ist jenes Instrument, für das der Film neben dem Kanal am bekanntesten ist: jene Zither, auf der Anton Karas das "Harry-Lime-Thema" gespielt hat, die weltbekannte Titelmelodie benannt nach der Rolle von Orson Welles. "Karas ist rein zufällig in den Film gekommen, weil Regisseur Carol Reed und Drehbuchautor Graham Greene 1948 in Wien waren und dort in dem gleichen Lokal in Sievering gegessen haben, wo der gerade mit seiner Zither von Tisch zu Tisch spaziert ist", erzählt Strassgschwandtner.

Seine Komposition wurde ein weltweiter Hit, rund 500 Coverversionen davon kann man sich im Museum anhören; "und keine besser als das Original". Karas, "ein ganz einfacher Mensch, der zu siebent in einer 36-Quadratmeter-Wohnung aufgewachsen ist", wurde ein Star, allein nach Japan unternahm er drei Tourneen. Am Bahnhof in Osaka erklingt noch immer jeden Abend, nachdem der letzte Zug abgefahren ist, das "Harry-Limes-Theme".

Berühmt in Japan

"In Japan hat man gesehen, dass es auch andere Länder gibt, denen es so geht wie ihnen. Da konnte man das auf ein anderes Land projizieren. Deshalb gilt dort der dritte Mann als der bedeutendste internationale Film", erzählt Strassgschwandtner.

Weil der Film ohne historisches Wissen höchstens halb so viel Sinn macht, ist der dritte Raum des Museums nicht dem Film gewidmet. Er beschäftigt sich mit Wien vor und nach dem Krieg. "Ich hab da zuerst eine kleine Ausstellung gemacht, aber das hat dann auch eine Eigendynamik bekommen." Strassgschwandtner hat hier im Laufe der Jahre eindrucksvolle Zeitdokumente angesammelt.

In seinem Zweitjob als Fremdenführer traf er immer wieder Menschen, die mit Wien in einer ganz besonderen Beziehung standen - und selten in einer guten. Er hat sie interviewt und dabei gefilmt. Einen Mann etwa, der mit einem Kindertransport Österreich verlassen hat, während seine Eltern im Konzentrationslager landeten. "Der hat sich 72 Jahre lang geschworen, nicht mehr in die Stadt zu kommen. Es hat ihn aber jeden Tag eingeholt und er wollte dann vor seinem Tod noch einmal in die Stadt zurückkommen. Er hat gesehen, dass sein altes Haus weggebombt wurde, und er war sehr glücklich darüber", erzählt Strassgschandtner.

Gesprochen hat er auch mit einem texanischen Bomberpiloten, der sieben Mal Wien überflogen hat und unter anderem Bomben auf die Oper abgeworfen hat. Und so ist am Ende dann die Wirklichkeit noch einmal ein Stückchen interessanter als der Film, um den sich eigentlich alles drehen sollte.

Knapp 3000 Objekte stellt Strassgschwandtner im Museum aus.

Knapp 3000 Objekte stellt Strassgschwandtner im Museum aus. Knapp 3000 Objekte stellt Strassgschwandtner im Museum aus.






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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-03-28 16:38:07
Letzte Änderung am 2016-03-29 10:19:55


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