• vom 02.07.2017, 08:00 Uhr

Stadtleben

Update: 02.07.2017, 12:03 Uhr

Gino David Devletli

Rebellische Schönlinge




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Von Solmaz Khorsand

  • Eine junge Generation von Dandys versucht dem Anzug ein neues altes Lebensgefühl einzuhauchen.

Ästhetik hat nichts mit Eitelkeit zu tun. Sondern mit Mut. - © Ursula Röck

Ästhetik hat nichts mit Eitelkeit zu tun. Sondern mit Mut. © Ursula Röck



Gino David Devletli will die Wiener zu ein bisschen mehr Mut in ihrer Kleiderauswahl animieren.

Gino David Devletli will die Wiener zu ein bisschen mehr Mut in ihrer Kleiderauswahl animieren.© Ursula Röck Gino David Devletli will die Wiener zu ein bisschen mehr Mut in ihrer Kleiderauswahl animieren.© Ursula Röck

Wien. Wenn der Österreicher sich herausputzt, schaut er zu Boden. Keiner soll auf die Idee kommen, dass er versucht, herauszustechen. Ja gar aufzufallen. Mit dem Blick nach unten wahrt er sein Gesicht. Nur so kann er wieder eins werden mit der Herde und suggerieren, dass er konform geht mit dem heimischen Tiefstaplerethos, der besagt: Schönheit ist etwas für eitle Gockel. Sie gehört in die Metropolen der Welt. Nicht in die Alpenrepublik.

Dabei ist Ästhetik keine Frage der Eitelkeit. Sondern eine des Muts. Und der ist hierzulande spärlich gesät. Das hat Gino David Devletli rasch begriffen, als er vor drei Jahren seine Herrenboutique "La Moustache" in der Kirchengasse im 7. Bezirk eröffnet hatte. "Die Leute hier haben Angst, sich lächerlich zu machen", sagt der 37-Jährige und schlägt die Hände vor das Gesicht. Er kennt das nicht. Dieses schüchterne Gehabe. Die verkappte Bescheidenheit. Die fanatische Konformität. Und diese Besessenheit, dass alles bequem sein muss. "Für einen Pariser ist das Wichtigste, dass etwas gut aussieht. Für einen Wiener, dass es bequem ist", analysiert er. Er schüttelt den Kopf.

Rudolf Niedersüß, Eigentümer des Traditionsherrenausstatters Knize, ist für modische Mätzchen nicht zu haben.

Rudolf Niedersüß, Eigentümer des Traditionsherrenausstatters Knize, ist für modische Mätzchen nicht zu haben. Rudolf Niedersüß, Eigentümer des Traditionsherrenausstatters Knize, ist für modische Mätzchen nicht zu haben.

Aufgewachsen in Istanbul und Paris, hat der Sohn einer armenischen Unternehmerfamilie früh den Wert einer gepflegten Garderobe und eines eigenwilligen Stils erkannt. "Es gibt dir eine positive Energie, wenn du gut aussiehst und dich alle anschauen. Mich macht das den ganzen Tag glücklich", sagt er. Allein heute hätten ihn wieder viele Passanten gemustert, als er in seinem braunen Sommeranzug mit Weste, inklusive Taschenuhr und geblümter Krawatte, auf den Weg zur Arbeit war.

Er lächelt. Er will, dass ihn die Leute mustern. Er will, dass sie sich umdrehen. Er will auffallen. Sein Mittel zum Zweck: der Anzug. Er trägt ihn immer und überall. So manche stößt das vor den Kopf. So wie damals vor sieben Jahren, an seinem ersten Tag an der Technischen Universität. Zurechtgemacht im froschgrünen Anzug, präsentierte sich Devletli seinen Maschinenbau-Kommilitonen. Sie dachten, er sei der Professor. Gelacht haben sie, die kleinen Jungs in ihren Jeans, T-Shirts und Converse-Schuhen, über den Besserdresser. "Wenn du hier einen Anzug tragen willst, brauchst du einen bestimmten Anlass. Dabei solltest du als Mann immer einen Anzug tragen", sagt er.

Keiner will als kapitalistischer Nadelstreif-Lemming gelten

Der Anzug ist für Devletli das Maß aller Dinge. Nur im Anzug sieht Mann schick aus. Nur im Anzug kann Mann der Welt die Stirn bieten.

Jahrzehntelang galt diese Devise weltweit. Der Anzug war die Rüstung des modernen Mannes. Einfach, elegant, konventionell. Mit dem richtigen Set aus Hemd, Hose, Sakko und Weste konnte selbst der größte Modeschlurf die Höhen und Tiefen des Alltags stilgerecht bewältigen. Und das, ohne sich selbst viele Gedanken machen zu müssen. Doch der Anzug steckt in der Krise. Er ist spießig geworden. Ideologisch zu aufgeladen. Keiner will sich mit der Uniform der Elite schmücken. Noch nicht einmal die Elite selbst. Wo sie nur kann, versucht sie ihn abzustreifen. Selbst Banker und Manager haben ihre grauen Zweiteiler gegen Jeans und Turnschuhe getauscht. Alles, was zu sehr an kapitalistischen Nadelstreif-Lemming in Großraumbüro erinnert, wird nicht mehr goutiert. Lässigkeit ist angesagt. Und dem traditionellen Herrenausstatter dreht sich der Magen um bei so viel casual. Wie viel knapper, sportlicher und subkultureller müssen sie denn werden, um den Kunden bei ihrer Selbstinszenierung zur Seite zu stehen?

Als Hülle für den Schöngeist

Brauchen die selbstherrlichen Ich-AGs den Anzug dafür überhaupt noch? Oder hat er ausgedient? Mitnichten. Der Anzugträger ist noch lange nicht Geschichte. Im Gegenteil. Eine neue Generation beginnt, den Anzug für sich zu entdecken. Und interpretiert ihn wie Mann es schon im England des 18. Jahrhunderts getan hat: als Protest gegen die beschleunigte Arbeitswelt.

Größer, besser schneller sollen ruhig die anderen sein. Für den selbstbewussten Beau gilt nur eine Maxime und die lautet einfach nur: schöner. Der Anzug soll nicht länger Macht oder Kapital repräsentieren, sondern Genuss, Lebensfreude und Ästhetik. Nicht dem Banker, Manager oder Politiker soll die Deutungshoheit über das edle Teil überlassen werden, sondern dem Lebemann: dem Dandy. Für ihn ist der Anzug keine funktionale Uniform, er ist die Hülle für seinen Schöngeist, und die gilt es bedächtig zu kuratieren, mit dem richtigen Schnitt, dem richtigen Material und allen voran, den richtigen Accessoires.

Versunken streicht Gino David Devletli über die Krawatten, Stecktücher und Manschettenknöpfen, die er auf dem Tisch seines Geschäftslokals sorgsam aufgereiht hat. "Der beste Anzug wird nicht cool aussehen ohne die richtigen Accessoires. Du musst das unbedingt komplettieren", erklärt er bestimmt. Auch Devletli frönt dem Dandy-Stil. Hie und da bemerkt er einen Geschlechtsgenossen, der es ihm gleichtut. Dilettantisch werden da ein paar Stücke aus dem Second-Hand-Laden zusammengeklaubt und übergroß über die Schultern gehängt. Die Jungen hätten keine Ahnung, was einen Dandy ausmacht. Sie würden aussehen wie "Opas". Ihre Großväter hingegen sind wahre Kenner, war der Stil doch auch in ihrer Jugend angesagt. Flink stellt Devletli ein potenzielles Ensemble zusammen. Es ist ein Set aus hellblau karierten Sakko, beiger Hose und Weste, geblümter Krawatte und orangefarbenen Stecktuch. 480 Euro kostet die Kreation. Devletli wirkt zufrieden. Schön wäre es, wenn mehr Männer in Wien so herumlaufen würden. Doch nicht einmal die Schwulen würden sich hier trauen gut auszusehen. Zu sehr fürchtet man den Groll der Masse.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-06-30 15:33:15
Letzte nderung am 2017-07-02 12:03:00



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