• vom 15.09.2016, 16:40 Uhr

Stadtleben

Update: 15.09.2016, 16:49 Uhr

Wienwoche

Wertvoll, aber begrenzt




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Von Alexander Maurer

  • Öffentliche Räume sind Arenen des Zusammenlebens in Wien. Aber sie verschwinden zunehmend, meinen ein Stadtsoziologe und ein Raumplaner. Bei der Wienwoche geht man verschiedenen Lebensweisen in Wien auf den Grund.



Wien. "Den klassischen Gemeindebaubewohner à la Mundl Sackbauer gibt es nur noch selten", meint Christoph Reinprecht, Stadtsoziologe an der Universität Wien. Er beschreibt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", dass sich die Bevölkerung im Gemeindebau stark gewandelt hat, die gemeinschaftliche Identität an Bedeutung verliert. Im Gegensatz dazu lebe die Grätzlkultur durch Zuzug auf. "Viele junge Menschen interessiert die Geschichte ihrer Wohngegend. So entsteht Identifikation aus Interesse."

Wandlungsfähiger Raum

Information

Wildes Fleisch - Performance Sa., 17.9., 19.30 Uhr. Ateliertheater, Burggasse 71, 1070 Wien. Freier Eintritt, Anmeldung bis 16.9. unter reservation@wienwoche.org

Das sind nur zwei Beispiele für das diverse und dynamische Zusammenleben in Wien. Junge Familien, Paare, Einzelhaushalte, generationsüberspannende Großfamilien - eine Vielzahl an Kulturen und Lebensstilen ist in der Donaumetropole anzufinden. Dass hier verschiedene Interessen aufeinandertreffen, ist klar. Zu Differenzen oder Konflikten kann es da schon leicht einmal kommen. Deren Austragungsort ist der öffentliche Raum als Begegnungsort. Reinprecht illustriert dies mit dem Bild von Senioren auf einer Parkbank, die sich über laute Jugendgruppen ärgern.

Dass die Berücksichtigung dieser vielen Einzelinteressen eine Herausforderung für die Stadtplanung ist, weiß auch Rudolf Scheuvens, Dekan der Fakultät für Architektur und Raumplanung der Technischen Universität Wien. "Man kann nicht nur Quartiere auf eine spezielle Gruppe zuschneiden. Die Diversität im urbanen Raum muss städtebaulich immer wieder neu interpretiert werden", meint er. Der öffentliche Raum sei hierfür aber auch sehr wandelbar, merkt Christoph Reinprecht an und nennt etwa den Rathausplatz, der bei Festivals zum Konsumraum wird.

Im Gegensatz zu Städten wie London oder Paris ist Wien großflächig und verfügt über viele Naherholungsgebiete wie den Wienerwald oder die Donauinsel. Diese seien jedoch weniger in den dichten innerstädtischen Bezirken als in den Rand- und Flächenbezirken zu finden, gibt Reinprecht zu bedenken. Gut ausgebauter öffentlicher Verkehr und die Möglichkeit zur Mobilität als Weg zu diesen öffentlichen Räumen sind daher sehr wichtig.

Das zeigt sich in der Seestadt Aspern, die Reinprecht in der ersten Phase der Besiedlung begleitet hat. So unterschiedlich wie die Gründe für den Zuzug gestaltet sich auch die Nutzung des dortigen öffentlichen Raums, der nicht für alle gleichermaßen interessant ist. Während es junge Familien eher an den See zieht, fahren andere regelmäßig in die Innenstadt, ob nun für Arbeit oder Vergnügen.

Refugium Kaffeehaus

Das Gefühl der Verlorenheit und des Untergangs in der Masse wächst durch starke Zuwanderung und Verdichtung im öffentlichen Raum. "Die Anonymität der Stadt birgt den Nachteil, dass es außer den eigenen vier Wänden oft nur wenig Rückzugs- oder Ruheorte gibt. Eine klassische Lösung ist speziell für Wien das Kaffeehaus. Hier kann man sich zurückziehen und Intimität haben, obwohl man unter Leuten ist", betont der Stadtsoziologe.

Diese Räume seien aber zunehmend bedroht. Schon lange könne man beispielsweise nicht mehr für einige Stunden im Kaffeehaus sitzen, ohne etwas zu bestellen. "Es herrscht seit Jahren ein starker Kommerzialisierungsdruck in Wien, da die Stadt viel zu lange auf kommerzielle Belebung gesetzt hat. Bis zu einem gewissen Grad macht das auch Sinn, aber wenn es überhandnimmt, kommt es zu Problemen."

Konsumfreie Erholungsräume würden verschwinden. So ist der Donaukanal mittlerweile fast gänzlich von Lokalen gesäumt und in Hietzing kämpft eine Bürgerinitiative seit Jahren gegen die Teilverbauung des Naherholungsgebiets Hörndlwald. "Trotz einiger Gegenbeispiele wie den Radwegen im Wienflussbett ist das ein großes Problem", ist Reinprecht überzeugt.

Oft ist von Gentrifizierung, also Stadtaufwertung, die Rede, beispielsweise beim Yppenplatz in Ottakring, wo sich immer mehr teure Lokale ansiedelten. "Trotzdem finden sich dort auch noch eingesessene Migranten oder junge Leute mit weniger Kaufkraft", so Reinprecht. Denn Gentrifizierung in Wien ist ein langsamer Prozess, erklärt der Stadtsoziologe. Das liegt vor allem an den steigenden Preisen des Wiener Wohnungsmarktes. "Wenn Sie in den Achtzigern eine günstige Wohnung bezogen haben, werden Sie die so schnell nicht verlassen", gibt er zu bedenken.

Thema bei Wienwoche

Den teuren Wohnungsmarkt sieht Reinprecht überdies als große Bedrohung für die Zukunft. "Für viele Menschen, die neu nach Wien ziehen, wird es immer schwieriger, leistbaren Wohnraum zu finden. Auch die Neubauten sind für sie kaum erschwinglich. Hier gibt es kein Konzept und das ist eine Zeitbombe", warnt er.

Das Künstlerkollektiv "VN Jaeger & Schwarzwald" geht im Rahmen der Wienwoche mit seiner Performance und Ausstellung "Wildes Fleisch" den verschiedenen Lebensweisen Wiens vor allem zwischenmenschlich auf den Grund. "Wir versuchen selbst, jenseits der üblichen Modelle wie Kleinfamilie oder Paarbeziehung, unser Leben zu meistern", so die Künstler, die selbst in Mehrfachbeziehungen zusammenleben. "Es geht hierbei aber nicht ausschließlich um Sex, auch wenn das vielen gleich zuerst in den Sinn kommen mag. Da stehen wertvolle und lange Freundschaften sowie gemeinsame Arbeit und die damit verbundenen Herausforderungen im Vordergrund, auch unter dem Aspekt der Vergemeinschaftung von Distanz." Auch der öffentliche Raum ist für die Künstler wichtig. "Unsere Performances und Ausstellungen fügen ihm für eine gewisse Zeit eine neue Komponente hinzu und verändern ihn", meinen sie.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-09-15 16:44:04
Letzte Änderung am 2016-09-15 16:49:58


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