• vom 26.04.2017, 20:00 Uhr

Stadtleben

Update: 27.04.2017, 09:08 Uhr

Trickbetrug

Lug und Trug auf filzigem Boden




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Von Arian Faal

  • Nach jahrelanger Absenz sind die Hütchenspieler zurück. An ihren betrügerischen Methoden hat sich aber nichts geändert.

- © Picturedesk/dpa/Eventpress Mueller-Stauffenberg

© Picturedesk/dpa/Eventpress Mueller-Stauffenberg

Wien. Es ist kurz nach 15 Uhr. Die Mariahilfer Straße ist an diesem wechselhaften Frühlingsnachmittag sehr gut besucht. Gleich vor dem Kaufhaus Stafa in der Nähe des Westbahnhofes steht ein Klavier, das aber heute unbespielt bleibt. Dennoch sind nicht unweit des Instrumentes mehrere Menschen versammelt, einige von ihnen knien sich hin.

Kommt man näher, weiß man sofort, dass die Hütchenspieler mit ihren betrügerischen Machenschaften nach jahrelanger Absenz wieder ihr Unwesen auf Österreichs größter Einkaufsmeile treiben. "Komm, schnelles Geld, wirst du nicht verlieren", versucht ein Mann in gebrochenem Deutsch, Kunden anzulocken.

Information

Die "Wiener Zeitung" hat für Sie in Kooperation mit der Wiener Polizei nach vielen Beschwerden über Hütchenspieler einige nützliche Tipps und Informationen zusammengestellt:

Wenn vermeintliche Spieler neben Ihnen mehrmals gewinnen und Sie diese Tatsache anlocken soll, dann können Sie sicher sein, dass diese Spieler Komplizen der Betrüger sind.

Hütchenspiele sind gesetzlich verboten, daher sollten mündige Bürger jedenfalls die Finger davon lassen.

Machen Sie sich bewusst, dass Sie am Ende nur verlieren können und trauen Sie den Anbietern bitte nicht.

Passen Sie bitte auf, wenn Sie einen Geldschein hergegeben haben und sich danach entscheiden, nicht mehr weiterzuspielen, weil es Ihnen suspekt vorkommt. Denn oftmals nehmen sich die Betrüger Ihren gültigen Geldschein und geben Ihnen Falschgeld, das nur schwer von echtem Geld unterscheidbar ist, zurück.

Der Glaube an das schnell verdiente Geld lockt den Spieler zumeist in eine dreiste Falle: Mit
einem Einsatz von 50 oder 100 Euro pro Runde gewinnt man die erste oder die ersten zwei Runden und verliert ab da nur noch. Das machen die Betrüger sehr bewusst, um von ihrem Hinterhalt abzulenken.

Falls Sie einem Anbieter vertraut haben und dennoch gespielt und betrogen wurden, melden Sie den Vorfall bitte umgehend der nächsten Polizeidienststelle. Das verlorene Geld ist aber weg.

Passen Sie bitte generell auf Ihre gesamten Wertsachen (Handtaschen, Geldbörsen, Uhren, Mobiltelefone, iPads, Schmuck) auf, wenn Sie sich in der Nähe von Hütchenspielern
befinden.

Die verwendeten Utensilien beim Spiel sind zumeist allesamt manipuliert. Das Wissen dieser Tatsache erleichtert es, die Finger davon zu lassen.

Finger weg von Hütchenspielen

Das Prinzip ist leicht erklärt: Drei bis sechs meist aus Rumänien, Bulgarien oder dem Kosovo stammende Männer im schlabbrigen "Columbo"-Look oder aber im eleganten Anzug sind Anbieter und Spielmacher. Ein kleiner Filzteppich, drei halboffene große Streichholzschachteln und eine kleine Kugel oder ein Ball sind die Spiel-Utensilien. Einer der Männer gibt vor, der Meister der Fingerfertigkeit zu sein, seine zwei oder vier Komplizen kurbeln das Geschäft an und geben sich als vermeintliche Mitspieler aus.

Großer Irrglaube: Viele wittern das schnelle Geld

Mit einem 50- oder 100-Euro-Schein ist man dabei. Einer der vorgeblichen Mitspieler händigt dem Anbieter 100 Euro aus. Die Kugel wird hergezeigt. Dann geht alles sehr schnell. Mehrmals wird herumgedreht und die Schachteln wechseln ihren Platz. Danach - oh Wunder - errät der Komplize die richtige Schachtel und bekommt seinen Einsatz verdoppelt zurück. Manchmal stellt er sich aber auch absichtlich dumm an und verliert.

Das ist ein Signal an die Zuschauer, dass diese es besser machen könnten. Die herumstehenden Menschen sind leider oft genug von beiden Modellen begeistert und wittern das schnelle Geld. Jetzt zückt also einer der Zuschauer 50 Euro und gewinnt tatsächlich das erste Spiel. Als Nächstes verdoppelt er seinen Einsatz - und verliert. Völlig frustriert entfernt er sich fluchend von den Spielern. Mittlerweile hat jemand die Polizei verständigt. Das bekommen auch die Betrüger mit, und schon ist der Filzteppich eingerollt. Nachdem sie binnen fünf Minuten 100 Euro erbeutet haben, tauchen sie nun unbehelligt in der Menge unter der harmlosen Einkäufer unter. Den Sicherheitskräften sind - wie bei den Koran-Verteilern - die Hände gebunden. Das Katz-und-Maus-Spiel geht so den ganzen Tag weiter.

Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt Polizeisprecher Paul Eidenberger das Debakel: "Die behördliche Zuständigkeit liegt beim Magistrat und betrifft das Wiener Veranstaltungsgesetz." Darin gebe es sogar einen eigenen Paragrafen mit Bezug auf Hütchenspiele. De facto bringe aber die Polizei die Fälle zur Anzeige. "Die Stadt Wien ist wie bei den Kurzparkzonen zuständig, aber da muss man auch wieder ins Detail gehen: Wenn man das Hütchenspiel als Geschicklichkeitsspiel ohne faule Tricks ansieht, dann ist es rechtlich ein Fall für die Stadt. Wenn es aber dabei betrügerische Methoden gibt, dann ist sofort die Sicherheitsbehörde beziehungsweise die Staatsanwaltschaft zuständig." Der Betrugsnachweis gestalte sich in den meisten Fällen aber sehr schwierig.

So oder so sind Hütchenspiele in Wien verboten. Gemeinsame Schwerpunktkontrollen von Polizei und Magistrat sind die einzige Handhabe. Erwischt man die Kleinkriminellen, sind die Strafen zwar hoch, doch oft sinnlos. "Das sind sehr oft nicht greifbare Menschen, die nicht einmal hier wohnen oder arbeiten", erklärt Eidenberger. Es gebe auch keinen Festnahmegrund - das Delikt rechtfertige nur Anzeigen auf freiem Fuß. Die Beamten dürften die Betrüger nicht einmal aufs Revier mitnehmen, denn dafür bräuchte man eine Rechtsgrundlage. Daher rät Eidenberger schon von vornhinein, sich auf kein Spiel einzulassen (siehe Wissenskasten).

In dieselbe Kerbe schlägt auch Neubaus Bezirkschef Thomas Blimlinger (Grüne), der für den betroffenen Abschnitt der Mariahilfer Straße zuständig ist: "Wir haben das Problem jahrelang beseitigt gehabt, und jetzt sind diese Menschen wieder präsent. Ich appelliere eindringlich an die Bürger, die Finger davon zu lassen, damit solche Kriminelle in ihre Schranken gewiesen werden", sagt der Bezirksvorsteher.

Kriminelle benutzen drei dreiste Betrugsmethoden

Wie funktioniert der Betrug mit den drei Schachteln eigentlich? Die "Wiener Zeitung" hat dazu bei mehreren Zauberartikel-Geschäften nachgefragt. Keiner der Mitarbeiter oder Besitzer solcher Läden wollte mit den Betrügern in Verbindung gebracht oder auch nur in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Außerdem beharrten alle Anbieter von Zauberwaren darauf, dass das eigentliche Hütchenspiel mit Nüssen oder Bechern ein reines Geschicklichkeitsspiel und auch schwer zu erlernen sei, und dass es in der Ursprungsversion auch keinen betrügerischen Hintergrund gebe. Auch verwende niemand halboffene Streichholzschachteln.

Ein Zauberer schließlich erklärte sich einverstanden, anonym zu schildern, auf welche drei Arten man die Leute bei diesem Spiel betrügen kann. "Es ist eigentlich ziemlich frech. Man arbeitet mit präparierten Schachteln, die höher sind und in der Mitte eine Klappe haben", erzählt der Magier. "Drückt der Hütchenverschieber genau in der Mitte der Schachtel fest auf die Oberwand, dann öffnet sich die Klappe, und der Ball wird eingezogen. Drückt er erneut, kommt der Ball wieder heraus." So kann der Spieler jederzeit selbst bestimmen, in welcher Schachtel sich der Ball befindet und ob er sein Opfer gewinnen oder verlieren lässt.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-04-26 15:03:05
Letzte Änderung am 2017-04-27 09:08:50


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