• vom 25.09.2016, 10:02 Uhr

Stadtleben

Update: 04.10.2016, 12:53 Uhr

Athen

Gründen gegen die Wirtschaftskrise




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Unter ihnen sind Stefanos Vasdekis und John Nousis mit ihrem Start-up Travelmyth, eine Suchmaschine für Hotels. Ihr Programm durchläuft andere Suchmaschinen wie etwa booking.com, um den besten Preis zu finden. Vasdekis und Nousis, blaue Hemden, Jeans und Kurzhaarschnitt, haben die Rollos ihrer Bürofenster heruntergezogen, um die starke Sonne abzuwehren. Das Licht im Zimmer ist aufgedreht. Die beiden Athener haben sich wie Calafatis entschieden, die Stadt nicht zu verlassen. Es habe auch keinen Grund gegeben, denn die Krise wirkt sich nicht auf ihr Unternehmen aus, sagt Vasdekis. "Unsere Kunden kommen nicht aus Griechenland", erklärt er. "Da wir per Skype oder Mail mit unseren Kunden in Kontakt sind, spielt es auch keine Rolle, wo wir unsere Zelte aufschlagen. Das könnte auch auf einer einsamen Insel mit Internetanschluss sein."

Krise als Ausrede für schlechte Bezahlung

Stefanos Vasdekis und John Nousis von Travelmyth und Maria Calafatis.

Stefanos Vasdekis und John Nousis von Travelmyth und Maria Calafatis.© Vasari Stefanos Vasdekis und John Nousis von Travelmyth und Maria Calafatis.© Vasari

Travelmyth ist bereits ihr achtes Start-up und das erste, mit dem sie Erfolg haben. Sechs Mitarbeiter haben sie eingestellt. Sechs Athener, die in der Krisenzeit einen Job bekommen haben. Dass die Krise aber bald zu Ende sein wird, glauben Vasdekis und Nousis nicht. "Wir haben das Gefühl, dass es noch schlechter wird", sagt Nousis.

Die Krise zu spüren bekommen hat hingegen Dionisis Kakolyris. "Schauen Sie mich an. Ich bin 37 Jahre alt, habe eine Million Diplome, kann alles programmieren und überall arbeiten. Ich habe aber nichts." Es ist nicht so, dass er als Programmierer keinen Job in Athen bekommen würde. Doch für das gewöhnlich angebotene Gehalt von 1000 Euro im Monat bei 50 bis 60 Wochenstunden möchte Kakolyris nicht arbeiten. "Viele Unternehmer verweisen auf die Wirtschaftskrise und sagen, dass sie nicht mehr zahlen können", sagt er und schüttelt ungläubig den Kopf.

Er zeigt auf sein Moped, dass er am Straßenrand geparkt hat. "Wenn ich mit meiner Ausbildung in Kalifornien arbeiten würde, hätte ich einen Tesla und ein großes Haus. Hier wohne ich in einer kleinen Wohnung und fahre ein altes Moped."

Auf der Suche nach 500.000 Euro

Die griechische Hauptstadt zu verlassen ist für ihn aber trotzdem keine Option. "In Athen habe ich meine Familie und das Meer, die Strände und die Inseln vor der Haustüre." Da er keinen passenden Job findet, hat er sich vor ein paar Monaten dazu entschlossen, selbständig zu werden.

Gemeinsam mit einem Schulfreund gründete er das Start-up Autofire, eine cloudbasierte Anwendung für Hersteller von Videospielen. Autofire analysiert das Spielverhalten seiner Akteure und schickt die Daten an die jeweiligen Hersteller. "Sie sehen, welche Dinge den Spielern besonders gefallen und was ihnen Spaß macht", erklärt Kakolyris. "Die Daten können als Grundlage für die Optimierung des Spiels dienen. Der Spaßfaktor kann damit also erhöht werden." Einen Investor hat er noch nicht gefunden. 500.000 Euro wären notwendig, um Autofire auf den Markt zu bringen.

Doch so sehr er Athen als Lebensmittelpunkt schätzt, so wenig möchte er mit der hiesigen Bürokratie zu tun haben. "In Griechenland musst du tausend Fragen beantworten, bevor du überhaupt mit deinem Unternehmen starten kannst, und Steuern zahlen, obwohl du noch keinen einzigen Cent verdient hast", sagt der Gründer. Er hat Autofire daher in Großbritannien registriert. "Das war sehr einfach und kostete insgesamt 400 Euro. Diesen Betrag konnte ich mir leisten." Den Vorteil gegenüber Griechenland bringt er knapp auf den Punkt: "Es ist offiziell, niemand fragt, es ist gut."

Vom ersten Tag an Steuern zahlen



Kakolyris ist bei weitem nicht der Einzige, der sein Unternehmen im Ausland registriert. Vor allem Bulgarien und Zypern sind beliebte Länder, um der griechischen Bürokratie zu entkommen. Auch das Unternehmen Marketmentoro wurde nicht in Griechenland, sondern in Zypern gegründet. Geschäftsführerin Katerina Kadena sagt dazu: "Ich hätte das Unternehmen auch lieber in Athen angesiedelt. Nur ist die Steuerlast zu hoch."

Als Gründer eines Unternehmens muss man in Griechenland vom ersten Tag an Steuern und Sozialversicherung zahlen. Kadena erklärt: "Man muss angeben, wie viel Profit im kommenden Jahr erzielt werden könnte. Von diesem Betrag wird dann mindestens 29 Prozent Steuern und mehr als 40 Prozent an Sozialleistungen abgezogen. Das Geld zahlt man nicht am Ende, sondern am Anfang des Jahres. Wer kann sich das schon leisten? Kein Wunder, dass alle ins Ausland gehen."

In Zypern zahle ein Gründer im ersten Jahr hingegen gar nichts, sofern er nicht mehr als 15.500 Euro Gewinn macht. Danach werden 12,5 Prozent an Steuern abgezogen. Im ersten Jahr sei auch keine Sozialversicherung zu zahlen. Auch in Österreich ist die Zahlung von Steuern erst ab einem Mindestgewinnbetrag vorgeschrieben. Ab einem Gewinn von jährlichen 11.000 Euro sind davon 25 Prozent fällig. Im Gegensatz zu Zypern steigt auch der Prozentanteil, wenn höhere Gewinne erzielt werden. Vom ersten Tag an zahlt man mindestens 181 Euro pro Monat an Sozialversicherungsbeiträgen und jährlich etwa 130 Euro Grundumlage an die Wirtschaftskammer.

Maria Calafatis kennt die Probleme der hohen Abgabenlast für Jungunternehmer in Griechenland. Sie fordert, dass sich die Politik endlich in dieser Frage bewegen solle. Doch sie kennt die Antwort der Regierenden. Es ist die ewige Leier seit sieben Jahren. "Wir haben doch Krise, sagen sie immer. So als wäre sie die Ausrede für alles", sagt Calafatis. "Wenn man aber immer nur die Krise sieht und damit die Chancen und Möglichkeiten behindert, dann wird es nie bergauf gehen."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-09-23 16:05:11
Letzte nderung am 2016-10-04 12:53:25



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