Wien. Wenn es in Aussendungen der Stadt Wien um den Radverkehr geht, wird gerne eine Zahl von imposanter Größe genannt: 1346 Kilometer - so die Rathaus-Korrespondenz - messe das Netz inzwischen (Stand: Dezember 2016). Das entspricht der Entfernung von Wien bis nach Marseille. Aber wie aussagekräftig ist diese Zahl? Und warum stagniert der Radverkehr in Wien trotz dieser so eindrucksvollen Ausgangslage bei 7 Prozent?

Wer Antworten auf diese Fragen sucht, kann sich das Radwegenetz genauer ansehen. Dann zeigt sich bald, wie trügerisch Zahlen sein können. Vor allem, ohne entsprechende Erklärung dazu. Im Fall des "Radverkehrsnetzes" sprechen wir von einem Sammelsurium höchst unterschiedlicher Einrichtungen: Da gibt es baulich getrennte Radwege und Mehrzweck- bzw. Fahrradstreifen am Straßenrand. Es gibt verkehrsberuhigte Zonen - Wohnstraßen, Fußgängerzonen, Treppelwege. Auch Radfahren gegen die Einbahn wird zum Radverkehrsnetz gerechnet.

Ein Drittel verkehrsberuhigt


Für die Statistik werden alle diese Verkehrsflächen addiert, sodass am Ende eine ebenso repräsentative, wie wenig aussagekräftige Zahl herauskommt. Immerhin schlüsselt die für Verkehrsorganisation zuständige MA46 seit einigen Jahren exakt auf, aus welchen Anlagearten das Wiener Radverkehrsnetz besteht: Den größten Teil, nämlich fast ein Drittel, nehmen dabei die "verkehrsberuhigten Bereiche" ein. Dazu zählen etwa die Prater Hauptallee, die Donauinsel oder der Wientalradweg - Strecken also, die vielfach zwar für Genuss- und Freizeitradler ideal sind, aber nur eingeschränkt für Pendler auf dem Weg ins Büro.

20 Prozent sind Straßen, wo Radfahrer gegen die Einbahn fahren dürfen, weitere 20 Prozent sind sogenannte Radrouten: ausgeschilderte Strecken im Mischverkehr mit Kfz, die über alle möglichen Anlagen - mitunter sogar über Schienenstraßen - führen. "Die Art und Weise wie das Radverkehrsnetz in Wien gemessen wird, ist nicht wirklich schlüssig", erläutert dazu TU-Verkehrsplaner Ulrich Leth: "Dadurch, dass man die Donauinsel oder die vielen Wege durch die Lobau einbezieht, wird die Statistik ziemlich verfälscht." Nachsatz: Auch in anderen Städten seien allerdings die Kriterien für die Quantifizierung von Rad-Infrastruktur unterschiedlich oder schwierig nachzuvollziehen.