Über 600 Teilnehmer sind heuer in mehreren Gruppen beim 20. Vienna Chess Open vertreten - © Vienna Chess Open
Über 600 Teilnehmer sind heuer in mehreren Gruppen beim 20. Vienna Chess Open vertreten - © Vienna Chess Open

Wien. "Es ist genau 17 Uhr – Start frei zur vierten Runde!". In diesem Augenblick wird im Großen Festsaal des Wiener Rathauses an über 300 Schachuhren der Startknopf gedrückt. Die Zeit beginnt zu laufen, die ersten Züge werden ausgeführt. Es ist ruhig geworden im Saal, lautes Sprechen, Handyläuten oder andere Geräusche sind ab jetzt verboten. Die Turnierruhe bleibt aufrecht, bis auch die allerletzte Partie kurz vor Mitternacht zu Ende sein wird.

Profis und Hobbyspieler

Über 600 Teilnehmer sind heuer in mehreren Gruppen beim 20. Vienna Chess Open vertreten, darunter 12 Großmeister und zwei weibliche Großmeisterinnen sowie 23 Internationale Meister und vier weibliche Internationale Meisterinnen. Etwa 40 Spielerinnen befinden sich unter den Teilnehmern. Der Favorit des Turniers ist Markus Ragger, Nummer Eins in Österreich und auf Platz 53 der Weltrangliste. Bisher hat der 28-jährige Kärntner souverän alle drei Partien gewonnen, heute wartet die polnische Großmeisterin Jolanta Zawadzka. Ragger geht gelassen an die Sache heran: "Die Favoritenrolle ist natürlich immer etwas Besonderes. Aber ich setze mich nicht unter Druck, sondern versuche einfach, gut zu spielen und mein bestes Schach zu zeigen." Trotzdem ist der Tag eines Schachprofis auch abseits der Partie und der Vorbereitung auf den Gegner streng strukturiert: viel Schlaf, bewusste Ernährung und Ausdauertraining. Ein Freizeitprogramm hat hier keinen Platz: "Wenn ich auf einem Turnier bin, konzentriere ich mich ausschließlich auf das Spielen."

Neben professionellen Schachsportlern wie Ragger gibt es aber auch viele Hobbyspieler, denen ein ansprechendes Rahmenprogramm ebenso wichtig ist wie die Schachpartie. Schließlich wird meist nur eine Runde pro Tag gespielt und bis 17 Uhr bleibt eine Menge Zeit für andere Aktivitäten. Das Organisationsteam des Turniers bemüht sich daher, das Open auch für jene attraktiv zu machen, die nicht wegen des Preisfonds von insgesamt 20.000 Euro dabei sind. Mehrere Sightseeing-Touren werden angeboten, außerdem Gutscheine für die Therme Oberlaa. Am Abend lockt das Filmfestival am Rathausplatz, dazu der feine Duft von Curry oder Gyros, der nach einer langen Partie daran erinnert, wie viel Energie man in den letzten Stunden am Brett eigentlich verbraucht hat.

Schachtouristen als Wirtschaftsfaktor

Der Präsident des Wiener Schachverbands Christian Hursky weiß um die wirtschaftliche Bedeutung des Opens Bescheid. "Über 600 Schachspieler aus 49 Ländern sind für eine Woche bei uns in Wien zu Gast. Die meisten kommen in Begleitung, was in Summe etwa 4000 Nächtigungen ausmacht. Das ist schon ein kräftiger Wirtschaftsimpuls." Für die Anziehungskraft des Turniers sind laut Hursky das Ambiente und Attraktivität der Stadt selbst gleichermaßen verantwortlich: "Wien bietet umfassende Kultur- und Freizeitmöglichkeiten und übt vor allem auf internationale Teilnehmer einen großen Reiz aus. Aber auch der schöne Saal ist ein großes Plus." Viele Besucher kommen vorbei, um sich neben spannenden Partien bei Gelegenheit auch den beeindruckenden Festsaal des Rathauses anzusehen. Prunkvolle Luster erhellen das Gewölbe, die Spieler sitzen auf roten, samtbezogenen Stühlen. Wer gerade auf den Zug seines Gegners wartet, kann seinen Blick einfach durch den Raum schweifen lassen. In den beiden Jahren werden Umbauarbeiten vorgenommen, das nächste Vienna Chess Open kann daher erst 2019 wieder stattfinden.

Junge Talente

Besonderes Augenmerk liegt während des Turniers neben etablierten Stars auch immer auf jungen Schachtalenten. Bei hundert Prozent hält derzeit das usbekische 10-jährige Ausnahmetalent Javokhir Sindarov, sein deutscher Altersgenosse Vincent Keymer bringt es auf zweieinhalb Punkte aus drei Partien. Die Wiener Nachwuchshoffnung Felix Blohberger liegt aktuell bei zwei Punkten. Blohberger besitzt als jüngster Wiener FIDE-Meister bereits einen internationalen Titel, seine aktuelle Elozahl liegt bei 2271. Doch richtig spannend wird es sowieso erst in den letzten Runden. Das Auslosungssystem ist nämlich so aufgebaut, dass immer punktegleiche Spieler auseinandertreffen. So dünnt sich die Spitze immer mehr aus und erst am Ende des Turniers treffen die Punktereichsten in den Schlagermatches aufeinander. Eine Live-Übertragung ins Internet ermöglicht es übrigens auch Schachbegeisterten von zuhause aus, die wichtigsten Partien des Turniers in Echtzeit zu verfolgen: www.live.chess.at