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Update: 20.05.2016, 10:38 Uhr

Pratergeschichtn

Barnum & Bailey in der Rotunde




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Von Clemens Marschall

  • Der Prater feiert 2016 seinen 250. Geburtstag: "Unbekannte Praterg’schicht’n" Teil XVII.



Wien. "Lebende Ungeheuerlichkeiten und menschliche Abnormitäten, Wunderdinge und seltene Objecte, Capricitäten und Excentricitäten der Natur" sind auf Plakaten angekündigt, die Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, aus einer Archivkiste des Hauses nimmt. Angekündigt wird hier der legendäre amerikanische Zirkus Barnum & Bailey, der 1900 auf Europareise war und auch im Wiener Prater gastierte.

Hinter Barnum & Bailey steht zuallererst P.T. Barnum, der bis heute als einer der größten Zirkusunternehmer und Showmen aller Zeiten gilt. Der 1810 in Connecticut geborene Waghals gründete 1851 seinen ersten Wanderzirkus und fusionierte 1885 mit dem Schausteller James A. Bailey, was die Geburtsstunde von Barnum & Bailey bedeutete. Die selbstverliehene - und wahrscheinlich gar nicht einmal so übertriebene - Bezeichnung lautete: "größte Schaustellung der Welt". Der gigantische Zirkus sollte in der ebenso gigantischen Rotunde gastieren, und Wien war elektrisiert, als es hieß: "Der amerikanische Zirkus kommt in die Stadt!"


Die Rotunde war ursprünglich für die Weltausstellung 1873 erbaut worden und bekam anfangs von der Wiener Bevölkerung - nicht untypischerweise - vor allem Spott und Häme: Sie wurde im Volksmund abschätzig "Gugelhupf" genannt. Der Bau der damals größten Kuppel der Welt mit 108 Metern Durchmesser hatte 1872 begonnen, doch der Entwurf des Engländers Scott-Russel stellte sich als unbrauchbar heraus, und so mussten kurzerhand österreichische Architekten unter der Leitung Karl Hasenauers einspringen und unter großem Zeitdruck arbeiten. Die Eröffnung am 1. Mai 1873 erfolgte unter regnerischem Himmel, der als Metapher für den weiteren Verlauf dienen könnte: Am 9. Mai 1873 kam der große Börsenkrach. Die Weltausstellung endete mit einem Defizit von rund 15 Millionen Gulden.

Doch die Wiener schienen sich langsam mit der Rotunde zu versöhnen, als dort in den folgenden Jahren zahlreiche verschiedene Shows gastierten: darunter Akrobaten, Kunstreiter, Hunderennen, Musikkapellen und Gesangsvereine. 1878 kam der Völkerschau- und Zoodirektor Carl Hagenbeck mit Nubiern und seiner Tierkarawane in die Rotunde; 1886 feierte die Fürstin Metternich im Kuppelbau ihr erstes Frühlingsfest; es folgten noch mehr ethnologische Schauen mit Siouxtruppen, mexikanischen Cowboys und einem Beduinenlager. Zum 25-Jahr-Jubiläum im Jahr 1898 war eine große Ausstellung mit einer Übersicht über aktuelle Entwicklungen in Wissenschaft, Kunst und Technik zu sehen - und am 25. November 1900 eröffnete Barnum & Bailey im prachtvollen Kuppelbau: Vor täglich 8000 Zuschauern wurde ein umfangreiches Spektakel präsentiert. Im "Neuen Wiener Tagblatt" vom 24. November 1900 steht: "Seit Wochen schon steht ganz Wien unter einem beinahe hypnotischen Eindruck, der von jenseits des Oceans zu uns herüberimportiert worden ist, und mit seiner Alles in seinen Bannkreis ziehenden Gewalt an jene Zeiten zu erinnern schien, wo die Circusromantik noch einen unwiderstehlichen Zwang übte."

Die Beförderung der gesamten Show über den Atlantik war schon im Vorhinein die größte Herausforderung gewesen: Riesige Dampfschiffe traten mit unzähligen Tieren und rund 1000 Menschen den weiten Wasserweg an. In Europa mussten 67 Eisenbahnwaggongs eigens erbaut werden, um die aufwendige Schaustellung am Kontinent zu transportieren.

Teil des Programms waren neben Akrobaten, Seiltänzern und Kunstreitern auch "aquatische Thiere aus der kalten Zone, Amphibien aus den Tropen und die sonderbarsten Creaturen der Naturlaunen. Heilige Rinder aus Indien. Ungeheuer aus den afrikanischen Urwäldern", sowie Seehunde, Giraffen und "kleine Pony-Rennen mit lebenden Affen als Jockeys". All das war zu sehen in "drei Manegen und auf zwei Bühnen sowie auf der Rennbahn und im Luftraume, neben Dutzenden von männlichen und weiblichen Clowns", wie es in den damaligen Programmheften heißt.

Nicht nur Tiere, sondern auch "Wundermenschen" waren Teil der Show, u.a. der Mann ohne Arme, der Pudelmensch, der Expansions-Kraft-Mensch, das lebende Skelett ("zweifellos der dünnste Mensch der Welt und ein wirkliches Knochengerüst") und der hartköpfige menschliche Amboss Billy Wells: "Billy Wells ist zweifellos im Besitz einer höchst sonderbar entwickelten Hirnschale. Dieser merkwürdige Mensch placirt collossale Stücke von massivem Granitstein auf seinen Kopf, woselbst er sie mit den Händen festhält und irgend einem Zuschauer gestattet, mit einem schweren Schmiedehammer solange auf den Granitblock zu schlagen, bis derselbe in Stücke geschlagen herab fällt."

Im Programmheft steht weiter: "Die Aerzte sagen, dass seine Schädeldecke dreifache Stärke besitzt und dass die Nähte vollständig verknöchert sind." Solche "Sensationen" wurden in typischer P.T.-Barnum-Manier vermarktet: Traf er einen großgewachsenen Menschen auf der Straße, konnte es sein, dass P.T. Barnum diesen ansprach und ihm anbot, er könnte ihn als "Giganten" in seine Show einbauen und einen Star aus ihm machen.

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Schlagwörter

Pratergeschichtn, Serie

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-05-19 15:11:05
Letzte Änderung am 2016-05-20 10:38:06


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