• vom 22.09.2016, 17:24 Uhr

Stadtleben

Update: 22.09.2016, 19:28 Uhr

Wienwoche

"Wien war immer eine sexuelle Stadt"




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Von Niklas Hintermayer

  • Sexualberater Stefan Kühne über das Kennenlernen von heute auf Online-Plattformen im Vergleich zum Jahr 1900.

Heiratsanzeige ganz nach der "alten Schule" in der "Wiener Zeitung" aus dem Jahre 1853.

Heiratsanzeige ganz nach der "alten Schule" in der "Wiener Zeitung" aus dem Jahre 1853.© WZ-Montage, Fotolia/pico Heiratsanzeige ganz nach der "alten Schule" in der "Wiener Zeitung" aus dem Jahre 1853.© WZ-Montage, Fotolia/pico

Wien. Wien war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Vorreiter in der Sexualität. Auch damals wurden Kontaktanzeigen in Zeitschriften veröffentlicht. Heute boomen Dating-Plattformen im Internet. Die Wienwoche widmet sich diesem Thema mit der 24-Stunden-Performance "#L0V3_H4CK1N6". Die "Wiener Zeitung" hat mit dem Sexualberater Stefan Kühne über das Kennenlernen in Wien um 1900 und heutige Online-Plattformen als Marktplätze gesprochen.

"Wiener Zeitung": Wien galt vor hundert Jahren als Wegbereiter der modernen Sexualität. Inwiefern?

Information

Zur Person

Stefan Kühne studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Bonn. 2001 zog er nach Wien und ist heute Leiter der wienXtra-jugendinfo und wienXtra-soundbase - spezialisiert auf Onlineberatung, Jugendarbeit, Sexualthemen.

"#L0V3_H4CK1N6": Eine 24-Stunden-Performance Samstag 12 bis 0 Uhr, Sonntag 9 bis 12 Uhr. Das Gschwandner, Geblergasse 36-40.

Stefan Kühne: Wien war immer eine sehr sexuelle Stadt. Ein wichtiger Einschnitt war um 1900. Sigmund Freud oder Wilhelm Reich haben in der Medizin und Psychologie zur Sexualität geforscht. Sie haben zum ersten Mal Dinge benannt, die nicht der klassischen "Norm" entsprachen. Durchaus kontroversiell.



Welche Kontroversen meinen Sie?

Etwa die Erwähnung, dass es kurz vor 1900 auch schon Schwule und Lesben gab. In der medizinischen Aufklärung war der Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten wichtig. Daraus kann man ableiten, dass es schon außerehelichen Geschlechtsverkehr gab. Den gab es besonders im Bereich der Prostitution. Das war auch schon immer ein Thema in Wien.

Welche Moralvorstellungen gab es damals von Sex und Beziehungen?

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Mensch eher gezwungen, eine Beziehung einzugehen. Also zu heiraten, wo der Mann verdient, die Frau sich um Familie kümmert. Das war das "Idealbild". In der Praxis wurde dieses bereits damals konterkariert: Es gab immer außereheliche Affären und Prostitution. Sex war auch eine Frage des Status. Der Erzherzog als Thronfolger konnte sich mehr herausnehmen als der einfache Arbeiter. Um 1900 begann aber auch das erste "Freiwerden" der Frau. Das war wichtig für die Thematik rund um Beziehungen und Sex. Die Moralvorstellungen wurden lange nur von Männern bestimmt. Denn sie hatten die Macht.

Wie sah ein Kennenlernen aus?

Es war eine Kultur des Blickens. Keine Kultur des "Erzähl-mal-was-von-dir". Wo sieht man jemanden und wie reagiert man darauf. Das war mehr als heute eine Frage der öffentlichen Räume. Das konnte beim Flanieren im Prater sein oder auf einem Ball. Das ist der große Unterschied zu heute: Man kann sich von der Couch aus verlieben.

Es gab aber schon damals eine Art von Kontaktanzeigen?

Wer aus dem eng vorgezeichneten Weg der Partnersuche ausbrechen wollte, brauchte eine Form von Code. In den 1920er Jahren wurden Kontaktanzeigen geschrieben und man konnte ahnen, was gemeint ist. Das konnte von Brieffreundschaften bis zu Sex alles beinhalten. Diese wurden in vielen konservativen Zeitschriften geschalten.

Ein Sprung in die Jetztzeit. Laut einer Parship-Umfrage findet bereits jeder vierte Wiener seinen Partner im Internet. Stimmt das?

Der wichtigste Aspekt bei solchen Umfragen ist, dass hinter den Anbietern Geschäftsmodelle stehen. Das sind Plattformen, die damit Geld verdienen. Sie spielen mit den Sehnsüchten der Menschen nach Sex, Partnerschaft. Ich schließe nicht aus, dass sich Leute so gefunden haben. Aber es gibt auch Leute, die da untergehen. Wie so oft bei technischen Möglichkeiten, kann man nicht sagen: Es ist gut oder schlecht. Es ist die Frage, was die Leute daraus machen. Die Zeit des Internets hat eine unglaubliche Befreiungskraft. Leute können zu allen Interessen Kontakte finden.

Was sagt dieser Wandel über unsere Gesellschaft aus?

Die Freiheit des Lebens hat stark zugenommen. Das ist begrüßenswert. Gleichzeitig gibt es Multi-Optionen. Nicht mehr den einen engen Weg der Partnersuche, wie vor hundert Jahren. Das Internet mit den Plattformen ist ein Ausdruck dieser ausdifferenzierten Möglichkeiten. Ich glaube aber auch, dass dem Ganzen eine narzisstische Störung zugrunde liegt. Ich will Likes und Follower haben. Es ist eine Form der Rückbestätigung der eigenen Identität oder was ich dafür halte. Was nicht heißt, dass ich als Person gemeint bin, sondern wie ich mich online präsentiere.

Online Flirt-Apps spielen vorwiegend mit der Magie des "ersten Blicks". Ist das nicht eine reine Shoppingtour?

Ich glaube, dass die Mechanismen die gleichen wie beim Shopping sind. Ein Beziehungs-Modell-Wesen, das vom Kapitalismus geprägt ist. Die israelische Soziologin Eva Illouz hat das gut herausgearbeitet: Das Internet funktioniert nach Marktgesetzen. Du hast Bilder, die Produkten gleichen. Nicht umsonst gibt es jetzt flächendeckend Fitnessstudios in Wien. Der antrainierte Körper ist eine Art Währung, mit der man auf diesen Portalen zahlt.

Ist eine Partnersuche nach Marktmechanismen nicht auch eine Gefahr der völligen Objektivierung des Menschen?

Menschen mit einer Sehnsucht, nicht von Marktmechanismen bedient zu werden, werden dort scheitern. Ich glaube aber, dass die heutige Jugend das schon checkt. Die werden ja wieder konservativer. Die Jugendlichen wissen etwa, dass sie auf Pornos von A-Z zugreifen können, aber gleichzeitig, dass es Pornos sind. Sie spüren, dass sie vielleicht andere Bedürfnisse haben. Dass sie eher warten mit dem ersten Mal.

Wie sehen Sie die Zukunft?

Ich glaube, dass es von der jetzigen jungen Generation eine Selbstverständlichkeit geben wird, beim Bespielen verschiedener Räume. Sie wissen, wer sind die Freunde in der Nachbarschaft oder digitale Freunde. Die virtuelle Partnersuche wird ganz normal in den Lebensalltag eingebaut.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-09-22 17:29:08
Letzte Änderung am 2016-09-22 19:28:16



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