• vom 10.01.2008, 12:39 Uhr

Stadtleben

Update: 14.12.2016, 22:29 Uhr

Museumsstücke

Nicht nur Namen




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Von Johann Werfring

  • Die akribische Forschungsarbeit von Museumsleiter Karl Hauer brachte das Schicksal von 13.000 Wiener Juden ans Licht.

Museumsleiter Karl Hauer im Gedenkraum des Bezirksmuseums Landstraße. - © Johann Werfring

Museumsleiter Karl Hauer im Gedenkraum des Bezirksmuseums Landstraße. © Johann Werfring

Ein Gedenkraum im Wiener Bezirksmuseum Landstraße: In langen Kolonnen reihen sich Namen an Namen. Immer wieder sind es traurige Schicksale, die sich mit diesen Namen verbinden. Mehr als 3000 Namen von Menschen jüdischer Abstammung sind hier versammelt, die im Dritten Reich aus dem Bezirk Landstraße emigrieren mussten oder in diverse Konzentrationslager deportiert wurden.

Begonnen hat alles, als in den frühen 1990er Jahren eine Wienerin dem Bezirksmuseum eine Wiener Einwohnerstatistik vom 1. Jänner 1938 schenkte. Bei deren Studium bemerkte Museumsleiter Karl Hauer, dass zu diesem Zeitpunkt 11.000 jüdische Bewohner für den Bezirk Landstraße ausgewiesen waren. "Das hätte ich zuvor nicht für möglich gehalten, gefühlsmäßig hätte ich auf einige Hundert getippt", sagt Hauer.

Information

Bezirksmuseum Landstraße
Gedenkraum
1030 Wien, Sechskrügelgasse 11
Mi 16–18 Uhr, So 10–12 Uhr,
Feiertage und Schulferien geschlossen
Tel. 01/4000-03127
www.bezirksmuseum.at/default/index.php?id=30

Umsiedlung und Deportation

Die überraschende Erkenntnis war eine Initialzündung für Recherchearbeiten, die sich über Jahre hinziehen sollten. Um herauszufinden, welche Einzelschicksale mit dem Verschwinden der ehemaligen jüdischstämmigen Landstraßer verknüpft waren, suchte Hauer die Israelitische Kultusgemeinde Wien auf. Diese verwahrte 60.000 "Deportationskarteikarten" über die aus Österreich in Konzentrationslager verbrachten Bürger jüdischer Abstammung. Hauer überprüfte sämtliche Karteikarten auf Landstraßer Daten. Die Arbeit an dem Thema wurde für Hauer "zu einer Obsession". Vier Jahre lang verbrachte er wöchentlich vier Tage im Archiv der Wiener Kultusgemeinde. Wie sich herausstellte, musste er weitere Suchkriterien ersinnen, um die Schicksale der 11.000 Landstraßer Juden nachvollziehen zu können. In der Deportationskartei fanden sich nämlich lediglich die Letztadressen der Deportierten, die in vielen Fällen mit dem ursprünglichen Wohnsitz nicht übereinstimmten, zumal es im Zuge der Deportationen häufig zu einstweiligen Umsiedlungen innerhalb von Wien gekommen war.

Um zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen, war nun detektivischer Spürsinn gefragt. Hauer schaltete Inserate in mehreren jüdischen Zeitungen in England sowie in der New Yorker Zeitschrift "Aufbau", mit entsprechenden Aufrufen an ehemalige Landstraßer Juden, sich zu melden.

Auf diese Weise konnte er 3000 Schicksale von Geflüchteten und Deportierten eruieren. Sehr wesentlich unterstützte ihn bei diesen Nachforschungen der damals in Cambridge lebende Ex-Landstraßer Peter Waldmann, dessen Angehörige 1938 vom Wiener Aspangbahnhof aus deportiert und sodann in einem Konzentrationslager zu Tode gebracht worden waren.

Weitere Ergebnisse lieferten umfängliche Recherchen im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes in Wien sowie in diversen Schulkarteien und sonstigen Archiven. Letztendlich konnte Hauer sogar 13.000 Einzelschicksale von Landstraßer Juden nachweisen. Hauers Dokumentation, die 1995 mit der Ausstellung "Unsere vergessenen Nachbarn" im Bezirksmuseum Landstraße ihren Höhepunkt fand, brachte auch viele sozialgeschichtlich interessante Ergebnisse ans Licht.

Steine der Erinnerung

So etwa konnte eine Reihe seltener Wiener Berufsgruppen nachgewiesen werden. Aber auch erschütternde Tatsachen im Zusammenhang mit den Deportationen wurden aufgedeckt. 1996 wurde Hauer für seine jahrelangen ehrenamtlichen Forschungen zum Professor ernannt. Seine Dokumentation ist heute Bestandteil des Holocaust-Archivs Yad Vashem in Jerusalem. Einzelfälle von jüdischen Ex-Landstraßern beschäftigen den Museumsleiter sogar heute noch.

Derrzeit arbeitet Hauer an der Gründung eines Vereins, der es sich zur Aufgabe machen wird, Spenden zu sammeln, um an jenen Stellen des Bezirks, wo es jüdische Institutionen wie Synagogen, Bethäuser und wohltätige Vereine gegeben hat, "Steine der Erinnerung" anbringen zu lassen.

Print-Artikel erschienen am 10. Jänner 2008
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7





Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-01-10 12:39:06
Letzte Änderung am 2016-12-14 22:29:17

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