• vom 16.09.2016, 16:06 Uhr

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Update: 16.09.2016, 16:34 Uhr

Wienwoche

"So weit ist es schon bei uns"




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Von Valentine Auer

  • Refugee TV eröffnet im Rahmen der Wienwoche ein temporäres "Good News Studio" in einer Flüchtlingsunterkunft in Ottakring.

Wien. Seit Herbst 2015 berichtet Refugee TV aus "der anderen Perspektive" über die Themen Flucht und Integration. Am Wochenende eröffnet der Sender im Rahmen des Wienwoche-Festivals ein temporäres "Good News Studio" in einer Wiener Flüchtlingsunterkunft, um "Brücken statt Zäune" zu bauen.

Noch vor zwei Wochen versuchten sie im Tiroler Bergdorf Alpbach ein Interview mit Außenminister Sebastian Kurz zu bekommen. Mit dem spontan beschlossenen Argument "keine Kameras" wurden sie von den Pressesprechern "hart, aber doch entschlossen" rausgeworfen, erzählt David Groß. Er ist der Initiator des österreichischen Senders Refugee TV, der in den kommenden Tagen sein Headquarter in die Flüchtlingsunterkunft "Haus Liebhartstal" im 16. Bezirk verlegen wird. "Wir eröffnen ein Good News Studio in einer Flüchtlingsunterkunft. Das ist ein Statement. Von außen sieht es sogar ein wenig wie der Küniglberg aus", erklärt Groß grinsend.

Information

Am 17. September wird das RefugeeTV "Good News Studio" in der Thaliastraße 157 ganztägig für Geflüchtete und medieninteressierte Wiener geöffnet. Am 18. September startet ab 16:00 das Filmprogramm, inklusive Diskussion und anschließendem Buffet.

Im September vergangenen Jahres startete Refugee TV in Salzburg. Bereits im Oktober 2015 wurde der erste Beitrag zum damaligen Hotspot an der österreichisch-deutschen Grenze veröffentlicht. Ein Team von geflüchteten Journalisten, Moderatoren, Kameramänner- und frauen produziert seitdem gemeinsam mit österreichischen und deutschen Filmemachern regelmäßig Beiträge. Schwerpunkte wie Angst oder Selbstbewusstsein werden in Magazin-Form mit Flucht, Migration und Integration zusammen gebracht. Und zwar aus "der anderen Perspektive" - so das Motto von Refugee TV.

Wie reagiert eine aus Syrien geflüchtete Person, wenn sie das erste Mal die Fratzen bei einem Krampuslauf sieht? Was wissen Tiroler Kinder über das so heftig diskutierte Thema Flucht? Wie stehen Teilnehmerinnen der Kampagne "One Billion Rising", die gegen Gewalt an Frauen und Mädchen antanzen, zu den zu Silvester stattgefundenen Gewalttaten in Köln? Das sind Fragen, die dabei entstehen und die zugleich Brücken zwischen geflüchteten Personen und der sogenannten Mehrheitsgesellschaft bauen wollen.

Refugee TV in Wien

Seit April berichtet ein Wiener Team aus dieser anderen Perspektive: Tanya Kayhan zum Beispiel. Nach einem Journalismusstudium arbeitete sie in Afghanistan für EinsTV als Moderatorin, für Voice of America sowie für das afghanische Parlament als Reporterin. Seit 2011 lebt sie in Österreich. Mittlerweile arbeitet sie beim Community TV-Sender Okto TV, hin und wieder für W24 und eben auch bei RefugeeTV.

"Ich will positive Reportagen über Flüchtlinge zeigen, denn in den österreichischen Medien kommen diese zu kurz. Es gibt so viel Positives über das berichtet werden muss, aber es wird nicht ausgestrahlt." Daher brauche es die andere Perspektive, brauche es Refugee TV, erklärt Kayhan. Zudem fehle es an Programm für geflüchtete Personen. Aus der afghanischen Community komme immer wieder das Feedback, dass sie sich Refugee TV näher fühlen als anderen Sendern in Österreich. Mit ein Grund hierfür ist neben der Themenauswahl, dem Berichten aus der anderen Perspektive wohl auch – ganz pragmatisch – die Sprache: Die Beiträge werden in Deutsch, Englisch und zum Teil Arabisch ausgestrahlt.

"Geflüchtete Menschen haben so viel erlebt. Sachen, von denen viele Österreicher nichts wissen können. Sie haben vieles zu erzählen", pflichtet Sobhi Aksh seiner Kollegin bei. Vor zwei Wochen ist er zwanzig geworden. In Wien lebt er seit Oktober 2014. Der Wunsch Filme zu machen, entstand bereits als Jugendlicher in Syrien.

Keine Gegenliebe von Sebastian Kurz

Aksh ist einer der Journalisten, der sich nach Alpbach wagte. Nach Wien kehrt er mit gemischten Gefühlen zurück. Einerseits: Schön. Bunt. Viele Blumen. Verglichen mit Wien nahm er in der Tiroler Gemeinde einen weniger gestressten, vor allem weniger rassistischen Umgang ihm gegenüber wahr. Ob Letzteres daran liegt, dass ihn die Menschen für einen Touristen hielten, könne er natürlich nicht sagen.

Andererseits kippte die Vorfreude, den Außenminister kennenzulernen, bald in Enttäuschung um, als dem nicht so war: "Für mich war er ein Vorbild. Aber meine Liebe stieß wohl nicht auf Gegenliebe." Umgeben von ungläubigen Blicken als er sein Liebesgeständnis äußert, erklärt er lachend weiter: "Kurz ist berühmt. Er ist der jüngste Außenminister auf der Welt. Ich habe die Motivation, der jüngste Regisseur auf der Welt zu werden."

Mit geflüchteten Journalisten konfrontiert

"Es ist etwas anderes, wenn ein Journalist, der selber in einem Flüchtlingslager war, kritische Fragen zu Kurz' Vorstellungen im Asylbereich stellt", meint Groß. Die bewusste Konfrontation mit geflüchteten Journalisten funktioniert nicht nur auf politischer Ebene, sondern auch bei den Interviews auf der Straße, so Groß weiter: "Wenn wir den Leuten erzählen, dass wir von Refugee TV kommen, ist die erste Reaktion oft 'So weit ist es schon bei uns'. Durch das Interview kommt man ins Gespräch, es passiert schnell ein kultureller Austausch."

Kayhan ergänzt aus ihrer Perspektive: "Für mich ist es spannend unter Leute zu gehen, unterschiedliche Kulturen zu sehen, zu verstehen und zu erkennen, welche Probleme es gibt, welche guten Sachen entstehen."

Fokus auf das Gute

"Gutes entstehen" soll auch im Rahmen des Wienwoche-Festivals: Für zwei Tage eröffnet das Refugee TV "Good News Studio" in der Flüchtlingsunterkunft mit dem Ziel, "Brücken statt Zäune" zu bauen.

Am 17. September wird Menschen mit und ohne Fluchthintergrund im Rahmen von Workshops Wissen über Medienproduktion weitergegeben. Beispiele, wie positive Nachrichten aussehen können, werden am Sonntag gezeigt. Unter anderem wird das Ergebnis des ersten Refugee-Heimatfilms aus Alpbach präsentiert sowie Kayhans Reportage "Jenseits des Schleiers", die sich mit der Frage beschäftigt, wie Migration das Leben afghanischer Frauen verändert.

Anschließend wird gefeiert. Nicht nur die Produktion und Verbreitung guter Nachrichten, sondern auch die Hoffnung, dass Refugee TV bald Geschichte ist: "Mein Ziel ist, dass es Refugee TV nicht braucht. Es sollte keinen Unterschied machen, ob ein Filmemacher aus Syrien oder Afghanistan kommt. Bis es soweit ist, dass Syrer, Afghanen, Somalis selbstverständlich in der österreichischen Film- und Medienlandschaft mitarbeiten, setzen wir ein Zeichen und stellen eine Art künstlerische Provokation dar", so Groß abschließend.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-09-16 16:07:49
Letzte Änderung am 2016-09-16 16:34:00


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