• vom 13.05.2017, 10:46 Uhr

Stadtleben

Update: 13.05.2017, 10:57 Uhr

Synthesizer

Die Renaissance der Stromverbieger




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Von Ina Weber

  • Die "Wiener Modularsynthesizer Szene" wächst und organisiert ihre erste große ModConvention heute, Samstag, im WUK.

Erwin Hermann mit seinem modularen Synthesizer in seinem Shop in Ottakring.

Erwin Hermann mit seinem modularen Synthesizer in seinem Shop in Ottakring.© Stanislav Jenis Erwin Hermann mit seinem modularen Synthesizer in seinem Shop in Ottakring.© Stanislav Jenis

Wien. Wenn sich der Kabelsalat nicht hinter dem elektronischen Gerät befindet, sondern vorne. Dann ist das kein umgedrehtes Fernsehkasterl, sondern ein modularer Synthesizer. Und wenn davor stehend ein Mittdreißiger unzählige Kabeln um den Hals geschwungen hat. Dann ist das kein verzweifelter Elektriker, sondern ein Musiker.

Erwin Hermann steht in seinem Shop in der Neumayrgasse in Ottakring und erklärt, wie die Maschine mit den unendlich vielen Knöpfen, Kabeln und leuchtenden Lämpchen funktioniert. Er steckt Kabeln in kleine Löcher, zieht sie danach wieder hinaus, huscht von einem zum anderen Ende und entschuldigt sich, wenn er für Fotoaufnahmen im Weg steht. "Das ist ein Dauerton", erklärt er, "der schwingt permanent. Wir wollen jetzt aber eine Melodie haben. Dafür müssen wir mit Strom zwei Dinge bauen, erstens müssen wir diesen Oszillatoren, also den Klanggebern sagen, dass sie in unterschiedlichen Geschwindigkeiten laufen sollen ..."

Gerne erklärt er es noch einmal. Denn Hermann leitet auch Workshops für Anfänger. Dabei tun sich Klangwelten auf. Manches klingt wie Glocken, Flöten oder Streicher. Dann erinnert es wieder an das Geräusch eines pochenden Herzens eines Ungeborenen oder es werden Reminiszenzen an Weltall-Filme der 1980er Jahre wach. Die Maschine, wie Hermann seinen Synthesizer bezeichnet, ist sein selbst aus vielen einzelnen Modulen (Rack) zusammengebautes Musikinstrument.

Hermann hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Er betreibt seit Oktober 2015 gemeinsam mit seiner Partnerin Lara Fernandez den ersten Modular-Synthesizer-Shop in Wien. Die Entscheidung dazu fiel wenige Monate vor der Eröffnung. "Ich war in Barcelona in einem wirklich, wirklich kleinen Modular-Shop, noch kleiner als meiner", lacht Hermann. Damals sei er "wirtschaftssatt" gewesen und wollte nicht mehr für Konzerne arbeiten. Inspiriert von dem kleinen Laden vernetzte er sich kurzerhand mit den zwei Wiener Modular-Synthesizer-Herstellern Endorphin.es und Birdkids und Wien bekam - wie andere Städte zuvor - seinen ersten Shop.

Modulare Synthesizer können sowohl analoge als auch digitale Module enthalten. In beiden Fällen wird gepatcht, wie man in der Fachsprache das Stecken der Kabeln bezeichnet. Und das macht den großen Unterschied zu virtuellen Synthesizern im Computer aus. "Wenn man ein Gerät anfassen kann und einen Knopf dreht, ist das ein anderes Gefühl als vorm Computer zu sitzen", sagt Moritz Scharf, der unter anderem für Endorphin.es tätig ist.

Auf der Suche nach neuen Klängen

Scharf hat wie Hermann wesentlich dazu beigetragen, die Community zu vernetzen. Er und seine Kollegen Bernhard Rasinger und Markus Taxacher organisieren regelmäßig Veranstaltungen und er rief gemeinsam mit Martin Eder die Facebook-Gruppe Vienna Modular ins Leben. Den Grund für den derzeitigen Boom von modularen Synthesizern sieht Scharf in einer Übersättigung von Standardsounds. "Auf der Suche nach neuen Klängen sind viele berühmte Künstler auch schon früher dazu übergegangen, wieder mit analogen Geräten zu arbeiten", sagt er zur "Wiener Zeitung". Heute sind es zunehmend auch Hobbyisten, die ganz im Zeichen einer Gegenbewegung zum Digitalen sich wieder dem Haptischen, dem Analogen widmen - so wie auch die Schallplatte eine Renaissance erlebt. "Es besteht der Wunsch, Dinge wieder angreifbar zu machen", so Scharf.

Die Geschichte des Synthesizers als Werkzeug der elektronischen Musik ist lang. Pink Floyd, Jean-Jacques Perrey, Herbie Hencock waren Vorreiter. Kruder & Dorfmeister und Patrick Pulsinger sind international bekannt. Ogris Debris oder Ströme sind angesagt. Um nur wenige zu nennen. Was in den 1960er Jahren mit Robert Moog, dem Hersteller des ersten tragbaren und leistbaren Synthesizers begann, ging über in die 1980er Jahre mit dem Trend zum digitalen Synthesizer. Alle Welt lauschte "Conquest of Paradise" von Vangelis oder schaute Sunny Crockett alias Don Johnson von Miami Vice zu, der zur Musik von Jan Hammer cool sein konnte. Der Synthesizer hatte Hochsaion. In den 1990er Jahren wurde die Computermusik hochgehalten. Es kam der Techno, der Electrobeat, andere neue Formen der elektronischen Musik. Als Meilenstein wird in der Community oft Dieter Döpfer genannt, der vor 25 Jahren mit dem "Euro-Rack" den Modularsynthesizer wieder salonfähig und leistbar gemacht hat.

Der Trend geht zurück zum Analogen

Neu ist, dass sich in Wien eine Szene gebildet hat, die wächst und die nach jahrelanger Beschäftigung mit Computermusik wieder verstärkt zurück zum Analogen finden will. Es wird gebastelt, gelötet, Module zusammengefügt. Man muss nicht Physik oder Elektrotechnik studiert haben, um modulare Synthesizer zu bauen oder zu bespielen, bestätigt Hermann. Um die Community zusammenzuhalten und zu erweitern, veranstaltet er heute, Samstag, die erste "ModCon - Modular Synth Convention Vienna 2017" im WUK. Rund zehn internationale Hersteller kommen zusammen. Sie stellen ihre aktuellen Systeme und Module vor. Ebenso werden kostenlose Workshops zum Kennenlernen angeboten.

Ein besonderes Anliegen ist Hermann, dass auch mehr Frauen mit dem Synthesizer in Berührung kommen. Dass das zu oft in die Schublade "Männer und Technik" geworfen wird, bedauert er. "Wir versuchen verzweifelt auch Frauen sichtbar zu machen." Auf der ModCon gibt es daher auch einen Einsteiger-Workshop für Mädchen. "Denn wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich Frauen oft lieber etwas von Frauen als von Männern erklären lassen", so der Veranstalter. Und so wird Mediengestalterin Jessica Kert erklären, wie man Synthesizer spielt.

"Schauen wir, dass wir eine schöne Schwebung hinkriegen", sagt Hermann und dreht konzentriert an einem Knopf. "Man nennt das subtraktive Klangsynthese." Die Klänge verändern sich. "Wir verbiegen Strom." Auf der ModCon wird das auch nochmal erklärt. Jeder kann die Stecker ziehen, Knöpfe drehen. Am Abend sind dann aber die Profis dran, die bei der ModCon-Nightline den Boden zum Beben bringen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-05-12 15:51:06
Letzte Änderung am 2017-05-13 10:57:52


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