Wien. "Was ist der Unterschied zwischen Juden und Türken?" Diese als Witz gemeinte Frage stellte vor einigen Jahren ein Lehrer in der Oberstufe eines Wiener Gymnasiums im Geschichtsunterricht einer Klasse, berichtet die Ärztin Sonia Zaafrani, Obfrau der Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen (IDB), der "Wiener Zeitung". Die Antwort des Pädagogen: "Die Juden haben es schon hinter sich." Unter den Schülern und Schülerinnen habe es "Gott sei Dank kein jüdisches Kind gegeben, aber ein türkischstämmiges". Dieses habe sich dem Religionslehrer anvertraut und dieser habe wiederum die Direktion informiert. Dort sei zwar Entsetzen geäußert worden, "aber es gab überhaupt keine Konsequenzen".

Dieser Fall wird - obwohl nicht 2017, sondern bereits früher passiert - Eingang in den zweiten Jahresbericht der IDB finden, den die Initiative diesen Frühsommer präsentieren wird. Im ersten Berichtsjahr 2016 habe man nur Vorfälle aus dem laufenden Jahr erfasst. Es habe sich aber gezeigt, dass es Schülern und Schülerinnen schwerfalle, solche Erlebnisse umgehend bekannt zu machen, weil sie dann Sorge haben, erst recht Probleme mit dem betreffenden Lehrer zu bekommen. Daher habe man sich entschlossen, künftig alle Vorfälle, die bei dieser relativ neuen Meldestelle bekanntgegeben werden, in den jeweiligen Jahresbericht aufzunehmen. Alle gemeldeten Fälle werden anonymisiert publiziert - daher nennt die IDB zum Beispiel auch die konkrete Schule, an welcher der oben geschilderte vermeintliche Witz erzählt wurde, nicht namentlich.

47 Fälle in 2016


Im Report für 2016 wurden 47 Fälle von Diskriminierung im österreichischen Schulsystem dokumentiert. In dem neuen Bericht, an dem derzeit noch gearbeitet wird, werde die Zahl eine ähnliche sein. Ziel sei es nun, die Initiative bekannter zu machen, denn, wie Zaafranis Stellvertreter Persy-Lowis Bulayumi, er ist Interkultureller Inklusionspädagoge, betont, "die Dunkelziffer ist hoch".

Diskriminierung könne aus vielfältigen Gründen erfolgen: aufgrund der Hautfarbe beispielsweise, wegen eines Akzents, wegen der Religionszugehörigkeit, der sexuellen Orientierung, weil ein Kind aus einer sozial schwächeren Familie komme. Die Lebensrealitäten von Menschen seien höchst unterschiedliche. Das österreichische Schulsystem gehe aber immer noch von einer idealen Lebensrealität aus - und das führe dann zu Diskriminierung jener, die hier nicht hineinfallen. Wenn es zum Beispiel zu sexuellen Übergriffen komme, dann werde seitens der Schulbehörde sofort gehandelt. Aber Diskriminierungen würden auch seitens der Betroffenen oft toleriert, es herrsche eine Kultur des Stillschweigens. Damit begründet Zaafrani auch die Gründung der IDB. "Mich hat die Angst vieler Schüler und Schülerinnen vor ihren Lehrern erschreckt. Sie wollen Diskriminierungen nicht bekannt machen, weil sie am Ende des Tages mit dem Lehrer in der Klasse sitzen und sich davor fürchten, dass sich die Situation weiter verschlechtert." Doch dieser Zustand gehöre aufgebrochen.