• vom 21.07.2016, 15:11 Uhr

Stadtleben

Update: 29.07.2016, 15:25 Uhr

Wiener Prater

Die Erben der Zaubermeister




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Die Nazi-Puppe
Kaldy-Karo packt die nächste exotische Randfigur des Praters aus: den radfahrenden Bauchredner Franz Steidler (1871-1951). "Am Fahrrad setzte er seine Bauchrednerpuppe immer in einen Korb, der am Lenkrad befestigt war. Die populäre Puppe hörte auf den Namen ‚Nazi‘, eine Koseform von Ignaz, und während er durch die Straßen des 2. Bezirks gondelte, unterhielt er sich laut mit ‚Nazi‘. Ja, er trat nebenbei viel in Pratergaststätten auf und sprach ganz gern dem Alkohol zu - so wie damals viele Zauberer und Artisten." Steidler gastierte in Praterinstitutionen wie dem Zirkus Busch und dem Zirkus Zentral. "Er hatte auch eine Bauchrednerpuppe in Form eines Hundes, die sich heute in unserer Sammlung befindet. Der Hund konnte das Maul bewegen und Wasser auf die Leute spritzen. Als David Copperfield zu Besuch in unserem Museum war, wollte er uns zeigen, dass er noch immer ‚bauchreden‘ kann. Als er die Hundepuppe vom Podest nahm, ist sie ihm allerdings auf den Kopf gefallen - er nahm’s gelassen", zuckt Kaldy-Karo schmunzelnd mit den
Schultern.

Otto Letitzky (1887-1952) trat unter dem Künstlernamen Scadelli auf, anfangs noch als Aushilfe in Kratky-Baschiks Zaubertheater, doch dann kam der Erste Weltkrieg. Der Krieg hatte schwere Strapazen auf ihm hinterlassen, ebenso auf Frau und Kind, und er war bereit, nach Kriegsende jede verfügbare Arbeit anzunehmen. Durch Zufall landete er im "Kleinen Theater für Kunst und Humor Max und Moritz" im 1. Rondo im Prater. "Er trat zwar auch als Zauberkünstler auf, war aber als Bauchredner viel bekannter. Seine Bauchrednerpuppe war der berühmte ‚Prater-Maxi‘, den damals jedes Kind kannte. Mit dem Prater-Maxi ist er vor dem kleinen Theater gestanden und hat die Leute in die nächste Vorstellung hineingelockt. "Oft haben Eltern Scadelli Geld gegeben, damit er ihre Kinder bei den Vorstellungen mahnt."

Die aktuellen Erben
Friedrich Hahnel wurde 1889 im tschechischen Hammer am See geboren und arbeitete schon als junger Mann an seinem eigenen Zauberprogramm. Bei einer Zugfahrt lernte er Fräulein Lisa kennen, die seine Frau werden sollte, und von der sich sein Künstlername ableitet: Fritz Lisetti. "Seine Frau wurde seine Assistentin", so Kaldy-Karo. "Seine beiden Standardkunststücke, die ich heute immer noch vorführe, waren ‚Der verschwindende Schilling‘ und sein ‚Trinkglas durch den Tisch‘. Gelehrt hat er dich meistens was, wenn du ihn eingeladen hast auf ein kleines Gulasch und ein Seidel Bier", erinnert sich Kaldy-Karo, der ihn bis zu seinem Tod 1985 begleitete.

Es gibt aber auch noch lebendige Fortführungen historischer Praterzauberer: Otto Wessely etwa, nunmehr mehr als 40 Jahren in Paris als Zauberkünstler reüssiert. Monika Hemis, Michael Swatosch-Doré und Robert Kaldy-Karo - also die drei tragenden Säulen des Circus- und Clownmuseums - führen die Zaubertradition bis heute im Prater weiter: von 2008 bis 2012 hatten sie ein Kinderzaubertheater im Miraculum am Riesenradplatz. Seit 2012 betreiben Hemis und Kaldy-Karo mit einigen anderen Artisten ein Varieté, das sich originalgetreu vergangenen Zauber- und Kunstformen annähert: "Wir orientieren uns an den Praterhütten um 1890 und zeigen, was man damals zu sehen bekommen hat: Zaubertricks, Mental- und Strom-Experimente, russische Messer- und Schwertspiele, chinesische Papierkunststücke, . . ."

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-07-21 15:14:06
Letzte Änderung am 2016-07-29 15:25:56


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