• vom 04.09.2017, 16:25 Uhr

Stadtleben

Update: 05.09.2017, 13:52 Uhr

erdbeerwoche

Aufgeklärte Erdbeeren




  • Artikel
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexandra Laubner

  • Die Plattform "Erdbeerwoche" informiert an Schulen über die Menstruation.

Annemarie Harant (r.) und Bettina Steinbrugger (l.). - © Erdbeerwoche

Annemarie Harant (r.) und Bettina Steinbrugger (l.). © Erdbeerwoche


© fotolia © fotolia

Wien. Der Name sorgt für Verwirrung, aber das kommt Annemarie Harant und Bettina Steinbrugger nicht ganz ungelegen. "Wenn jemand den Begriff Erdbeerwoche hört, dann denkt sie oder er natürlich, dass es um Erdbeeren geht, und kommt dann drauf, uh da geht es gar nicht um Erdbeeren. Aber dadurch bleibt der Name in Erinnerung", weiß Bettina Steinbrugger.

Die 34-jährige Kärntnerin hat gemeinsam mit Annemarie Harant 2011 die Info-Plattform rund um nachhaltige Frauenhygiene gegründet. Zwei Jahre später folgte der Launch des Online-Shops, mit dem die beiden Unternehmerinnen ihre Aufklärungsarbeit finanzieren und derzeit 12.000 Kundinnen beliefern. 2016 wurde das Unternehmen in eine GmbH übergeführt. Aus einer Idee, die Harant und Steinbrugger neben ihrer damaligen Tätigkeit für eine Nachhaltigkeitsplattform verfolgt haben, wurde ein Business-Model. Aus Harant und Steinbrugger wurden Unternehmerinnen.

Nun sind die beiden mitten in den Vorbereitungen für ihren nächsten Schritt - die "Erdbeerwoche@School". Ein Pilotprojekt an Schulen mit Workshops und einer digitalen Lernplattform. "Das Tabu rund um das Thema Menstruation ist in dieser Zielgruppe besonders groß. Es fehlt an Aufklärung, es fehlt an Wissen und das Schamgefühl ist bei den Jugendlichen noch sehr ausgeprägt. Wir haben uns ganz bewusst für dieses Schulprojekt entschieden, da wir Schülerinnen und Schüler nur sehr schwer über unsere Kanäle erreichen können. Deshalb müssen wir an die Schulen gehen", erklärt Bettina Steinbrugger.

Die Ergebnisse der österreichweiten Erdbeerwoche-Umfrage unter 1100 Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren kommentiert Steinbrugger als "teilweise erschreckend". Das Fazit: Die Menstruation ist peinlich. 60 Prozent der Mädchen geben in der im Juli veröffentlichten Studie an, eine negative Einstellung zu ihrer Menstruation zu haben. 70 Prozent der Jungen fanden das Thema Menstruation unwichtig und peinlich.

Große Wissenslücken

Viel schlimmer sehe es beim Wissenstand aus: 17 Prozent der Mädchen und 34 Prozent der Jungen haben keine Ahnung, was das Wort Menstruation bedeutet. 53 Prozent der Jungen glauben, Menstruation diene der Verhütung. "Aus unserer täglichen Aufklärungsarbeit wissen wir, dass die Periode, entgegen der aktuell propagierten offenen und positiven Einstellung zu Menstruation, noch immer für viele Mädchen ein großes Schreckensthema darstellt. Der aktuelle Menstruationshype, in dem die weibliche Regel unter anderem auf Social Media zunehmend enttabuisiert und als etwas Positives wahrgenommen wird, betrifft vorwiegend erwachsene Frauen. Junge Mädchen erleben die Regel hingegen nach wie vor überwiegend negativ, was meist auch mit einem negativen Körpergefühl einhergeht," kommentiert Erdbeerwoche-Co-Gründerin Annemarie Harant.

Im Herbst starten die beiden Jungunternehmerinnen ihre ersten Aufklärungsworkshops an Wiener Schulen. Dafür haben sie auch eine digitale Lernplattform entwickelt. Ziel ist es, das Schulprojekt 2018 nach Deutschland auszweiten.

"Der Aufklärungsunterricht geht am Thema Menstruation vorbei. Es ist schockierend, dass rund die Hälfte der befragten Mädchen mit Begriffen wie Menstruationszyklus oder Zykluslänge nichts anfangen konnten. Bei den Jungen waren es bis zu 80 Prozent. Von anderen Dingen, wie man Tampons verwendet oder wann Tampons gewechselt werden sollen, ganz zu schweigen", erklärt Steinbrugger.

Die Vision der Unternehmerinnen ist es, dass die Themen Menstruation und Monatshygiene Eingang in den Unterricht finden, aber nicht nur in den Biologieunterricht, wie die beiden betonen. "Die ökologischen und die ökonomischen Aspekte, beispielsweise wie viel eine Frau für Hygieneprodukte ausgibt, sind ebenso wichtig. Weiters sollte die Tamponsteuer thematisiert werden. Wir fordern, dass diese auf den ermäßigten Steuersatz von zehn Prozent gesenkt wird. So wie es bei Lebensmittel der Fall ist, weil Monatshygieneprodukte unserer Meinung nach Güter des notwendigen Bedarfs sind. Wenn man bedenkt, dass in Österreich Fußball-Tickets und Champagner mit 13 Prozent und Tampons und Binden mit 20 Prozent besteuert werden, dann fragt man sich schon, wo die Prioritäten liegen?", so Steinbrugger.

Tamponsteuer abschaffen

Vorbild für Annemarie Harant und Bettina Steinbrugger ist der Staat New York. Dort gibt es keine Tamponsteuer, und dazu bekommen Mädchen und Frauen an Schulen, in Gefängnissen und in Obdachlosenheimen Binden und Tampons gratis zur Verfügung gestellt. "Wir lobbyieren auch für die Transparenz der Produktinhaltsstoffe, die derzeit auf den Verpackungen nicht ausgewiesen sind", ergänzt Bettina Steinbrugger. "Menstruation kann und darf im 21. Jahrhundert kein Tabuthema mehr sein und Frauen müssen über die Inhaltsstoffe und die Problematik konventioneller Tampons und Binden Bescheid wissen. Wir möchten nicht jede Frau davon überzeugen, wiederverwendbare Menstruationskappen zu verwenden, aber es ist wichtig, zu wissen, welche Stoffe die Produkte beinhalten, um selbstbestimmt entscheiden zu können. Denn immerhin trägt man Binden und Tampons viel enger am Körper als Kleidung", so Steinbrugger.

Die Erdbeerwoche-Gründerinnen wollen dem Thema jedenfalls mit Fakten und auch Humor begegnen. Deshalb auch der Name Erdbeerwoche - eines von hunderten Synonymen für die Menstruation, das vor allem im Norddeutschland verwendet wird. "Tante Rosa und Ribiselwoche sind uns auch untergekommen. Aber als wir Erdbeerwoche gelesen haben, mussten wir lachen und wussten genau, so soll unsere Unternehmen heißen. Genau das wollen wir. Wir wollen einen positiven Ansatz vermitteln", erklärt Steinbrugger. Die Entscheidung sei damals sehr spontan und intuitiv gefallen. "Aber es war einer der der besten Entscheidungen in unserer Unternehmensgeschichte", ergänzt Bettina Steinbrugger.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-04 16:30:08
Letzte Änderung am 2017-09-05 13:52:45


Gericht

"Es ist gut, dass die Schwester tot ist"

20180822_ehrenmord - © APAweb / Hans Punz Wien. Die Familie. Ständig wird am Mittwoch in Saal 203 des Wiener Straflandesgerichts von ihr geredet. Von ihrem Willen, ihrer Ehre und den Rollen... weiter




Buwog-Prozess

Die Bewegungen des Karl-Heinz Grasser

- © apa/Fohringer Wien. Karl-Heinz Grasser ist verärgert - wegen eines Dokuments. "Es ist nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt ist", schimpft er... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Freispruch von Vergewaltigungs- vorwurf
  2. "Ein böses Auge lastet auf meiner Familie"
  3. Keiner will’s gewesen sein
  4. Stadt Wien und FPÖ streiten über Posting
  5. Mit Essen die Umwelt retten
Meistkommentiert
  1. Shoah-Gedenkmauer fix
  2. Jetzt schon vorweihnachtlich
  3. Nichts zu machen?
  4. Zu schnell für den Gehsteig
  5. Wiener Linien suchen Mitarbeiter per Pizzakarton

Urban Gardening

Ein Garten für den Augarten

20180329CityFarm01 - © Simon Kraus/www.cityfarm.wien Wien. Hinter dem Tiergarten, dort, wo das Giraffenmännchen Kimbar mit den beiden Weibchen Rita und Carla seinen Alterssitz hat... weiter






Prozess

Freispruch von Vergewaltigungs- vorwurf

Freispruch von Vergewaltigungs- vorwurf Wien. Mit "mir fallen gerade zehn Kilo von der Schulter" hat ein 18-jähriger Bursch am Dienstag am Wiener Straflandesgericht auf den Ausgang seines...

Ernährung

Mit Essen die Umwelt retten

Mit Essen die Umwelt retten Wien. Im Jugendzentrum Donaustadt riecht es nach frischem Knoblauchbrot. Vorsichtig tragen der 17-jährige Ramon und der 19-jährige Stefan die Speisen...



Prozess

Freispruch von Vergewaltigungs- vorwurf

- © apa/Punz Wien. Mit "mir fallen gerade zehn Kilo von der Schulter" hat ein 18-jähriger Bursch am Dienstag am Wiener Straflandesgericht auf den Ausgang seines... weiter




Paranoia

"Ein böses Auge lastet auf meiner Familie"

Wien. Nach einer Attacke auf eine U-Bahn-Fahrerin ist ein 24-jähriger Mann am Dienstag am Wiener Straflandesgericht in eine Anstalt für geistig... weiter






Werbung