• vom 14.09.2017, 19:00 Uhr

Stadtleben

Update: 19.09.2017, 10:50 Uhr

Marsch für 1000

Marsch für ein Grab




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Von Solmaz Khorsand

  • 10.000 Österreicher wurden 1942 nach Weißrussland deportiert und ermordet. Ihre Angehörigen warten immer noch auf ein würdiges Grabmal.

Das Denkmal am Judenplatz ist bis dato der einzige öffentliche Ort, wo der Name Maly Trostinez vorkommt.

Das Denkmal am Judenplatz ist bis dato der einzige öffentliche Ort, wo der Name Maly Trostinez vorkommt.© Stanislav Jenis Das Denkmal am Judenplatz ist bis dato der einzige öffentliche Ort, wo der Name Maly Trostinez vorkommt.© Stanislav Jenis

Seltsam worum man manche Leute beneidet. Bei den einen ist es das Geld, die Schönheit oder der Erfolg. Bei den anderen kann es ein simples Grab sein. Der Ort, an dem man seiner Ahnen gedenkt. An dem man ihnen Respekt zollt. Sich ihrer erinnert. Und einen Schlussstrich ziehen kann.

Edna Magder hat diesen Schlussstrich nicht. Ihr bleibt nur ein Marsch. Gemeinsam mit knapp 30 anderen Frauen und Männern, hat sie sich Donnerstagnachmittag bei der Schule in der Kleinen Sperlgasse 2a im 2. Bezirk versammelt. Sie haben sich für den "Marsch für Tausend" eingefunden. Er ist all jenen Österreichern gewidmet, die während des Nazi-Regimes nach Weißrussland in das Vernichtungslager Maly Trostinez deportiert wurden.

10.000 waren es insgesamt. Nur 17 von ihnen überlebten. Maly Trostinez ist der Ort, wo die meisten Österreicher als Opfer des Holocaust umgebracht wurden. Edna Magders Großmutter, Theresia Hanni Brody, war eine von ihnen.

"Meine Großmutter hatte kein Begräbnis, kein Grab und es gibt auch keine Grabstätte im Wald, wo sie ermordet wurde. Unser Marsch heute ist ein symbolischer Trauermarsch"; sagt die 76-Jährige. Dafür ist die Psychologin extra aus Toronto, Kanada, mit ihrem Sohn angereist. Eine Stunde lang marschiert sie vom ehemaligen Sammellager in der Schule bis hin zum Judenplatz, wo die Namen all jener 1000 Menschen verlesen werden, die am 14. September 1942 deportiert wurden.

Magder hofft es irgendwann nicht mehr mitmarschieren zu müssen. Dass sie eines Tages mit ihrer Familie zu einem echten Grabmal reisen kann. Und zwar nach Maly Trostinez.

Zehn Märsche für zehn Deportationen

Dort, unweit der weißrussischen Hauptstadt Minsk, gibt es seit einem Jahr eine Gedenkstätte für die Opfer des Krieges. Platz für ein österreichisches Denkmal gebe es allemal, meint Waltraud Barton, die Initiatorin des Marsches. Die Weißrussen wären bereit dafür. Nur Österreich ziert sich noch. Dabei hat der Nationalrat bereits im Oktober 2016 beschlossen, dass die Republik ein Mahnmal für seine Opfer von Maly Trostinez errichten muss. Nun fehlt nur noch ein Regierungsbeschluss. Und das kann im Wahlkampf noch dauern. Denn: das Außenministerium sieht das Bundeskanzleramt für die Causa zuständig und vice versa.

"Vor der Wahl wird sich nichts mehr tun", sagt Waltraud Barton. 2009 hat die Mediatorin den Verein "Initiative Malvine - Maly Trostinec erinnern (IM-MER)" gegründet. Barton hat selbst Familie in Maly Trostinez verloren. Die erste Frau ihres Großvaters, Malvine, wurde in das Vernichtungslager deportiert. Später fand Barton, aufgewachsen in einer protestantischen Familie, heraus, dass auch andere Familienmitglieder Opfer des Holocausts wurden.

Seither kämpft sie für ihr würdiges Andenken. Neun Mal ist sie bereits mit Angehörigen aus aller Welt in das kleine Waldstück nahe Minsk gereist, hat dort die Namen der Toten vorgelesen, ihre Lebensgeschichte Revue passieren lassen, sie so in Erinnerung behalten. Für den 75-jährigen Jahrestag der Transporte hat sie in Wien zehn Märsche organisiert. Zehn Märsche für zehn Deportationen nach Weißrussland. Der letzte soll am 5. Oktober stattfinden.

Österreichs Pflicht

Eine Stunde lang marschiert sie mit dem Trauerzug durch die Wiener Innenstadt. Die Route ist ihr wichtig. Sie will in das Herz der Stadt. Nicht an die Peripherie. Und sie weiß um die ungünstige Zeit. 13 Uhr. "Doch die Transporte fanden am helllichten Tag statt, vor den Augen aller", sagt sie. Stoisch nehmen es die Anwesenden zur Kenntnis, einige richten sich die Sonnenbrillen zurecht, Keiner soll die glasigen Augen dahinter sehen, wenn Barton die Ausgrenzung der Juden Station für Station bis zum Judenplatz in Erinnerung ruft. "Die Menschen, deren Namen wir heute verlesen, weil sie in Maly Trostinez ermordet worden sind, lebten wie wir in Österreich, in Wien. Sie haben wie wir heute zur österreichischen Gesellschaft gehört. Alle, jede und jeder einzelne", betont Barton.

Doch dass das "Andere" in der österreichischen Gesellschaft trotz mahnendem Exempel immer noch kultiviert wird, besorgt sie sehr: "Seit Jahren wird ein Denken geschürt zwischen "Uns" und "den Anderen". Und den "Anderen" wird abgesprochen, "hierher" "zu uns" zu gehören und ein Recht darauf zu haben, Teil unserer Gesellschaft zu sein. Ich finde das sehr besorgniserregend, weil die Leute auch gar nicht mehr wahrnehmen, dass sie von ihren Mitmenschen, sondern nur mehr von "Sozialschmarotzern" sprechen. Dieses Bild hatten wir schon einmal."

Barton nimmt Österreich in die Pflicht: "Ein Land wie Österreich hat eigentlich nicht das Recht seine Türen zu verschließen. Es hätten ja auch meine Verwandten Rosa und Viktor Ranzenhofer und ihre Tochter, die 12-jährige Herta Ranzenhofer, die in Maly Trostinez ermordet worden sind, überleben können, wären nicht wo anders die Türe zugemacht worden. Ich finde, dass Österreich, mit der Geschichte, die es hat, selbstverständlich die Verpflichtung hat, Flüchtlinge aufzunehmen."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-14 17:12:05
Letzte nderung am 2017-09-19 10:50:51



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