• vom 04.10.2017, 16:42 Uhr

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Update: 04.10.2017, 17:18 Uhr

Hütchenspieler

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Von Arian Faal

  • Hütchenspieler treiben auf der Mariahilfer Straße wieder ihr Unwesen. Psychologen erklären, warum noch viele auf sie reinfallen.

Skrupellos: Hütchenspieler

Skrupellos: Hütchenspieler Skrupellos: Hütchenspieler

Wien. Sie sind wieder da und ihre Methoden werden dreister: Die Rede ist von den Hütchenspielern, die auf der Mariahilfer Straße vermehrt ihr Unwesen treiben und die Passanten um ihr Geld bringen. Das Prinzip des Spiels ist einfach: 50 Euro muss man einsetzen und erraten, unter welcher der drei Schachteln sich der Ball befindet (die "Wiener Zeitung" berichtete bereits ausführlich).

In Gruppen zwischen 5 und 16 Personen kommen die meist aus Osteuropa stammenden Banden perfekt organisiert zum Tatort. Einer dirigiert als Spielemacher das Spiel, mehrere Komplizen sind die vermeintlichen Mitspieler und mindestens drei bis sieben Personen stehen Wache in der Umgebung und warnen per Pager vor eintreffenden Polizeikräften. Erhält der Spieler die Warnung, so nimmt er seinen Filzteppich, rollt ihn ein und versteckt ihn in seiner Jacke. Aus den Betrügern werden binnen Sekunden normale unscheinbare Passanten.


Mehr als 1200 Euro
in 90 Minuten erbeutet

Immer wieder erbeuten die Betrüger binnen 90 Minuten mehr als 1200 Euro. Einige österreichische Passanten schimpfen über die Trickbetrüger, manche drohen gar mit der Polizei. Das lässt diese jedoch kalt. Sie spielen ihr Spiel weiter, bis sich wirklich Beamte nähern. Polizisten kommen aber nicht immer. An einem Nachmittag wurde etwa innerhalb von 90 Minuten dreimal die Polizei gerufen. Vergeblich. "Danke für die Information. Wir wissen, dass diese Leute dort sind, und wenn wir einen Funkwagen frei haben, dann schicke ich Ihnen wen vorbei", hieß es seitens des Beamten der Notrufnummer 133 beim zweiten Anruf. Geschickt wurde dann auch nach 90 Minuten niemand.

Auf Nachfrage bei der Polizei hieß es, dass man diesen Vorfall an die Beschwerdestelle weitergeben werde. Polizeisprecher Daniel Fürst verweist auf die Gesetzeslage: "Bei dem Hütchenspiel handelt es sich nicht um ein Glücksspiel nach dem Strafgesetzbuch, da es hier nicht vom Zufall abhängt, ob man gewinnt oder verliert", meint er. "Es hängt eher von der Geschicklichkeit des Hütchenspielers ab. Erst wenn ein Spieler drei Mal erwischt wird und man ihm so Gewerbsmäßigkeit nachweisen kann, handelt es sich um eine gerichtlich strafbare Handlung mit möglicher Haftstrafe", ergänzt der Sprecher. Dennoch seien die Streifen auf die Kriminalitätsform sensibilisiert. Daher wurde eine dauerhafte Bestreifung der Mariahilfer Straße durch uniformierte Beamte angeordnet. Das ändere aber nichts daran, dass Täter durch uniformierte Streifen nur schwer zu fassen und nur vorübergehend zu vertreiben seien.

Schwerpunktaktionen in Zivil werden laut Polizei ebenfalls vorgenommen, manchmal kommt es auch zu Kontrollen mit dem Magistrat als zuständigem "Schnellrichter". Das Magistrat kann Anzeigen gemäß dem Verwaltungsstrafgesetz aussprechen.

Die viel interessantere Frage, die sich viele stellen, ist jene, warum es immer noch so viele Menschen gibt, die auf diesen Betrug reinfallen. Die "Wiener Zeitung" fragte beim Psychologen und Verhaltenstherapeuten Aron Kampusch nach, der selbst 16 Jahre als Profi-Croupier bei den Casinos Austria im Einsatz war und sich mit Spielsucht sehr gut auskennt.

"Die Menschen, die an einem Hütchenspiel teilnehmen, wissen zumeist, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen wird. Sie nehmen aber die Herausforderung an, weil sie denken, dass es sich hierbei lediglich um ein Geschicklichkeitsspiel handelt", sagt Kampusch. "Das ist es aber nicht, denn die ‚Murmel‘ besteht aus Filz und wird unter dem Schalenrand einer der drei Behälter, in denen sie sich befinden müsste, unsichtbar zusammengequetscht. Somit ist, sofern es der Dealer will, die Schale, auf welche der Spieler zeigt, immer leer", so der 48-jährige Experte.

Nun sei es so, dass die Dealer ein intuitives Verständnis dafür hätten, was die moderne Verhaltenstherapie als "intermittierenden Verstärker" bezeichnet. "Sie lassen den Spieler auch einmal gewinnen und dies setzt eine Kette an internen psychischen Abläufen in Gang." Folgendes Beispiel führt Kampusch zur Veranschaulichung an: "Stellen Sie sich vor, dass der Spieler von zehn Spielen dreimal gewonnen und sieben Mal verloren hat. Er erinnert sich an die drei Mal eher und den monetären Gewinn, dessen Übergabe vom guten Dealer auch noch zelebriert wird", sagt er. Noch professionellere Dealer hätten auch Leute aus den Zusehern im Team, die dem Gewinner Hochachtung ausdrücken oder diesen reizen, indem sie seinen Mut anzweifeln, womit eine zusätzliche Verstärkung geschieht. Die Summe der sieben Verluste tritt nun in den Hintergrund und die finanzielle Risikobereitschaft nimmt zu, da der Spieler ja erfahren hat, dass er gewinnen kann und der Dealer zu schlagen ist.

Alle Spiele sind perfekt "choreographiert"
Auf körperlicher Ebene beginnt das Gehirn den Neurotransmitter Dopamin auszuschütten, welcher euphorisierend wirkt und den Spieler in eine Art von Rausch versetzt, erklärt der Experte.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-04 16:49:05
Letzte ─nderung am 2017-10-04 17:18:16



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