• vom 09.11.2016, 17:17 Uhr

Stadtleben

Update: 17.01.2018, 09:38 Uhr

Zwischennutzung

Krieg der Pioniere




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Von Saskia Blatakes

  • Oase der Kreativwirtschaft, Vorzeigeprojekt und Objekt der Kritik: das Packhaus.

...Nicht allen gefällt das. Sie machen der Betreiberin Margot Deerenberg (l.) schwere Vorwürfe bezüglich ihres Managementstils. - © Liane Tschentscher/Marija Jociute

...Nicht allen gefällt das. Sie machen der Betreiberin Margot Deerenberg (l.) schwere Vorwürfe bezüglich ihres Managementstils. © Liane Tschentscher/Marija Jociute




© Marija Jociute © Marija Jociute

Wien. Die Medien und die Stadtregierung feiern das "Packhaus" in der Marxergasse im 3. Bezirk als Paradebeispiel erfolgreicher Zwischennutzung. Das gefällt nicht allen. Das Ergebnis ist ein Kapitel Wiener Stadtentwicklung, das spaltet. Für die einen ist es eine Erfolgsgeschichte, wie da aus einem tristen, leerstehenden Amtsgebäude ein belebtes Bürohaus wurde, ein Zentrum der Kreativen und Motivierten. Die junge Betreiberin Margot Deerenberg wird dafür jetzt schon zur "Koryphäe" der Zwischennutzung geadelt. Für die anderen ist das hippe Projekt ein Paradebeispiel für den Verrat eines alternativen Vorhabens, das ihrer Meinung nach altruistisch sein und den Benachteiligten der Stadt nützen sollte. Margot Deerenberg wird vorgeworfen, im Alleingang streitbare Entscheidungen getroffen und soziale Projekte hinausgeworfen zu haben, weil sie nicht ins Bild der schicken Start-up-Welt passten.

Hier treffen Pragmatiker auf Idealisten, Unternehmer auf Künstler. Es herrscht Streit zwischen Mastermind Margot Deerenberg und ehemaligen Mitarbeitern des Vereins "Paradocks", die auch einmal Freunde waren und mittlerweile nur noch via Anwalt kommunizieren. Anonym haben sie sich an die "Wiener Zeitung" gewandt, mit dem Anliegen, der "Lobhudelei", wie sie es nennen, etwas entgegenzusetzen. Ein Streit, der auch daraus resultiert, dass bei Projekten wie diesem aus Freunden, Mitarbeitern und aus jungen Idealisten plötzlich kühl kalkulierende Unternehmer werden.



Platz für die hippe Kreativwirtschaft wird im Packhaus geschaffen...

Platz für die hippe Kreativwirtschaft wird im Packhaus geschaffen...© Marija Jociute Platz für die hippe Kreativwirtschaft wird im Packhaus geschaffen...© Marija Jociute

"Endlich ist Zwischennutzung nach vielen anderen europäischen Städten auch in Wien angekommen und schon wird wieder gejammert", seufzt Jutta Kleedorfer, Projektkoordinatorin für Mehrfachnutzung in der MA18, dem Magistrat für Stadtentwicklung und Stadtplanung. Sie ist frustriert von den internen Streitereien und ideologischen Scharmützel um das Vorzeigeprojekt "Packhaus". Denn die Zwischennutzung in der Marxergasse war von Anfang auch ein Pilotprojekt. Es sollte zeigen, dass Zwischennutzung allen Seiten nützen kann: Dem Grätzl, weil da statt einem öden, verlassenen Bürokomplex plötzlich ein Zentrum junger und kreativer Menschen entsteht, inklusive Blumenkästen vor dem Haus und Eintopf für alle beim "Grätzl-Lunch". Der Stadt, weil es vernachlässigte Viertel aufwertet, weil Start-ups profitieren und die Wirtschaft ankurbeln. Den Jungen, Kreativen und Prekären, die auf der Suche sind nach günstigen Büros und Ateliers. Und natürlich den Investoren und Immobilienfirmen, denn sie bekommen durch die Zwischennutzung völlig kostenlos eine Art "Hausbesorger", die dafür sorgen, dass das Gebäude gepflegt, vielleicht sogar in Eigenregie renoviert wird und dass sich vor allem keine Hausbesetzer breitmachen.

Gestiegene Mietpreise

Eine klassische Win-win-Situation? Zumindest ist nach zwei Jahren aus dem leerstehenden ehemaligen Bundesrechenzentrum in der Marxergasse längst ein modernes Bürogebäude geworden. Das Erdgeschoß wurde komplett renoviert. Der alte Teppichboden wurde herausgerissen, der Betonboden ist frisch lackiert. Vintage-Möbel stehen neben Designer-Stücken. Durch große trübe Fenster scheint die Sonne auf einen langen Esstisch aus Holz. Ein düsteres Treppenhaus führt in die eher kleinen, meist dunklen Zimmer, die noch an die damalige Amtsatmosphäre erinnern. Hier arbeiten heute Kreative und Start-ups. Doch die Miete ist von Anfangs wenigen Euro um fast zehn Euro pro Quadratmeter gestiegen.

Es läuft gut. Trotz der hohen Mieten, oder vielleicht gerade deswegen. Denn die Mieter bekommen einiges geboten für ihr Geld: Nebenkosten, Internet, Reinigung durch einen Putzmann und Küchenmitbenutzung - alles ist inkludiert. Das zieht ein anderes Klientel an als zu Beginn: Statt mittelloser Künstler arbeiten hier jetzt Unternehmer und freie Dienstnehmer, die schon Geld verdienen mit ihrer Arbeit und es sich leisten können, in ein Büro zu investieren, in das man auch Kunden einladen kann. Das Packhaus ist repräsentativ und hat dabei die Aura des Subversiven, Unfertigen, Unkonventionellem behalten. Auch eher konservative Institutionen mieten mittlerweile gern das Erdgeschoß für ihre Veranstaltungen. Business mit Shabby Chic, das kommt gut an. 20 Anfragen für Büroräume gebe es pro Woche, erzählt Margot Deerenberg. Die junge Stadtgeografin war von Anfang an Betreiberin des Projektes. Auf der Suche nach einem Ansprechpartner hatte sich die Immobilienfirma Conwert an Stadtplanerin Jutta Kleedorfer gewandt, die hatte Deerenberg vorgeschlagen.

Aussage gegen Aussage

Man kannte sich vom Zwischennutzungsprojekt Trust 111 in der Schönbrunnerstraße im 5. Bezirk. Ausgeschrieben wurde die Stelle nicht. Conwert ist zwar einverstanden, dass Start-ups und Kreative in das Gebäude einziehen, fürchtet sich aber vor Klagen wegen Lärmbelästigung und anderen Nebenwirkungen exzessiven Feierns. Auf der Suche nach einer seriösen Betreiberin, die Verständnis haben muss, für die Sorgen der Investoren, rät ihnen Kleedorfer zu Deerenberg.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-11-09 17:20:18
Letzte Änderung am 2018-01-17 09:38:12


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