• vom 11.05.2017, 17:02 Uhr

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Update: 11.05.2017, 19:24 Uhr

Patchwork-Familien

Kinder als Spielball verletzter Gefühle




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Von Alexandra Laubner

  • Die Wiener Familienexpertin Margit Dechel über Patchworkfamilien, Scheidungskinder und Eltern-Training.


© getty/Westend61 © getty/Westend61

Wien. Patchwork-Familien gehören mittlerweile zum gängigen Familienbild. Für viele Eltern sind jedoch die daraus entstehenden Probleme belastend. Familienexpertin Margit Dechel warnt vor einem perfekten Familienbild und gibt Tipps für einen guten Umgang mit den Kindern.

"Wiener Zeitung":Sind Patchwork-Familien das Familienmodell der Zukunft?


Margit Dechel: Als Modell würde ich es nicht bezeichnen. Jedes Paar hat natürlich die Vorstellung einer Familie, die gemeinsam bis ans Lebensende durch dick und dünn geht. Leider ist diese Vorstellung dann oft im Alltag nicht so umsetzbar und so kommt es immer häufiger zur Trennung. Da wenige Menschen gerne Single sind, sind Patchwork Familien die Folge.



Was fordert Eltern in dieser Familienkonstellation am meisten?

Erstmal alles, das sie schon in der ersten Familienkonstellation gefordert hat. Frei nach dem Motto ‚neue Liebe - neues Glück‘ lebt wieder die Vorstellung der perfekten Familie auf und stößt wieder an ihre Grenzen. Diesmal sind aber schon die Voraussetzungen schwieriger als vorher. Mancher mag aus der zuvor gescheiterten Beziehung gelernt haben und sich vornehmen, es nun anders zu machen, das kann dann auch ganz gut klappen. Ich beobachte aber viele, die denken, dass ein neuer Partner der Garant ist, dass das Zusammenleben funktioniert.

Wie geht es Kindern dabei?

Erschwerend kommt in Patchwork-Familien dazu, dass oft die vorherigen Partnerschaften noch nicht ganz abgeschlossen sind. Da gibt es Streitigkeiten, sei es finanzieller Natur oder über die Obsorge. Die Kinder sind durch die Trennung ihrer Eltern traurig, fühlen sich teilweise schuldig und zeigen manchmal auffälliges Verhalten. Sie brauchen Zeit, alles zu verarbeiten und brauchen anfangs auch mehr Zuwendung ihrer Eltern. Die Stiefkinder können anfangs misstrauisch oder sogar ablehnend dem neuen Partner gegenüber sein. Dann kommt noch hinzu, dass zwei völlig verschiedene Erziehungsstile aufeinanderprallen können. Das verunsichert die Kinder noch mehr, vor allem wenn sich die Partner in die Erziehung des jeweils anderen einmischen. Die neue Beziehung birgt also noch viel mehr Konfliktpotential.

Welche Rolle soll der neue Partner, die neue Partnerin einnehmen?

Die Rolle als Partner und die Rolle als Mutter oder Vater der eigenen Kinder. Jede weitere Rolle, die er oder sie meint, einnehmen zu müssen, ist eine zu viel. Neue Partner sind Lebensgefährten der Mutter oder des Vaters und kein neuer Elternteil für die Kinder. Sie sind nicht der neue Freund der Kinder, denn sie haben ihn sich nicht ausgesucht. Die neue Familie braucht Zeit, um zusammenzuwachsen, nichts kann erzwungen werden.

Sie schreiben, dass in einem Rosenkrieg die Kinder oft zum Faustpfand emotional verletzter Eltern werden. Was sollten Eltern bei einer Trennung beachten?

Vor allem, die Paar-Beziehung mit dem Ex-Partner abschließen. Das klingt erstmal recht klar und logisch. Es kann aber ein schwieriges Unterfangen sein, wenn es emotionale Verletzungen gab. Nicht nur positive Gefühle binden uns an andere Menschen, sondern auch negative. Dann ist es wichtig, die Eltern-Beziehung neu auszurichten, denn Eltern bleiben wir ein Leben lang gemeinsam. Daher ist es wichtig für die Kinder und für eine neue Beziehung, dass nach der Trennung die Eltern-Beziehung auf eine neue friedliche Basis gestellt wird. Ein Miteinander und kein Gegeneinander. Die Kinder sollten nicht in Auseinandersetzungen hineingezogen werden. Denn Kinder lieben immer beide Elternteile und neigen dazu, sich verantwortlich oder schuldig zu fühlen, wenn sich Eltern trennen. Es wäre gut, den Kindern zu sagen, dass Probleme auf Paarebene nichts mit ihnen zu tun haben. Die Kinder sollen nicht zum Spielball der verletzten Gefühle werden.

Sie meinen, dass bei Konflikten sich nicht die Kinder, sondern die Eltern ändern müssen. Wie sieht das in der Praxis aus?

In der Praxis - also in meinen Workshops und Beratungen - erfahren Eltern viel über die neuesten Erkenntnisse aus Gehirnforschung, Neurobiologie, Psychologie und Familiendynamik. Wissenschaften, für die sich Eltern eher selten interessieren, obwohl sie wichtig sind. Durch Fragen wie ‚wer bin ich als Mutter oder Vater‘, ‚was fordere und erwarte ich von mir selbst und meinen Kindern?‘, ‚was lebe ich meinen Kindern täglich vor?‘, reflektieren Eltern ihre Haltung und ihr Verhalten im Alltag und den Kindern gegenüber. Hürden können erkannt und eingefahrene Gleise verlassen werden. Alles zusammen, also neues Wissen, neue Erkenntnisse über sich selbst bieten Eltern die Chance, Lösungen zu finden, die sich dann auch oft sofort und eins zu eins auf die Kinder und ihr Verhalten auswirken.

Sie geben keine Erziehungstipps, sondern betonen, dass Eltern ihre Kinder am besten kennen. Was ist Ihre Philosophie?

Ja, ich bin der Ansicht, dass es schon mehr als genug Ratgeber und Erziehungstipps gibt. Sie sind teilweise hilfreich, aber viele Eltern sind durch diese Vielfalt und teilweise Widersprüchlichkeit überfordert. Denn es gibt kein Patentrezept für Kindererziehung. Jeder Elternteil und jedes Kind ist anders und einzigartig. Eltern sind Vorbilder und ihre Kinder sind ihr Spiegel. Das ist so gemeint, dass Kinder auf ihre individuelle Art und Weise das nachmachen, was ihre Eltern tun. Sind Eltern zum Beispiel ungeduldig und werden ärgerlich, dann übernimmt das Kind das Verhalten. Da Kinder aber pausenlos neu dazulernen und ihnen daher sehr vieles auf Anhieb nicht gelingt, kann es sein, dass sie wie ihre Eltern, ärgerlich oder wütend werden. Egal was Eltern dann sagen, es hilft nicht. Denn Kinder können den Worten nicht folgen, wenn sie nicht dem Verhalten ihrer Eltern entsprechen. Für Kinder ist das richtig, was ihre Eltern tun und nicht das, was ihre Eltern sagen. Teilweise ist es auch so, dass Kinder genau das Gegenteil ihrer Eltern machen. Dies ist dann der Fall, wenn sie draufkommen, dass das Verhalten den Eltern nicht gut tut. Kann eine Mutter nie Nein sagen und ist Tag und Nacht immer für alle anderen und nie für sich selbst da, ist gestresst und überfordert, dann kann es sein, dass das Kind für sich den Schluss zieht, dass immer nur Ja sagen nicht gut ist und ab dann nur mehr Nein sagt. Das natürlich auch in Situationen, die für ein Nein nicht geeignet sind wie in die Schule gehen, oder Hausaufgaben machen. Sobald die Mutter ihr Verhalten ändert und öfter mal Nein sagt, um nicht gestresst und überfordert zu sein, braucht das Kind es nicht mehr tun.

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Dokument erstellt am 2017-05-11 17:06:14
Letzte Änderung am 2017-05-11 19:24:05


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