• vom 23.06.2016, 14:19 Uhr

Stadtleben

Update: 23.06.2016, 15:02 Uhr

250 Jahre Wiener Prater

Krieg im Prater




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Von Clemens Marschall

  • Der Prater feiert 2016 seinen 250. Geburtstag: "Unbekannte Praterg’schicht’n" Teil XXI.

Bei den "Marineschauspielen" wurden im Prater während des Krieges Seeschlachten mit großen Modellschiffen nachgespielt - den Wienern gefiel’s. - © Circus- und Clownmuseum

Bei den "Marineschauspielen" wurden im Prater während des Krieges Seeschlachten mit großen Modellschiffen nachgespielt - den Wienern gefiel’s. © Circus- und Clownmuseum

Wien. "Die Adria-Ausstellung war dem Prater-Themenpark ‚Venedig in Wien‘ insofern verwandt, als dass sie die adriatische Küstenatmosphäre nachstellte", erzählt Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums. "Aber ein großer Unterschied war, dass ‚Venedig‘ nur der Unterhaltung gedient hatte, während die Adria-Ausstellung auch einen politischen Zweck hatte: nämlich die politischen Beziehungen zur Adria-Küste zu fördern."

Die Adria-Ausstellung bei der Rotunde am Pratergelände wurde am 3. Mai 1913 von Erzherzog Franz Ferdinand in seiner Admiralsuniform und einigen Marinekommandanten eröffnet. Das Eingangsportal war eine Nachahmung des Stadttores vom südkroatischen Zadar, dahinter fand man zahlreiche Nachbildungen, unter anderem von Palästen aus der Adria-Region, der engen Gassen von Opatija und eines Klostergartens der Franziskaner. Im Rektorenpalast, der sich streng am Original in Ragusa orientierte, waren Ausstellungen zu sehen, die von den drei Wiener Vereinigungen Künstlerhaus, Secession und Hagenbund kuratiert wurden.


Neben Österreich-Ungarn beteiligten sich auch Italien und die Türkei an der Adria-Ausstellung. So konnte man an die Adria reisen, ohne Wien zu verlassen, erklärt Kaldy-Karo: "Tatsächliche Reisen waren damals noch der Oberschicht vorbehalten, aber der Prater hat schon immer dazu gedient, Ersatzhandlung fürs einfache Volk zu ermöglichen: für Fernreisen in exotische Länder, für Automobilfahrten zu Zeiten, als die ‚Benzinrösser‘ noch äußerst rar waren, und für eine allgemeine Zerstreuung in schwierigen Zeiten." Technische Entwicklungen wie Elektrizität, Eisenbahn und Kino wirkten sukzessive an den Sehnsüchten der Gesellschaft und den Veränderungen der Praterwelten mit. Im Rahmen dieser Ausstellung wurden nicht nur adriatische Gebäude und Straßenzüge nachgebaut, sondern auch künstliche Gewässer angelegt, um die Illusion eines Hafens zu schaffen.

Attraktion war ein Restaurant auf einem elf Meter breiten Kanal: ein 1200 Personen fassendes Modell des Dampfers "Wien". Der Schiffskörper war ausgestattet mit Rettungsbooten, Ventilatoren und Ankerketten sowie einer geräumigen Küche und einem großen Speisesaal. "Auf der Kommandobrücke war eine Station für drahtlose Telegraphie, wo man als Besucher Funktelegramme in alle Welt verschicken konnte", so Kaldy-Karo.

Von der Adria in den Krieg
In der nahe liegenden Rotunde waren Abteilungen der Kriegs- und Handelsmarine zu sehen, während im Trocadero für leichte Unterhaltung gesorgt wurde, mit Auftritten von Sängern wie Hans Elliott, Gretl König und Minna Bermonay. Einzig das Wetter hielt sich nicht an die Devise "Adria", brachte im Sommer 1913 hauptsächlich Kälte und Regen, aber dennoch kamen beachtliche zwei Millionen Besucher.

Die Monarchie war damals schon sehr brüchig, der Erste Weltkrieg stand kurz bevor. Auslöser war die Erschießung von Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo: Er hatte ein Jahr zuvor noch die Adria-Ausstellung eröffnet. Dem Krieg wurde damals großteils euphorisch entgegengeblickt, auch zahlreiche Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler sprachen sich dafür aus: Oskar Kokoschka meldete sich freiwillig zum Dienst, erlitt im Kampf einen lebensgefährlichen Kopfschuss sowie Bruststich, die er allerdings als "dekorativ" bezeichnete. Der Krieg wurde geschickt mittels einer PR-Maschinerie als Event inszeniert, so auch im Prater.

Egon Schiele als Kriegsmaler
Um die Wiener darüber zu informieren, was an der Front vor sich ging - und um sie weiter für den Krieg zu begeistern -, wurden vom k.u.k. Kriegsministerium Abt. II, Kriegsfürsorgeamt, im Spätsommer 1915 auf der "Vermählungswiese" im Prater Schützengräben und Unterstände aufgebaut. Die Besucher durften dann auch ausprobieren, wie sich das Liegen im Schützengraben oder Ausharren in Unterständen anfühlte - ohne jene Gefahr, die in den Kampfzonen herrschte. Und da man eben doch mehr im Prater als im Krieg war, durften eine Bierausschank, eine Heurigenschank und eine "Gulaschkanone" fürs leibliche Wohl auch nicht fehlen.

"Belehrung des Bevölkerung"
Den Wienern gefiel’s, und von diesem Konzept beeindruckt wurden in den Jahren 1916 und 1917 weitere Kriegsausstellungen initiiert. Egon Schiele war als Kriegsmaler an der Front und gestaltete danach die Ausstellung im Prater mit. Im Kaisergarten mussten die älteren Gebäude, die noch vom "Venedig in Wien" stammten, abgetragen werden: eine Arbeit, die von russischen Kriegsgefangenen durchgeführt wurde, da angesichts des stattfindenden Krieges ein Mangel an Arbeitskräften herrschte. Auf 50.000 Quadratmetern in 25 Abteilungen sollten schließlich beeindruckende technische Entwicklungen auf dem Kriegsgebiet gezeigt werden: Waffen, Raketen, Ersatznahrung, ein U-Boot-Modell aus Holz, das - nach einem alten Brauch - zur "Benagelung" der Besucher vorgesehen war. Der Schiffsrumpf bot Platz für rund 150.000 Nägel, der Erlös der Nagelverkäufe floss in die Kriegshilfe.

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Dokument erstellt am 2016-06-23 14:23:04
Letzte Änderung am 2016-06-23 15:02:10




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