• vom 26.09.2017, 15:46 Uhr

Stadtleben

Update: 27.09.2017, 13:51 Uhr

Nahversorger

Mehr Berufung als Beruf




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Von Arian Faal

  • Wiens älteste Greißlerin Leopoldine Plesch weigert sich standhaft, eine Registrierkasse zu verwenden, und erzählt, warum sie mit 79 "noch lange nicht ans Aufhören" denken will.


© S. Jenis © S. Jenis

Wien. Sie müsste sich das alles nicht mehr antun und könnte seit 19 Jahren ihre Pension genießen. Dennoch steht Leopoldine Plesch, Wiens älteste Greißlerin, noch immer Woche für Woche sechs Mal zwischen 3.30 und 4 Uhr Früh auf. Dann macht sie sich fertig und fährt mit ihrem Auto zur Bäckerei Szihn in Liesing oder zum Metro-Großmarkt, um für ihre treue Kundschaft frische Waren zu besorgen. Das ist die tägliche Routine. Seit mehr als 50 Jahren.

"Ich mache das alles nur noch für meine ganzen Stammkunden, die mich dringend brauchen, vor allem die älteren Menschen, die keinen anderen Nahversorger in der unmittelbaren Umgebung haben. Das Geschäft ist ein aber reines Hobby", erklärt die rüstige 79-jährige Geschäftsfrau.


Als die Diskussion um die verpflichtende Einführung der Registrierkassen im vergangenen Jahr entflammte, überlegte sich Plesch, zuzusperren, und zwar endgültig (die "Wiener Zeitung" berichtete ausführlich). Doch ein Jahr später hat sie sich anders entschieden. "Ich mache weiter", unterstreicht sie kämpferisch und fügt noch leise hinzu: "Wenn es meine Gesundheit erlaubt." Registrierkasse hat sie bis heute (noch) keine. "Ich werde bald 80 und da macht man sich so seine Gedanken, aber gar nicht zu arbeiten, kann ich mir auch nicht vorstellen", sagt sie und versucht so ihre Entscheidung zu erklären.

Nur noch 65 klassische Einzellebensmittelhändler
"Ich denke mir manchmal, dass ich zwar Erholung brauche und ich habe auch einen Garten, aber der allein ist mir zu wenig. Ich sage Ihnen, wenn die mich zwingen zuzusperren, dann gehe ich zum Arzt und sage ihm, dass ich die Arbeit im Geschäft für meine Seele brauche, denn sonst verkümmere ich allein zu Hause", fügt sie hinzu.

Frau Plesch ist in Wien ein Unikat, eine der Letzten ihrer Art. Von 2000 klassischen kleinen Lebensmittelhändlern 1977 sind 40 Jahre später nur noch 65 übrig. "Wissen Sie, ich bin im Zeitalter des Krieges geboren, und mir ist daheim beigebracht worden, was Disziplin und Verantwortungsbewusstsein heißt. Die Menschen hier brauchen mich und ich brauche sie", sagt Plesch mit einem Lächeln im Gesicht. Als reine Greißlerin sieht sie sich übrigens nicht. "Ich bin die Psychotante für alle Probleme." Sie hat sogar die Schlüssel mancher ihrer überwiegend älteren Kunden und bringt ihnen auch Waren, die sie selbst im Geschäft nicht hat. "Geht nicht, gibt’s nicht" lautet das Motto. Sie tätigt Haushaltseinkäufe ihrer Kunden und kümmert sich, wenn diese im Urlaub sind. "Für viele ist die Plesch so eine Art Mutter Theresa am Rosenhügel, die gute Seele, wenn Sie verstehen, was ich meine", meint die 90-jährige Edith Wascher, eine treue Kundin im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Nachsatz: "Ich hoffe nur, dass ich sterbe, bevor die Plesch zusperrt, denn ohne sie wüsste ich nicht, was ich tun soll."

Einfach ist es aber nicht, das Geschäft über Wasser zu halten, vor allem seit ein großer Supermarkt ein paar Straßen weiter seine Pforten geöffnet hat. Der hat Frau Plesch viele Kunden weggenommen. Außerdem sind viele Stammkunden mittlerweile verstorben.

"Die Greißlerei ist ein Nullsummenspiel"
"Ich bekomme monatlich 740 Euro Pension und zahle seit 50 Jahren ein und dennoch bleibt sehr wenig übrig unterm Strich. Die Greißlerei ist ein Nullsummenspiel", erklärt Plesch, holt tief Luft und gibt sich wieder kämpferisch. "Aber im Sommer seien einige Bauarbeiter da gewesen, das hat dem Umsatz geholfen."

Dennoch: Die monatlichen Fixkosten machen ihr zu schaffen. Der Bäcker liefert seit Jahren nicht mehr und durch die erhöhten Rohstoffpreise ist er auch noch teurer geworden. 440 Euro kostet die Miete, 30 Euro das Benzin und 100 Euro wird von Pleschs Sohn, der die Buchhaltung macht, monatlich an das Finanzamt überwiesen. Am Ende des Tages bleibt nicht mehr viel übrig. "So viel Umsatz können Sie in sechs Mal sechs Stunden in der Woche gar nicht machen", sagt Plesch. "Es ist halt mehr eine Berufung als ein Beruf."

Das Lebensmittelgeschäft ist immer noch so eingerichtet wie in den 50er Jahren, und das soll sich auch weiterhin nicht ändern, denn eine Renovierung kann sich Frau Plesch nicht leisten und "die lästige Sache mit der Registrierkasse" will sie auch so lange wie möglich "vermeiden". "Wenn es nicht anders geht, muss ich halt abverkaufen und zusperren, aber so weit wird es hoffentlich nicht kommen", sagt Plesch.

Greißlerei Leopoldine Plesch

Karl-Schwed-Gasse 75-81

1230 Wien, Tel.: 01/ 8890245

Öffnungszeiten: Mo-Sa 6 bis 12 Uhr




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-26 15:51:06
Letzte ─nderung am 2017-09-27 13:51:09



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