• vom 09.11.2016, 17:17 Uhr

Stadtleben

Update: 17.01.2018, 09:38 Uhr

Zwischennutzung

Krieg der Pioniere




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Kleedorfer spricht lobend über ihren Schützling, lobt ihr professionelles Konzept für das Packhaus, ihre guten Ideen, ihren Fleiß. Es fallen aber auch die Worte Selbstdarstellung und Pioniergehabe. Und sie sagt: "Ich weiß, dass gestritten wird." Ehemalige Mitarbeiter werfen Margot Deerenberg jetzt eine Liste an Verfehlungen vor. Es geht um Anstellungsverhältnisse und um Geld. Sie habe Festanstellungen versprochen und nie eingelöst, heißt es. Ihre Rücklagen, die nur aus der Kaution der Mieter bestehen, seien nicht ausreichend dafür, kontert sie. Sie habe unsauber gearbeitet, zum Teil sogar selbst profitiert. Gar Airbnb-Wohnungen soll sie im Packhaus vermietet haben. Deerenberg bestreitet die Vorwürfe. In allen Punkten steht Aussage gegen Aussage.

Klar ist, dass Margot Deerenberg spaltet: Die einen sehen in ihr die pragmatische Jungunternehmerin mit zupackender Mentalität, die anderen eine gefühllose Immobilienmagnatin außer Rand und Band. Klar ist auch, in Sachen Mitarbeiter- und Unternehmensführung besteht die Führungsriege des Hauses aus Autodidakten. Nichts Ungewöhnliches bei einem Immobilienprojekt, das Start-ups nützen soll und selbst auch eine Art Start-up ist.

Doch welche Schuld trifft die Stadt? Ein Kritikpunkt ist eine finanzielle Forschungsförderung von 12.000 Euro, die das Packhaus 2014 erhalten hat, darüber hinaus sind keine Gelder der Stadt geflossen. Die Summe wurde vor zwei Jahren von der Kulturabteilung MA7 überwiesen, Deerenberg sollte dafür einen Bericht über das Gedeihen des Zwischennutzungsprojektes liefern. Die Stadt wollte dann Erfahrungen und Erkenntnisse für weitere Projekte nutzen. Doch dieser Bericht wurde nie abgegeben, im Jänner dieses Jahres hätte er fertig sein sollen. Laut einem Mail der Grünen, das der "Wiener Zeitung" vorliegt, sei Paradocks von der MA7 bereits dringend ermahnt worden, diesen zu liefern. Er werde im nächsten Monat auf der Homepage nachzulesen sein, verspricht Margot Deerenberg im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Keine sozialen Projekte

"Aber das Packhaus war von Anfang an ein Pilotprojekt. Deshalb haben wir laufend an Conwert und MA7 Bericht erstattet", rechtfertigt sie sich. Die Vorwürfe rund um das Packhaus und ihre Person machen ihr sichtlich zu schaffen. "Weil wir als liebe, naive Gutmenschen gelten, sind wir leicht zu attackieren. Das Projekt läuft wahnsinnig gut und das zieht immer Kritik an."

Hat sie sich übernommen? Ist das Packhaus eine Nummer zu groß für sie, wie ihre ehemaligen Mitarbeiter schimpfen? Klar ist, dass es Learning-by-doing ist, was da passiert. 60 Stunden pro Woche habe sie in den vergangenen Jahren für das Projekt gearbeitet, im ersten Jahr habe sie sich nicht einmal ein Gehalt auszahlen können.

Heute läuft es finanziell gut. Aber nicht für alle. Der "Sozialmarkt", ein gemeinnütziger Verein, der stark vergünstigte Lebensmittel für sozial Benachteilige anbietet und sich anfangs im Erdgeschoß eingemietet hatte, musste wieder gehen. Es habe gestunken. Stark alkoholisierte Menschen hätten Anwohner und Mieter gestört, es seien Mäuse gesichtet wurden. "Es war sehr schwierig", erzählt Margot Deerenberg. Doch letztendlich sei es nicht an ihr gescheitert, sondern daran, dass das Packhaus ohnehin keine Gewerberäume anbieten darf. "Sie hat sie einfach rausgeschmissen. Sie wollte keine armen Leute im Haus", sagen ihre Widersacher. Auch eine Sammlung für das Flüchtlingslager in Traiskirchen sei kurzfristig abgebrochen worden, weil es angeblich an Platz mangelte.

Hier ist er wieder, der Graben zwischen Idealisten und Pragmatikern. Auf der einen Seite die Frustration, dass soziale Projekte keinen Platz hatten im schicken, hippen Bürokomplex. Auf der anderen Seite die kühle Entscheidung Deerenbergs, dem Verein zu kündigen, das Lager räumen zu lassen. Sie habe an die anderen Parteien denken müssen, an potenzielle Mieter.

Stadtrat Ludwig dagegen

Verzweifelt habe sich Deerenberg damals an sie gewandt, erinnert sich Kleedorfer. Leicht habe sie es sich dabei nicht gemacht, stellt sich Kleedorfer schützend vor ihre Protegée. Sie sagt: "Wenn ein Projekt so groß wird, müssen die Betreiber eben auch unternehmerisch denken." Ganz anders sieht das zum Beispiel die IG Kultur, die gerade in einer Petition fordert, Zwischennutzung transparenter zu gestalten. Die Stadt solle offenlegen, wo es Leerstand gibt. Außerdem sollte Zwischennutzung generell nur auf Betriebskostenbasis passieren. "Natürlich wird keine Miete gezahlt an die Inhaber", sagt Kleedorfer. "Aber Zwischennutzung heißt nicht, etwas umsonst zu kriegen. Da entsteht ein neuer Markt und die passende Struktur muss erst noch gefunden werden." Zwischennutzung spaltet nicht nur die Szene. In der Stadtregierung stehen sich auch grüner Idealismus und roter Pragmatismus gegenüber.

Besonders Michael Ludwig, ehemaliger Vizebürgermeister und Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung, soll kein Fan von Zwischennutzung sein, heißt es aus Kreisen der Stadtverwaltung. "Ihr redet von euren Gutmenschen und dann kommen die bösen Unternehmer", soll er einmal formuliert haben.

Dieser politische Streit ist auch der Grund, warum Zwischennutzung noch nicht in der städtischen Bauordnung zu finden ist - mit Ausnahme der Sonderregelungen für den Fonds für Soziales Wohnen im Zuge der Flüchtlingskrise vom vergangenen Jahr. Von den Zwischennutzungs-Befürwortern wird besonders kritisiert, dass es bis jetzt keine behördlichen Erleichterungen für die Betreiberinnen und Betreiber gibt. Erleichterungen, die nötig wären, will man verhindern, dass weitere Zwischennutzungen zu ähnlichen Zankäpfeln werden wie das Packhaus. "Wir wollen kein Hub sein, es geht uns um die Zwischennutzung", sagt Margot Deerenberg abschließend. "Wir wollen die Stadt mitgestalten."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-11-09 17:20:18
Letzte Änderung am 2018-01-17 09:38:12


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