• vom 25.04.2018, 14:58 Uhr

Stadtleben

Update: 14.05.2018, 16:42 Uhr

Vienna City Marathon

Theater der Emotionen




  • Artikel
  • Lesenswert (13)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Eva Zelechowski

  • Der Vienna City Marathon lief heuer zum 35. Mal über die Bühne. An einigen Stellen könnte man nachjustieren.

Ein Foto vom vergangenen Jahr: So kühl wie 2017 war es heuer nicht. An den Emotionen ändert das Wetter aber kaum etwas. - © Vienna City Marathon, Victah Sailer

Ein Foto vom vergangenen Jahr: So kühl wie 2017 war es heuer nicht. An den Emotionen ändert das Wetter aber kaum etwas. © Vienna City Marathon, Victah Sailer

Freude, Schmerz, begeisterter Jubel. Ein Taumel der Gefühle. Bei den meisten Teilnehmern fließen nicht nur Schweißperlen, sondern irgendwann auch Tränen – erst vor Schmerz, dann vor Glück. Mit dem Slogan "Theater der Emotionen" ruft der Veranstalter auf die Bühne, die diesen Gefühlsrausch auslöst. Etwa 40.000 Menschen folgen seinem Ruf am Marathon-Sonntag. Diese Zahl ist das Teilnahme-Limit, mehr dürfen sich nicht für den Sonntagslauf anmelden, um die logistischen Herausforderungen zu stemmen. Nicht alle laufen zur gleichen Zeit: 9.000 dürfen sich für den Marathon registrieren, 15.000 für den Halbmarathon und 3.500 Teams für den Vierpersonen-Staffellauf. Ob diese Zahl nicht bereits die Ressourcen (des Veranstalters sowie der Stadt Wien) sprengt? Natürlich stellt der privat organisierte Marathon den Veranstalter vor eine logistische Mammutaufgabe, aber in Anbetracht der steigenden Anmeldegebühren, Teilnehmerzahlen sowie der Werbeträger sollte der Veranstalter allen Läufern ein möglichst sicheres Sport-Event bieten.

41.919 Teilnehmer aus 125 Nationen

Der "Vienna City Marathon" ist mittlerweile eine Wiener Institution. Seit 1984 findet er jährlich im Frühling statt, bis 1993 war er als "Frühlingsmarathon Wien" bekannt. Danach wurde er umgetauft. Der Veranstalter des Wiener Lauf-Events, Wolfgang Konrad, verpasst ihm damit einen internationalen Touch. Heuer nahmen Läufer aus 125 Nationen teil. Der Gewinner des ersten Marathons 1984 war Pole, der Sieger 2018 stammt aus Marokko. Längst ist es eine internationale Veranstaltung.

Ein starker Fokus des VCM ist das Abstecken neuer Ziele und Rekorde. Im Jahr 2017 wurde laut Homepage "die Rekordzahl von 42.766 Anmeldungen verzeichnet". Heuer waren es mit 41.919 Registrierungen für alle Bewerbe etwas weniger. Streckenrekord, Teilnehmerrekord, Besucherrekord, Staffelrekord sollen den Event hypen. Wie bei jeder Veranstaltung, die zu einer Geldmaschine mutiert ist, kommen auch beim VCM Superlative nicht zu knapp. Die laut eigenen Angaben "größte Bewegungs- und Gesundheitsinitiative Österreichs" ist der Lauf-Event wahrscheinlich tatsächlich. In der Vorbereitung auf den Frühlingsmarathon, der mit Hitzetemperaturen wie im Hochsommer daherkommt, absolvieren die Teilnehmer laut Homepage fast zwei Millionen Trainingsstunden.

Mehr als 500 Rettungseinsätze

Insgesamt gab es 543 Einsätze des Roten Kreuzes, 59 Personen mussten ins Krankenhaus gebracht werden. Der Großteil hatte zu wenig getrunken und war wegen Kreislaufproblemen kollabiert, heißt es in den Aussendungen. Aufgrund der Hitze habe der Veranstalter damit gerechnet, sagte ein Sprecher im Voraus. Tatsächlich musste im Vergleich dazu im Jahr 2017 das Rote Kreuz nur 296 Sportler behandeln und 13 ins Spital bringen. Im vergangenen Jahr handelte es sich hauptsächlich um Fußverstauchungen und Bänderdehnungen. Das kühle Wetter vom Vorjahr gab es heuer nicht, stattdessen einen besonders heißen April-Tag.

Wieso wurden nicht mehr Versorgungsstellen eingerichtet? Das ist der größte Kritikpunkt, wenn man mit Teilnehmern spricht. Entlang des Streckenverlaufs waren 25 Stellen, davon 10 besetzte (Wasserausgabe), 15 unbesetzte (Läufer nehmen alleine Wasser) und fünf Versorgungsstellen mit isotonischen Getränken und Obst. Insgesamt waren 145.000 Liter Mineralwasser und Sportgetränke bereitgestellt, ist auf der Homepage zu lesen. Zu wenig, urteilten einige Teilnehmer, mit denen die "Wiener Zeitung" sprach. Regelrecht kämpfen musste man wie ein "Verdurstender in der Wüste" mit den anderen Läufern um einen Schluck Wasser, erzählt ein Marathon-Läufer, der seit 12 Jahren in Wien am Event teilnimmt.

Zu wenig Wasserstellen? 

Einige Quellen berichteten, dass eine Wasserstelle (Schüttelstraße, bei Kilometer 7) in diesem Jahr schmerzlich vermisst wurde. Der Medienverantwortliche des Vienna City Marathon, Andreas Maier, räumt ein, diese Wasserstation habe es im Vorjahr an der Stelle gegeben, doch sie wurde heuer an einer anderen Position des Rennens angeboten. "Grund war, dass sich die erste Verpflegestelle mit Wasser und Sportgetränken in der Stadionallee fast bei Kilometer 6 befindet. Die nächste Wasserstation bereits bei KM 7 anzubieten schien daher nicht unbedingt angebracht. Es gab jedoch bei KM 7,4 eine unbesetzte Wasserstelle", sagt Andreas Maier.

Ob angebracht oder nicht: Wenn wie vergangene Woche beim Londoner Marathon ein 29-Jähriger nach einem Kollaps verstarb, ist das keine gute Publicity für ein Sport-Event. Tatsächlich liest man kaum kritische Berichte über den Wiener Marathon. "Der Standard" fragte in einer User-Diskussion, wie es ihnen beim Lauf erging. Wenig wird an der Veranstaltung und der Organisation kritisiert, ein User wünschte sich nur mehr Wasserstellen.

Viele Läufer trugen Rucksäcke oder Plastikbeutel, während sie sich in der Mittagshitze zum Ziel quälten. Der Veranstalter erklärte, dass es für die Teilnehmer des Halbmarathons und Marathons Kleidertransporte vom Start zum Ziel gab. Mehrere LKW fuhren durch die halb versperrte Stadt und transportierten Tausende Beutel und Taschen. Das Problem ergab sich demnach für die Staffelläufer, denen keine Transporte von ihren Stopps oder Aufbewahrungsmöglichkeiten angeboten wurden. Man könne seine Tasche an den ankommenden Staffelläufer übergeben, lautete ein Tipp des Veranstalters, was auch die meisten wahrscheinlich machten. Die Frage, weshalb sich so viele Läufer "bepackt" abmühten, bleibt ungeklärt.

Logistische Super-Challenge

Der Veranstalter sieht sich nicht in der Pflicht. "Für den Staffelmarathon haben wir aufgrund der großen Zeitunterschiede der Teams keine zufriedenstellende Lösung gefunden, die ähnlich funktioniert wie beim Garderobetransport für Marathon- und Halbmarathonläufer, wo alle einen gemeinsamen Start und ein gemeinsames Ziel haben. Wir gehen davon aus, dass jede Staffel ein Team ist und die Teilnehmer sich die Kleiderübergabe selbst organisieren. Dieses Modell hat sich über Jahre bewährt", sagt Maier. Gewiss ist der Massenmarathon auch eine logistische Super-Challenge. Genügend, besser vielleicht sogar zu viele als zu wenige Wasserstellen zur Verfügung zu stellen, könnte als neue Zielvorgabe formuliert werden. Bei 145.000 Litern Wasser entfallen 3,6 Liter auf jeden der 40.000 Teilnehmer. Wenn man die erschwerenden Kriterien wie Hitze, körperliche Anstrengung, Eile, Stress, Gedränge und Keilerei bei den Wasserhähnen, Anstellzeiten oder leere Wasserbecken, die manche erwarteten, berücksichtigt, klingen knapp vier Liter pro Person kaum nach einer adäquaten Verpflegung.

Zweifellos ist der VCM ein großartige Veranstaltung für Lauf-Begeisterte und ein großes sportliches Kollektiv-Erlebnis. Ein Scheibchen vom Profit fällt außerdem nicht für den Veranstalter ab: Der Charity-Lauf erzielte im vergangenen Jahr mit einem Spendenergebnis von 182.208 EUR für 14 verschiedene Organisationen ein neues Rekordergebnis. Für den Marathon 2018 gebe es einen Zwischenstand von über 154.000 EUR für sieben verschiedene Organisation. 

Einige Kritikpunkte bleiben jedoch. Es wäre erfreulich, wenn die Veranstalter mit steigenden Kosten und Temperaturen für weniger "Verdurstende" sorgen bzw. das Kollaps-Risiko minieren könnte. Ein Teilnehmer beschrieb den Marathon heuer als "Slalom zwischen Rettungswägen", ein anderer berichtete von einem Rettungswagen, der bei einem Einsatz eine Wasserstelle und den Zugang zu den Wasserhähnen für mehrere Minuten komplett verstellte. Logistische Pannen, die bei einem Massenevents nie komplett auszuschließen sind.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-25 14:26:44
Letzte Änderung am 2018-05-14 16:42:59


Buwog-Prozess

Die Bewegungen des Karl-Heinz Grasser

- © apa/Fohringer Wien. Karl-Heinz Grasser ist verärgert - wegen eines Dokuments. "Es ist nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt ist", schimpft er... weiter




Vor Gericht

Ende mit Fluchtversuch

Für den Angeklagten, der sich auf freiem Fuß befand, klickten noch im Gerichtssaal die Handschellen. - © dpa/Patrick Pleul Wien. Zwölf Jahre Haft. So lautet das - nicht rechtskräftige - Urteil gegen einen Zeitungszusteller, der eine Jugendliche in seinem Auto missbraucht... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Wien folgt Melbourne als lebenswerteste Stadt der Welt
  2. Gelebte Weinhauskultur
  3. Neue Bodenmarkierungen für manche Stationen
  4. Erste Verbotshinweise bereits in den Zügen
  5. Die Zukunft gehört den Exoten
Meistkommentiert
  1. ÖVP beantragt Sonder-Gemeinderat
  2. "Jeder Stadtrat kann für den Praterstern Geld spenden"
  3. Breite Front gegen Einführung
  4. Die Zukunft gehört den Exoten
  5. Studie sieht bis zu 38 Prozent weniger Verkehr

Edip Sekowitsch

"Der Setschko war ein Fighter"

Den Sekowitschweg gibt es seit 2012 - doch jetzt wurde er offiziell eingeweiht und gesegnet. - © Schmölzer Wien. Wenn man ihn danach fragte, redete Edip Sekowitsch bereitwillig über seine alte Leidenschaft. Nur vom Äußeren her hätte dem Besitzer eines... weiter




Holzhochhaus

Hoch hinaus mit Holz

Das weltweit höchste Holzhochhaus entsteht in der Seestadt Aspern. - © RLP Ruediger Lainer und Partner Wien/Dornbirn. Das weltweit höchste Holzhochhaus soll in der Seestadt Apern entstehen. Seit mehr als einem Jahr wird an dem Bauwerk aus 24 Stockwerken... weiter




Geschichte

Bitte à la Giraffe!

Wildlife Animals - © Chris Van Lennep Wien. Die Geschichte fängt harmlos an: 1828 erhielt Kaiser Franz I. (II.) vom Vizekönig von Ägypten eine Giraffe, die dieser wiederum im Tiergarten... weiter





Leinenpflicht

Hunde-Sünder im Visier: Schwerpunktkontrollen starten

Stadträtin Ulli Sima. - © apa/Hochmuth Wien. Wiens Hundehalter werden wieder verstärkt in die Pflicht genommen. Gestern, Donnerstag, startete die Wiener Polizei gemeinsam mit dem... weiter






Werbung