Wien. Die Karlsplatz-Passage ist ein hektischer Ort. Traubenweise strömen Fahrgäste von drei U-Bahn-Linien aus dem Untergrund oder steigen in die Schächte. Touristengruppen trotten in Formationen in Richtung Karlskirche oder biegen zur Secession ab. Ausgelassene Schüler auf Wien-Besuch steuern die gleichen Ziele mit wesentlich weniger Disziplin an. Angegraute Männer fahren mit Trittrollern Slalom zwischen den Hin- und Hereilenden und ernten prompt Beschimpfungen, und mittendrin nutzen Kinder die leuchtend rote Linie im Boden für Hüpfspiele.

Und plötzlich ertönen mitten aus dem Tohuwabohu lateinamerikanische Klänge. Kurz vorm Ausgang zum Resselpark singt eine junge Frau, die Begleitmusik wird eingespielt. Zunächst steht sie etwas verloren vor ihrem Mikrofon, die Massen hetzen an ihr vorbei durch die schnurgerade Passage. Endlich bleibt ein älteres Paar stehen, und zwei Songs später hat sie bereits ein ansehnliches Publikum versammelt.

Alex Valiente, die hier vielsprachig Bossa, Calypso und Tango vorträgt, ist ein U-Bahn-Star. Davon kündet das Poster, das hinter ihrem Rücken angebracht ist. Rund 40 Bands und Solisten dürfen seit diesem Herbst offiziell in den Stationen Westbahnhof, Praterstern und Karlsplatz auftreten. Und das, obwohl die Beförderungsbedingungen der Wiener Linien das "Lärmen und Musizieren" ausdrücklich verbieten.

Klares Regelwerk für die U-Bahn-Stars

Christian Ludwig, Eventmanager des Unternehmens, betont denn auch: "An der generellen Linie, was die Musik in den Öffis angeht, ändert sich nichts. Für die U-Bahn-Stars gibt es ein klares Regelwerk, das das Musizieren an bewusst ausgewählten Orten und von Musikern, die auch nach qualitativen Maßstäben ausgewählt wurden, ermöglicht."

Die Bandbreite reicht vom akustischen Punk über Folk aus diversen Traditionen, Rap, Songwriting in deutscher und englischer Sprache und Evergreens bis zu Instrumentalstücken auf der Gitarre und der Pedalharfe, die ein konzentriertes Publikum erfordern. Die akustischen Bedingungen sind dabei günstiger als an anderen Orten der Stadt. Die Musikanten müssen weder mit den Geräuschen des Straßenverkehrs noch mit den Gesprächen in einem Gastgarten oder der Funktionsmusik aus Geschäften konkurrieren. Die Passage trägt den Sound sehr weit, wenn auch ziemlich hallig und mit wenigen Obertönen, was die Textverständlichkeit einschränkt.

Pro Auftritt fanden sich bisher im Schnitt 25 Zuhörer ein. Man kann davon ausgehen, dass die Zahl der interessierten Fahrgäste mit der regelmäßigen Bespielung und den Temperaturen im Frühling steigen wird. Angaben zu den Orten und den Auftrittszeiten der Straßenmusikanten verlautbaren die Verkehrsbetriebe auf ihrer Website www.wienerlinien.at, was allerdings bisher wenig Auswirkungen hat. Bei stichprobenartigen Befragungen fand sich niemand im Publikum, der den Terminen im Online-Kalender gefolgt wäre. Wesentlicher fürs Publikum ist wohl die Gewöhnung an den Ort, die Kontinuität der Auftritte. Zwei Passanten hatten eingeplant, auf ihrem Weg zu prüfen "ob was Interessantes los ist", "ob wer spielt, der mir gefällt".