• vom 19.08.2017, 09:00 Uhr

Stadtleben

Update: 19.08.2017, 12:14 Uhr

AMS-Wien

"Sie werden nicht klüger und nicht fleißiger"




  • Artikel
  • Kommentare (8)
  • Lesenswert (170)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Martina Madner

  • AMS-Wien-Chefin Petra Draxl über Lehrstellensuche und warum junge Asylwerber die Lehre machen sollten.

Asylwerber mit einer hohen Bleibewahrscheinlichkeit, für die es ab 2018 das Integrationsjahr gibt, sollten eine Lehre machen dürfen, rät AMS Wien-Chefin Draxl.

Asylwerber mit einer hohen Bleibewahrscheinlichkeit, für die es ab 2018 das Integrationsjahr gibt, sollten eine Lehre machen dürfen, rät AMS Wien-Chefin Draxl.© Petra Spiola/AMS Asylwerber mit einer hohen Bleibewahrscheinlichkeit, für die es ab 2018 das Integrationsjahr gibt, sollten eine Lehre machen dürfen, rät AMS Wien-Chefin Draxl.© Petra Spiola/AMS

"Wiener Zeitung": Warum sind in Wien selbst im Sommer noch Lehrstellen offen?

Petra Draxl: Es gab vor dem Sommer noch Lehrlingskampagnen, zum Beispiel in der Industrie. Deshalb geht es in vielen Unternehmen aktuell noch um die Frage, ob Lehrling und Lehrstelle zueinander passen. Da sind einige Firmen noch beim Auswahlprozess. Und im Vergleich zu anderen Regionen ist in Wien der Gap zwischen Nachfrage und Angebot größer, die Anzahl an Jugendlichen also größer als die Anzahl an verfügbaren Lehrstellen.

Warten viele Jugendliche mit der Suche bis zur letzten Minute?

Das ist gar nicht so sehr das Problem, da achten auch die Schulen darauf, dass sie sich rechtzeitig darum kümmern. In Wien stellt sich mehr die Frage, ob sich auch die Eltern darum kümmern. Viele haben da weniger Unterstützung von Zuhause als in anderen Regionen. Und es geht auch um die Frage, welche Defizite die Jugendlichen mitbringen, wir hören von den Unternehmen oft, dass viele nicht alle Basisqualifikationen haben. Da spielt es auch eine Rolle, woher sie kommen, ob sie Migrationshintergrund haben.

Um welche Qualifikationen handelt es sich dabei?

Für eine Lehre braucht man Deutschkenntnisse auf B1-Niveau, in manchen auch auf B2, aber auch Mathematik und Englischkenntnisse. Ich schätze, dass die ein Drittel der Jugendlichen nicht hat. Wir erheben das aber im Moment gerade präzise mit standardisierten Tests, um Ihnen diese Frage genauer beantworten zu können (lacht), vor allem aber um besser nachgelagerte Maßnahmen setzen zu können. Solche Defizite kann man aufholen, zum Beispiel in Produktionsschulen.

Gibt es Branchen, wo besonders viele Lehrstellen offen sind?

Der Fremdenverkehr hat leider ein Imageproblem bei den Jugendlichen. Die Elektro- und Metallbranche, Friseure, Handel und der Gesundheitsbereich.

Die Elektro- und Metallbranche?

Ja, da gibt es zwar sehr attraktive Lehrstellen, die Voraussetzungen bei den Mathematikkenntnissen sind aber sehr hoch. Außerdem laufen da zum Teil auch noch die Tests der Unternehmen, die das vorab überprüfen.

Diesen Herbst wird sich zum ersten Mal zeigen, wie die Ausbildungspflicht bis 18 Jahren wirkt...

Ja, der gesamte Jahrgang wurde schon im Laufe des Schuljahrs darüber informiert. Wir werden aber erst im September sehen, wie viele Jugendliche tatsächlich keinen Schul- oder Lehrplatz gefunden haben.

Was soll ich tun, wenn das bei mir dann der Fall ist?

Unbedingt zum AMS kommen und sich registrieren lassen. Damit wir gemeinsam ein passendes Angebot finden. Für manche ist das eine Produktionsschule, wo es bis zu einem Jahr lang Berufsorientierung gibt. Da kann man verschiedene Berufe ausprobieren und man macht Schnuppertage bei Betrieben. Es geht da aber auch ums soziale Nachreifen. Man kann Fähigkeiten, die einem noch fehlen, nachlernen. Für Mädchen gibt es auch das Fit-Programm, wo sie Technik ausprobieren können. Natürlich wird beim AMS auch ganz klassisch nach einer passenden Lehrstelle gesucht. Und manche finden auch eine passende Schule.

Was ist mit einer überbetrieblichen Lehre?

Das kommt für jene in Frage, für die es keine Lehrstelle gibt. Rund ein Viertel erlernt im ersten Jahr die Grundkenntnisse einer Berufsgruppe, zum Beispiel Metall- und Elektroberufe, und findet dann eine Lehrstelle, die anderen schließen die Lehre überbetrieblich ab. Insgesamt sind es 4500, pro Jahr treten circa 1100 neu ein.

AMS Österreich-Chef Johannes Kopf hat vorgeschlagen, die Lehre für Asylwerber zu öffnen. Ist das auch in Wien sinnvoll?

Da geht es um Asylwerber mit einer hohen Bleibewahrscheinlichkeit, für die es ab 2018 das Integrationsjahr gibt. Das Innenministerium muss zwar erst festlegen, wer genau die hohe Bleibewahrscheinlichkeit hat. Wir gehen aber davon aus, dass es vor allem Leute aus Syrien sind. Für die Jüngeren wäre eine Lehre sehr positiv. Die kommen so oder so zu uns auf den Arbeitsmarkt, da könnte man intelligenterweise früher ansetzen. Denn was passiert, wenn sie ein, zwei oder drei Jahre nichts tun können? Sie werden nicht klüger und nicht fleißiger, und es kostet alle Beteiligten dann nach langen Wartezeiten nur umso mehr Mühe, ihnen was beizubringen.





8 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-18 17:34:06
Letzte Änderung am 2017-08-19 12:14:40



Vor Gericht

Toter Rekrut: Angeklagter blitzt bei OGH ab

Im Jänner 2018 wurde in der Kaserne in der Leopoldstadt eine Tatrekonstruktion durchgeführt. - © apa/Punz Wien. Der Fall eines Soldaten, der am 9. Oktober 2017 einen 20 Jahre alten Rekruten in einer Wiener Kaserne erschossen haben soll... weiter




Vor Gericht

Der Elfenbeinsammler

Immer wieder werden im Kampf gegen illegale Wilderer beschlagnahmte Elefantenstoßzähne verbrannt (hier in einem Nationalpark in Nairobi). - © afp Wien. "Ich bin ein Sammler", sagt Herr B. Erzählt er über seine Leidenschaft, gerät er ins Schwärmen. Immer wieder tausche er seine Stücke aus - "so... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Das Gericht hat resigniert"
  2. "Ludwig ist zu wenig Rampensau"
  3. Häupls letzte Rede
  4. OLG Wien warnt vor betrügerischen Anrufen
  5. Grünes Licht für Lobautunnel
Meistkommentiert
  1. Vernichtendes Urteil für KAV
  2. Ludwigs To-do-Liste
  3. "Das Gericht hat resigniert"
  4. Toter Rekrut: Angeklagter blitzt bei OGH ab
  5. SPÖ präsentiert "Wiener Melange"

Schilling

Der unkaputtbare Schilling

Heinz Sommer bekommt noch immer circa 1000 Schilling im Monat von den Gästen. - © Ch. Maconochie Wien. In seinem Jubiläumsjahr also wird Otto Wagner aus dem Verkehr gezogen - zumindest monetär: Die 500-Schilling-Note mit dem Wagner-Konterfei kann... weiter




Uber

Wien macht gegen Online-Giganten mobil

- © WZ-Illustration:Fotolia/mast3r Wien. Andreas hatte es schon einmal einfacher. Mitten in der Nacht brettert der Taxilenker mit seinem alten Mercedes über die menschenleere... weiter




Max Catering

Der Geschmack von Schule

- © Max Catering Wien. Drei Männer mit hellblauer Plastikhaube auf dem Kopf stehen vor großen silbernen Kochformen. Einer hält einen Schöpfer so groß wie ein Fußball... weiter






Religion

Kein Osterhase, aber bunte Eier

Kein Osterhase, aber bunte Eier Wien. Während vorigen Sonntag in den katholischen Gotteshäusern Hochämter zum Ostersonntag gehalten wurden, war für die orthodoxe Christenheit an...

Religion

"Es braucht einfach viel Geduld"

"Es braucht einfach viel Geduld" Wien. Die Leiterin des Pastoralamts der Erzdiözese Wien, Veronika Prüller-Jagenteufel, nimmt demnächst Abschied: Die 52-Jährige wechselt Ende August...



Haus des Meeres

Klapperschlangen überraschen mit Nachwuchs

20180419Klapperschlange - © Haus des Meeres/Günther Hulla Wien. Das Uracoan-Klapperschlangenpärchen hat im Wiener Haus des Meeres in der Vorwoche mit Nachwuchs überrascht. Nachdem diese aus einem kleinen... weiter




Staatsbesuch

Ein Panda für Schönbrunn?

20180408panda - © APAweb/AP, Drew Fellman Peking/Wien. Bekommt Schönbrunn einen neuen Panda aus China? Bundespräsident Alexander Van der Bellen ist diesbezüglich jedenfalls guter Hoffnung... weiter






Werbung