Künstlerin Natalie Deewan setzt mit Wortspielen den Leerstand in Wien in Szene. - © Benjamin Storck
Künstlerin Natalie Deewan setzt mit Wortspielen den Leerstand in Wien in Szene. - © Benjamin Storck

Wien. Keine Putzerei mehr. Stattdessen "Pure Zeit". "Aber heute wirkst du links" statt der Bildhauerei Kunststeinwerk.

Es sind Beispiele davon, was uns leerstehende Geschäftslokale und deren ausgedienten Reklameaufschriften tatsächlich sagen wollen. Zumindest, wenn es nach der Künstlerin und Schrift-hin-und-her-Stellerin Natalie Deewan geht. Im Projekt "Nach Geschäftsschluss. Die Wiener Leerstandsanagramme" klopft sie ehemalige Geschäftslokale in Wien auf ihre versteckten Aussagen ab, bringt die Buchstaben der Aufschriften durcheinander und re-arrangiert sie schließlich nach Rücksprache mit Eigentümer und Mieter auf der Fassade. Ein Projekt im Rahmen der Wienwoche, das Leerstand und Strukturwandel thematisieren will.

Anagramme wie "Schwule First" statt "Fleisch Wurst"


"Die Idee selber ist nichts Neues", sagt Natalie Deewan zur "Wiener Zeitung". Bereits im Mostviertel hat sie sich auf die Suche nach Aufschriften aufgelassener Geschäfte gemacht. Doch so gut klappte es dort nicht. Scheinbar wollte dort niemand Anagramme wie "Schwule First" statt "Fleisch Wurst" auf dem Geschäftslokal einer ehemaligen Metzgerei lesen. Daher hat sie das Projekt mit Hilfe des Kulturfestivals "Wienwoche" in die Stadt geholt.

Während der Recherche hieß es dann viel herumlaufen - und vor allem schnell sein. Immer wieder kam es vor, dass ein eben noch leerstehendes Geschäftslokal kurze Zeit später wieder genutzt wurde. So wurde aus dem ehemaligen "Orientteppich"-Geschäft durch die Hilfe Deewans kurzzeitig ein "Perception Hit", jetzt ist eine Bäckerei in diesem Lokal.

"Was macht dieser schnelle Wandel mit einem Grätzel? Was macht Leerstand mit einer Stadt? Was passiert, wenn Traditionsbetriebe verschwinden?" "Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen soll die Wahrnehmung von Wien, von einem Grätzel schärfen", erklärt Ula Schneider. Sie ist nicht nur Initiatorin des Festivals "Soho in Ottakring", sondern auch Teil von "Kreative Räume Wien - Büro für Leerstandsaktivierung". Und: Sie wird einen der drei Rundgänge des Projektes "Wiener Leerstandsanagramme" begleiten und sich dort mit eben diesen Fragen auseinandersetzen.

Aufwertung durch
kreative Zwischennutzung


Auch Schneider’s Kollege Thomas Kerekes begrüßt das Projekt, da die Themen Leerstand und Strukturwandel humoristisch bearbeitet werden sollten. Allzu oft würde Leerstand, gerade in der Erdgeschoßzone, nur negativ konnotiert sein, bedauert Kerekes: "Für viele ist Leerstand ein Zeichen, dass etwas nicht mehr funktioniert, dass Wien nach unten geht. Aber Leerstand ist auch eine Ressource für andere, für neue Gewerbe, für neue Gedanken, für neue Handlungsmechanismen", sagt Thomas Kerekes.