Die Performerinnen wollen unterhalten und provozieren. - © Puiu
Die Performerinnen wollen unterhalten und provozieren. - © Puiu

Wien. Wenn es um Sex geht, versteht nicht jeder Spaß. Als die Vaginas im Dirndl vor einigen Jahren zum ersten Mal auftraten, fielen die Reaktionen heftig aus - vor allem auf dem Land. Plakatständer wurden zertrampelt, "ausziehen" schrien Männer aus dem Publikum. "Was mei Vulva ois kann", sangen die Vaginas im Dirndl damals mit lieblichen Stimmen und Hackbrettbegleitung. Das wollten nicht alle hören.

Fünf Jahre später. Der zweite Versuch. Aus dem Duo ist ein Trio in neuer Besetzung geworden. Dass öffentlich ausgesprochene Worte wie Vulva oder Vagina und feministische Gesellschaftskritik immer noch Aufreger sind, davon sind sie überzeugt.

"Frauenvolksbegehren, die MeToo-Debatte, die Gesellschaft redet darüber und es war einfach an der Zeit, das auch in Österreich kabarettistisch zu thematisieren", sagt Sina Heiss in ihrer Wohnung am Stadtrand. Neben ihr sitzen ihre Kolleginnen Anna Anderluh und Ursula Anna Baumgartner.

Wie Sina Heiss sind beide professionelle Schauspielerinnen und Musikerinnen. Und sie haben viel vor. Provozieren wollen sie, aufklären, unterhalten und ganz nebenbei Debatten anstoßen. Darüber, was Frauen beim Sex wollen. Was sie nicht wollen. Welche Frauenbilder passé sind und an welche sich die Ewiggestrigen langsam gewöhnen sollten.

Das Programm, dass Sina Heiss vor fünf Jahren geschrieben und mit Musikerin Franziska Fleischanderl auf die Bühne gebracht hat, hat sie dafür überarbeitet und aus der einstündigen Musiknummer ein zweistündiges Abendprogramm gemacht, dass aus eingängigen Liedern und kurzen Theaterszenen besteht.

Vagina ist nicht gleich Vulva

Dabei thematisieren die Performerinnen auch sehr sensible Themen, die sonst im Kabarett nicht viel verloren haben: Da gibt es etwa eine Vergewaltigungsszene, bei der die Frage aufkommt, ab wann Belästigung eigentlich beginnt. Ursula Anna Baumgartner meint dazu: "Unser Ziel ist, Türen aufzustoßen und dass Menschen nach der Vorstellung offener sprechen können als vorher. Humor ist da ein ganz wichtiges Vehikel. Viele haben zum Beispiel immer noch Probleme ‚solche Worte‘ in den Mund zu nehmen." Mit solchen Worten ist Vagina gemeint. Was zum Beispiel der Unterschied zwischen Vagina und Vulva ist, das erklären die drei ausführlich im neuen Programm. Es geht Ihnen um Aufklärung und Enttabuisierung. Mit den Mitteln des Theaters und des Kabaretts. Dafür schlüpft Sina Heiss schon einmal in ein Vulva-Kostüm aus rosafarbenem Satinstoff, ihr Gesicht ist dort, wo sich die Klitoris befindet. Peinlich ist Sina Heiss, die in New York Regie studiert hat, nichts. Doch das war nicht immer so: Aufgewachsen in einem "erzkonservativen" Tal in Tirol hat es sie am Anfang große Überwindung gekostet, auf der Bühne über Sex und Körperteile zu sprechen. "Als ich meiner Großmutter das erste Mal von den Vaginas im Dirndl erzählt habe, hat sich das angefühlt wie eine Beichte", erzählt sie lachend. Aber dann habe sie erklärt, dass es ihr darum geht, junge Frauen aufzuklären über ihren Körper, ihre Rechte und zu thematisieren, wie es Gewaltopfern geht. Die Oma verstand und auch ihr über 80-jähriger Großvater ist heute bei jeder Show in Tirol dabei.

Gespreizte Schenkel

Heilig ist den Kabarettistinnen dabei nichts. Nicht einmal der Volkssport Bergsteigen. Nicht einmal die lebende nationale Legende Toni Polster. Nicht einmal die Nationalhymne. Den Text haben die drei leicht abgeändert: "Land wo Töchter Schenkel spreizen und damit andre Töchter reizen," heißt es da zum Beispiel.

"Wir spielen mit Themen, die jeder kennt. Da wird die Vagina plötzlich zu etwas, das jeder kennt." Dabei bedient sie sich auch am Prinzip der Gstanzl, jener kurzen Volksmusik-Stücke mit oft sexistisch bis gewaltverherrlichenden Texten. Darin werden "Weiber flachgelegt" oder auf brutale Weise entjungfert. Traditionell gesungen von Männern. Traditionell auf Kosten der Frauen.

"Uns ist wichtig, dass wir nicht einfach den Spieß umgedreht haben und jetzt als Frauen derbe Gstanzl über Männer zu singen", sagt Anna Anderluh, die ansonsten als Avantgarde-Performerin oder Jazz-Sängerin auf der Bühne steht. "Es geht uns eher um ein offenes sexuelles Selbstverständnis." Um reines Volksmusik-Bashing geht es den Performerinnen auch nicht. "Es gibt durchaus Parallelen zwischen Sexualität und Tradition", meint Sina Heiss. "Beide haben ein derbes, öffentliches Element und ein feines, persönliches, intimes. Beide verunsichern und verursachen Berührungsängste. Wir schaffen da ein neues Selbstverständnis."