Wien. "Das ist unser Geheimnis" hat Annas Onkel immer gesagt und es Anna damit fast unmöglich gemacht, sich jemandem anzuvertrauen. Die Vergeheimnissung von Missbrauch ist eine übliche Strategie von Tätern. Da in über 90 Prozent der Fälle die Täter Personen aus dem nahen sozialen Umfeld der Kinder sind, befinden sich diese zumeist in einem massiven Loyalitätskonflikt: Es ist ein Mensch, den sie mögen oder dem gegenüber sie sich verbunden fühlen, der ihnen wehtut.

Eine neue Informationskampagne der Kinderschutzorganisation "Die Möwe" versucht, wachzurütteln. Im Mittelpunkt der Plakate, Inserate und Videos, die ab Mitte Dezember "on air" gehen sollen, stehen die Prävention und Aufklärungsarbeit, sagte Hedwig Wölfl, Geschäftsführerin von "Die Möwe", am Montag im Rahmen eines Pressegesprächs.

24 Prozent erhalten
"ab und zu eine Tracht Prügel"


In jeder österreichischen Schulklasse sitzen nach Schätzungen der Kinderschutzorganisation ein bis zwei Kinder, die selbst Missbrauchserfahrungen gemacht haben. Bei einer im Jahr 2016 von der "Möwe" durchgeführten Studie gaben 24 Prozent der Befragten außerdem an, zumindest "ab und zu eine Tracht Prügel" erhalten zu haben. 15 Prozent der Befragten seien "häufig bis selten" mit einem Gegenstand geschlagen worden. "Zwölf Prozent der befragten Österreicher, die schon einmal den Verdacht hatten, dass ein Kind in ihrer Umgebung Gewalt erfährt, gaben an, nicht reagiert zu haben", hielt Wölfl fest. In neun von zehn Fällen stammt der Täter aus der Familie beziehungsweise dem sozialen Nahbereich des Opfers.

"Trotz eines steigenden Bewusstseins für das Thema haben wir gemerkt, es braucht immer noch Aufklärung", beschrieb Geschäftsführerin Wölfl die Entstehung der Kampagne. Häufig würden sich die Kinder auch noch schuldig an dem, was ihnen angetan wurde, fühlen, sagte sie. In vier verschiedenen Sujets werden bis Jänner 2018 Gewalt und Missbrauch an Kindern in Printmedien und online auf verschiedenen Informationsplattformen und sozialen Medien thematisiert.

Die Motive seien "bewusst nüchtern und nicht reißerisch" gehalten, erklärte die Geschäftsführerin. So soll etwa die große weiße Fläche die Leere symbolisieren, die in Kindern durch Gewalt und Missbrauch entstünden. Die Kampagne will ein Aufruf sein, "hinzusehen, über das Thema zu reden und Verantwortung für die Kinder zu übernehmen". Für die Umsetzung der Idee zeichnete die Agentur Corporate Matters und der Fotograf Bernd Preiml verantwortlich. Zudem werden unter anderem Informationen zu den verschiedenen Formen von Gewalt, den Auswirkungen auf betroffene Kinder und Jugendliche, Täterstrategien und Fragen zu Meldepflichten bei Verdacht geboten.

Ein Kind teilt sich mehrmals mit, bis ihm geholfen wird


Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten durch das Gewaltschutzgesetz, stärkere Opferschutzmaßnahmen und die Verankerung der Kinderrechte in der Verfassung zumindest die physische Gewalt abgenommen habe, seien die Fälle von sexueller Gewalt nach Angaben der Kinderschutzorganisation mit etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen (bis 18 Jahre) gleich geblieben. Psychische Gewalt und auch neue Gewaltformen, etwa im Internet, seien heute große Probleme. Ein Anstieg der Fallzahlen wurde zudem bei Übergriffen durch ältere Jugendliche verzeichnet.

Aufgrund der #MeToo-Bewegung und der Missbrauchsvorwürfe im Bereich Sport habe sich in der letzten Zeit viel bewegt, berichtete die Leiterin des "Möwe"-Kinderschutzzentrums, Annelies Strolz. Vor allem Sportvereine und Schulen zeigten nun stärkeres Interesse an Prävention und Beratung bei Gewalt und Missbrauch. "Die Anfragen sind deutlich mehr geworden", so Strolz.

Laut europäischem Report über Kindesmisshandlung der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2013 sind europaweit 13,4 Prozent der Mädchen und 5,7 Prozent der Burschen betroffen. In Österreich werden pro Jahr 600 bis 800 Fälle angezeigt. Die Dunkelziffer ist laut "Möwe" jedoch viel höher. In den Kinderschutzzentren werden pro Jahr rund 4000 Kinder und ihre Familien nach Gewalterlebnissen behandelt. 52 Prozent der Interventionen betreffen die sexuelle Gewalt. Ein Kind versucht im Schnitt 5 bis 7 Mal, sich mitzuteilen, bis ihm geholfen wird.

Annas Qualen sind durch das genaue Hinschauen der Kinderärztin aufgefallen. Mit Unterstützung der "Möwe" wurde es Anna möglich zu erzählen, was passiert war. Die Familie hat Anzeige gegen den Onkel zu erstatten.