• vom 01.04.2017, 06:00 Uhr

Stadtleben

Update: 01.04.2017, 11:57 Uhr

Hirschstetten

Bei den vergessenen "Trotteln aus Transdanubien"




  • Artikel
  • Kommentare (20)
  • Lesenswert (134)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bernd Vasari

  • Von Fäkalien überschwemmt, autobahnähnliche Straße vor der Haustüre, die ÖBB-Station schließt.



Aufgegraben wird das gesamte Kanalnetz des Bezirks, um es an die zukünftigen Bevölkerungszahlen anzupassen.

Aufgegraben wird das gesamte Kanalnetz des Bezirks, um es an die zukünftigen Bevölkerungszahlen anzupassen.© Vasari Aufgegraben wird das gesamte Kanalnetz des Bezirks, um es an die zukünftigen Bevölkerungszahlen anzupassen.© Vasari

Wien. Frau Mayer sitzt am Klo. Unter ihr gurgelt und gluckst es. Irgendetwas stimmt nicht. Sie kann es kaum glauben, als die graue Brühe dann tatsächlich aus ihrem Klo hochkommt und sie mit einem Satz aufspringen muss, um nicht von dem übel riechenden Abwasser erfasst zu werden. Unverrichteter Dinge steht sie da und muss zusehen, wie ihr Klo übergeht und sich der Dreck in ihrem Badezimmer verteilt.

Nicht nur Frau Mayer, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat es getroffen. Auch die umliegenden Häuser, Straßen und Gärten wurden überflutet. Elf Tage lang waren einige Häuser in der Hirschstettner Siedlung "Kriegerheimstätten" im 22. Bezirk unbewohnbar. "Man konnte keine Wäsche waschen, nicht kochen, nicht duschen und nicht aufs Klo gehen", sagt Gerald Steiner, ein Betroffener.


Was war passiert? Arbeiter hatten ein Zementgemisch in den Untergrund gepresst, um den Boden für die Vergrößerung des Kanalsystems zu stabilisieren. Das Gemisch gelang dann über einen Schacht in die Kanalisation der Häuser, wo er aushärtete und die Abflüsse verstopfte. Der einzige Ausweg des Abwassers führte dann nur noch nach oben.

Auf der grünen Wiese vor der Hirschstettner Siedlung sollen bald eine mehrspurige Straße und Wohnbauten errichtet werden. Die Siedlungsbewohner Heinz Komarek (2.v.r.) und Gerald Steiner (r. u.) sowie Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy (M.o.).

Auf der grünen Wiese vor der Hirschstettner Siedlung sollen bald eine mehrspurige Straße und Wohnbauten errichtet werden. Die Siedlungsbewohner Heinz Komarek (2.v.r.) und Gerald Steiner (r. u.) sowie Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy (M.o.).© Vasari (4), Fürthner/PID Auf der grünen Wiese vor der Hirschstettner Siedlung sollen bald eine mehrspurige Straße und Wohnbauten errichtet werden. Die Siedlungsbewohner Heinz Komarek (2.v.r.) und Gerald Steiner (r. u.) sowie Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy (M.o.).© Vasari (4), Fürthner/PID

Ein Fehler der Arbeiter, der bei größeren Kanalarbeiten passieren kann. Doch für die Hirschstettner ist die Verstopfung mehr als ein gewöhnliches Versehen auf einer Baustelle. Der Fäkalienunfall steht für sie symptomatisch für eine demografische Entwicklung.

8700 Wohnungen
sind geplant

Die wachsende Stadt ist für die Bewohner keine Geschichte, von der sie beiläufig aus den Medien erfahren haben. Den enormen Zuzug nach Wien, sie bekommen ihn täglich hautnah zu spüren. Um 6805 Personen wuchs der 22. Bezirk im Jahr 2015. Um etwa 2300 Personen mehr als der zweitstärkste Wiener Wachstumsbezirk Favoriten. Ein Trend, der sich auch in Zukunft fortsetzen wird, vor allem in Hirschstetten. Die Gegend wurde von der Stadt mit dem Namen "Zielgebiet U2 Donaustadt" als sogenannter Entwicklungsschwerpunkt auserkoren. 8700 neue Wohnungen sind erstmals geplant, weitere sollen folgen.

Die Infrastruktur muss damit Schritt halten. Auf den zahlreichen landwirtschaftlichen Flächen werden Wohnbauten hochgezogen, die Öffis bekommen neue Fahrpläne, das gesamte 23 Kilometer große Kanalnetz des Bezirks wird ausgebaut und es soll eine autobahnähnliche Stadtstraße errichtet werden. Der beschauliche Stadtteil mit Blumengärten, Badeteich, Plattenbauten und Niedrighäusern wird in Zukunft das urbane Zentrum des 22. Bezirks sein.

Heinz Komarek, weißes, kurz geschnittenes Haar, braune Jacke, Falthose, steht vor seinem Haus in der Murraygasse. Vor ihm liegt der aufgegrabene Kanalschacht. Mit der Veränderung und dem Wachstum des Stadtteils habe er kein Problem, sagt der 70-jährige Hirschstettner. Was ihn aber stört, ist der Umgang mit den Alteingesessenen. "Wenn man das Grätzel ausbaut, dann muss man so arbeiten, dass die Bewohner nicht darunter leiden", befindet er. Das Gegenteil sei aber der Fall. "Die von der Stadt machen mit den Bewohnern, was sie wollen", erklärt Heinz Komarek.

Er zieht seine Augenbrauen zusammen und deutet in Richtung Stadtzentrum. "Auf der anderen Seite der Donau, im 17. oder 19. Bezirk, könnte das nie passieren. Aber mit den Trotteln aus Transdanubien brauchen wir nicht zu reden, denken die sich." Mittlerweile hat er sich mit anderen Bewohnern zur Bürgerinitiative "Hirschstetten-retten" zusammengeschlossen.

Die Bewohner werden über Bauvorhaben nicht informiert, erzählt er. "Wenn man Glück hat, bekommt man einen Flyer in die Hand gedrückt." Zudem zeige sich niemand verantwortlich, wenn etwas schiefläuft. Komarek hat die Ärgernisse dokumentiert. Er erzählt von wochenlangen Gasgebrechen und Baustellenfahrzeugen, die mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Reihenhaussiedlungen brettern. "Da kann jederzeit ein Kind aus dem Garten laufen."

Ohne Anbindung
an andere Öffis

Auch die Neuplanung der Öffis stößt ihm auf. Die zum Hauptbahnhof fahrende Schnellbahnlinie S80 fuhr jahrzehntelang bis zur Station Hausfeldstraße. Nachdem die Wiener Linien dorthin die U2, eine Straßenbahnlinie und zahlreiche Busse angebunden hatte, wurde die Schnellbahnstation jedoch vom Fahrplan gestrichen. Nun endet die S80 eine Station früher und ohne Anbindung an andere Öffis.

Die S-Bahn bekommen die Bewohner aber trotzdem zu sehen. Denn die Stehzeit, bevor sie wieder in die andere Richtung zurückfährt, verbringt sie außerhalb der Station neben den Wohnhäusern. "Das Brummen der Garnitur hört man durch die ganze Siedlung", klagt Komarek.

Bereits vor zwei Jahren wurde mit der Station Lobau eine weitere Donaustädter Haltestelle der S80 stillgelegt. Dass hingegen der Bezirk Hietzing auf der Strecke zwei neue Haltestellen bekommt, sorgt bei den Donaustädtern für Unverständnis. "Eh klar", sagt Werner Klemenjak. "In Hietzing bauen sie zwei neue Stationen, uns nehmen sie zwei weg." Im Gegensatz zur Donaustadt gebe es aber kaum Zuzug in Hietzing.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




20 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-03-31 16:57:18
Letzte Änderung am 2017-04-01 11:57:18


Gericht

"Es ist gut, dass die Schwester tot ist"

20180822_ehrenmord - © APAweb / Hans Punz Wien. Die Familie. Ständig wird am Mittwoch in Saal 203 des Wiener Straflandesgerichts von ihr geredet. Von ihrem Willen, ihrer Ehre und den Rollen... weiter




Buwog-Prozess

Ein Turm, ein Zwerg und viele Fragen

Der Terminal Tower in Linz. - © apa/Rubra Wien. In der Buwog-Hauptverhandlung dreht sich seit Mittwoch alles um den Terminal Tower. 2006 hat sich das Finanzministerium in das Hochhaus neben... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Gras-Greißler
  2. Keiner will’s gewesen sein
  3. Stadt im Traume
  4. Freispruch von Vergewaltigungsvorwurf
  5. Mit Essen die Umwelt retten
Meistkommentiert
  1. Shoah-Gedenkmauer fix
  2. Jetzt schon vorweihnachtlich
  3. Nichts zu machen?
  4. Zu schnell für den Gehsteig
  5. Wiener Linien suchen Mitarbeiter per Pizzakarton


Literatur

Stadt im Traume

Stadt im Traume Wien. Eigentlich ist Andreas Schindl Dermatologe. Er studierte Medizin in Wien und Photobiologie in Padua. Aber nebenbei schreibt er auch gerne: In...

Cannabis

Die Gras-Greißler

Die Gras-Greißler Wien. In so gut wie allen Wiener Gemeindebezirken schießen auf Marihuana-Produkte spezialisierte Geschäfte wie Schwammerl aus dem Boden...




Werbung