• vom 23.08.2017, 13:19 Uhr

Stadtleben

Update: 24.08.2017, 15:46 Uhr

Archäologie

Stephansplatz-Skelett: Wer die Frau war




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (52)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ Online, APA

  • Archäologen diagnostizierten zahlreiche Leiden, Kinderarbeit hatte Knochen bereits beschädigt.

Skelettfund am Wiener Stephansplatz: Die Überreste wurden nun untersucht und geben sehr genaue Einblicke in das Leben der Verstorbenen. - © APAweb/GEORG HOCHMUTH

Skelettfund am Wiener Stephansplatz: Die Überreste wurden nun untersucht und geben sehr genaue Einblicke in das Leben der Verstorbenen. © APAweb/GEORG HOCHMUTH

Wien. Im Mai wurde bei Arbeiten am Wiener Stephansplatz ein Skelett entdeckt - in einem "geordneten Grab", was als kleine Sensation gilt. Üblicherweise werden dort nur mehr vereinzelte Knochen ausgegraben. Nun wurden die Gebeine untersucht. Ergebnis: Trotz des prominenten Fundorts stammen sie von keiner bekannten Person, sondern von einer armen, kranken Frau, die vor rund 300 Jahren jung verstarb.

Das Skelett wurde am Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) unter die Lupe genommen, wie die Leiterin der Stadtarchäologie Wien, Karin Fischer-Ausserer, im APA-Interview schilderte. Dort wurde unter anderem Geschlecht und Alter bestimmt: "Es handelt sich um eine 20 bis 25 Jahre alte Frau." Die Identität der Toten wird wohl für immer ungeklärt bleiben. Entsprechende Sterbeakten zu finden sei aussichtslos und aus archäologischer Sicht auch nicht unbedingt relevant, hieß es.

Äußerst schlechte Lebensbedingungen

Denn über die Lebensbedingungen der Betroffenen sagt bereits das Gerippe allein genug aus. Sie waren offenbar überaus schlecht: "Man hat massive Veränderungen vor allem an der Innenseite des Schädels gefunden." Dies deutet laut Fischer-Ausserer auf einen Infekt hin. Vermutet wird eine Meningitis - die in Folge einer Tuberkulose entstanden sein dürfte. Auch Nebenhöhlen- und Stirnhöhlenentzündungen wurden diagnostiziert.

Damit nicht genug: Die Wirbel- und Rippengelenke zeichnen sich laut der Wiener Stadtarchäologin durch massive degenerative Veränderungen aus. Die Knochensubstanz ist vermutlich durch starke körperliche Arbeit geschädigt worden, die die Frau offenbar seit Kindheitstagen leisten musste. "Auch die Zähne waren, verursacht durch Mangelernährung, schlecht", erläuterte Fischer-Ausserer. Die Person stamme eindeutig aus ärmeren Umfeld. Mit der niedrigen gesellschaftlichen Stellung sei eine miserable hygienische und medizinische Versorgung einhergegangen.

Bestattung war Anfang des 18. Jahrhunderts

Auch das Alter der Überreste kann relativ genau spezifiziert werden. Keramikreste, die im Grabschutt gefunden wurden, haben laut der Wissenschafterin die Datierung erleichtert. Die Bestattung dürfte im Zeitraum zwischen 1700 bis 1732 erfolgt sein. Denn das entdeckte Fayence-Material sei Anfang des 18. Jahrhunderts verwendet worden. 1732 wiederum sei das Jahr, in dem der Friedhof geschlossen wurde.

Kleidungsreste konnten nicht mehr ausfindig gemacht werden. Diese sind wohl alle verrottet. "Das liegt daran, dass das Erdreich am Platz immer sehr feucht war", verwies Fischer-Ausserer auf die aus archäologischer Sicht schwierige Grundwasser-Situation im betreffenden Bereich. Dass das Skelett überhaupt als Ganzes gefunden wurde, gilt als überraschender Glücksfall. Verantwortlich dafür war die spezielle Lage.

Laut der Stadtarchäologin wurde die Person unmittelbar an der Mauer der ehemals dort befindlichen Maria-Magdalenen-Kapelle beerdigt, da sonst kaum mehr Platz am längst zu kleinen Friedhof war. Das Erdreich direkt beim noch vorhandenen Fundament wurde bisher offenbar nicht an allen Stellen umgegraben - also auch nicht beim Bau der U-Bahn. Somit konnten die Überreste ohne Beeinträchtigung überdauern.

Neuerliches Begräbnis am Zentralfriedhof

Wo die Wiederbestattung erfolgen wird, ist bereits fix: in einem eigenen Bereich am Zentralfriedhof, in dem auch die Toten aufgelassener Friedhöfe zur Ruhe gebettet wurden. Bis zum neuerlichen Begräbnis wird aber noch eine Weile vergehen. Denn die Stadtarchäologie wartet damit bis zum Abschluss des Projekts Stephansplatz, da nicht ausgeschlossen wird, dass noch weitere Funde ans Licht kommen. Dass noch mehr vollständige Skelette entdeckt werden, hält die Chefin allerdings für eher unwahrscheinlich, wie sie sagte.





1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-23 13:03:42
Letzte ─nderung am 2017-08-24 15:46:55



Vor Gericht

"Die Männer haben sich eine ausgesucht"

Die Frauen hätten freiwillig als Prostituierte gearbeitet, meint der Hauptangeklagte. Laut Anklage wurden sie dazu gezwungen. - © Getty/Drenner Wien. Ein Menschenhändler soll Herr H. sein. 77 junge Frauen aus China hat seine Bande laut Anklage mit falschen Versprechungen von Herbst 2011 bis... weiter




Vor Gericht

Prozess um chinesische Sexstudios

Die Frauen wurden laut Anklage zur Prostitution gezwungen, damit sie ihre angeblichen "Schulden" abbezahlen. - © getty/Edward Holub Wien. Wurden die jungen Frauen ausgebeutet? Zwang man sie zur Prostitution? Oder arbeiteten sie freiwillig? Um diese Fragen drehte sich am Dienstag... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Und sie läuft und läuft . . .
  2. "Die Männer haben sich eine ausgesucht"
  3. Extravagantes Meisterwerk eines Fassadenfreaks
  4. Breitspurig nach Wien
  5. Bröckelnde Nostalgie
Meistkommentiert
  1. "Wir wollen 2033 auf dieser Bahn fahren"
  2. Grüne Wirtschaftskrise
  3. "Politik ist auf Desintegration ausgerichtet"
  4. Ludwig tritt am 24. Mai die Nachfolge von Häupl an
  5. Forum gegen Antisemitismus beklagt Allzeithoch

Werbung


Tradition

Bröckelnde Nostalgie

Das Café Sperl läuft - noch - gut. - © Stanislav Jenis Wien. Sie gehören zu Wien wie der Stephansdom, das Riesenrad und das imperiale Erbe mit den Ringstraßenbauten: die traditionellen Kaffeehäuser... weiter




Weltraumforschung

"Es ist wie Lego für Große"

Die Kugelform und die Anordnung der Segel sorgen dafür, dass die starken Mars-Stürme kein Problem darstellen. - © privat Wien. Während sich Moritz Stephan, Julian Rothenbuchner und Stefan Rietzinger im kalten Wien auf die bevorstehende Matura vorbereiten... weiter




Krapfen

Krapfenmacher seit 1486

Anpatzgarantie für Ungeübte: Der Krapfen gehört zum Wiener Fasching wie die Pummerin zum Steffl. - © fotolia Wien. Er ist rund, süß und meistens ist man bereits nach dem ersten Bissen voll mit Staubzucker und Marmelade. Der Krapfen ist aus dem Fasching nicht... weiter





Wiener Prater

Die Erben der Zaubermeister

Franz Steidlers Bauchrednerpuppe steht jetzt im Circus- und Clownmuseum. - © Circusmuseum Wien. "Sebastian von Schwanenfeld, Basilio Calafati und Anton Kratky-Baschik: Das sind drei legendäre Zaubererkünstler... weiter




Prater

Erstes Kino als Kunstform

- © Kadotheum Wien Wien. "Karl Juhasz war das Gegenteil vom Hutschenschleuderer Liliom", meint Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums... weiter




250 Jahre Wiener Prater

Mit Courage und Löwenherz

- © Clownmuseum Wien. "1966 gab es im Prater mehrere Gründe zum Feiern", erzählt Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, 50 Jahre später... weiter





Tiere in Wien

Kleines Kamel im Schnee

20180222Vikunja - © Tiergarten Schönbrunn/Norbert Potensky Wien. Am Samstag hat im Tiergarten Schönbrunn ein Vikunja das Licht der Welt erblickt. "Vikunjas sind die kleinste Kamelart... weiter




Tiergarten Schönbrunn

"Oscars der Panda-Welt" gehen an den Wiener Tiergarten

++ HANDOUT ++ "OSCARS DER PANDA-WELT" AN TIERGARTEN SCH...NBRUNN VERGEBEN - © APAweb / Daniel Zupanic Wien. Die Pandas in Schönbrunn locken nicht nur zahlreiche Besucher in den Wiener Tiergarten, sie sind nun auch international ausgezeichnet worden... weiter






Werbung


Werbung