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Update: 29.09.2017, 09:11 Uhr

Erntehelfer

"Mangel an Unrechtsbewusstsein"




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Von Valentine Auer

  • Die Kampagne "Sezonieri" setzt sich für die Rechte von Erntehelfern ein - Wiener Gärtnereien heuer im Fokus.


© dpa/Schultze © dpa/Schultze

Wien. Gemüse und Obst aus Österreich: Für viele ein Garant für faire Arbeitsbedingungen, denn Regionalität spielt beim Lebensmittel-Einkauf eine immer größere Rolle. Die Menschen kaufen bewusster und stellen sich so nicht nur gegen lange Transportwege, sondern auch gegen schlechte Arbeitsbedingungen.

Angesichts der bestehenden und sehr klaren Arbeitsrechte hierzulande, fehlt das Bewusstsein, dass auch in Österreich Ausbeutung möglich ist. Ein aktueller Fall aus Tirol zeigt, dass Erntehelfer aus Drittstaaten oftmals mit einem Lohn unter dem Kollektivvertrag abgespeist werden, aber auch in Wiener Gärtnereien weiß die Produktionsgewerkschaft (Pro-Ge) von Missständen.


Erntehelfer haben eine harte Arbeit. Sie muss bei jedem Wetter verrichtet werden, oftmals sechs, manchmal sogar sieben Tage die Woche. Die Entlohnung ist oft schlecht. Je nach Kollektivvertrag, und somit je nach Bundesland, etwa sieben Euro. In Wien beträgt der Brutto-Stundenlohn 7,10 Euro.

Diese Arbeitsbedingungen sind laut Cordula Frötsch, Aktivistin der Kampagne "Sezonieri", Gründe, wieso sich kaum Leute finden, die in Österreich geboren wurden, um dieser Arbeit nachzugehen.

Arbeitsrechte ignoriert
Sind die Arbeitsbedingungen bereits innerhalb des rechtlichen Rahmens schlecht, werden ebendiese Rechte oft gar nicht eingehalten. Angefangen damit, dass die Arbeiter teilweise falsch angestellt sind: Teilzeit statt Vollzeit und das bei bis zu 70 Stunden in der Woche. Wochenend- oder Überstundenzuschlag gibt es nicht. Ebenso wenig Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Auch der Kündigungsschutz bei Krankheit oder Schwangerschaft wird nicht immer eingehalten.

Dass Arbeitsrechte bei ausländischen Erntehelfern nicht gelten, erklärt Frötsch so: "Es sind keine Menschen, die bei Wahlen mitentscheiden. Es sind Menschen, von denen man nichts zu fürchten hat." Und es seien Menschen, die abhängig von dieser Arbeit sind, so Frötsch weiter: "70 Stunden in der Woche für 1200 Euro im Monat arbeiten, ist immer noch besser, als in Rumänien 300 oder 400 Euro zu bekommen."

Bestätigt werden diese Missstände von Pro-Ge, die die Kampagne "Sezonieri" initiiert hat und für die Rechtsberatung der betroffenen Arbeiter zuständig ist. Die Zahl der Migranten im Bereich der Erntehilfe wird von der Gewerkschaft auf nahezu 100 Prozent geschätzt. In Wien stammen die meisten aus Rumänien. Danach folgen Arbeiter aus Bulgarien und Serbien. Wie viele von ihnen von Ausbeutung betroffen sind, ist unklar. Hochrechnungen der Pro-Ge zufolge sollen es mehrere hundert bis tausend Arbeitnehmer sein. Genauere Zahlen gibt es nicht. Doch laut Rechtsschutzsekretärin der Gewerkschaft, Susanne Haslinger, gäbe es hierzulande keine andere Branche, "in der es zu mehr Ausbeutung, Missbrauch und Sozialbetrug kommt und die gleichzeitig von einem derartigen Mangel an Unrechtsbewusstsein seitens der Arbeitgeber geprägt ist".

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Schlagwörter

Erntehelfer, Wien, Sezioneri

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-09-28 17:03:06
Letzte Änderung am 2017-09-29 09:11:38


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