• vom 30.08.2018, 19:53 Uhr

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Update: 30.08.2018, 21:58 Uhr

Tierschutzhaus Vösendorf

Auf die Feier folgt die Arbeit




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Von Alexander Maurer

  • Das Tierschutzhaus Vösendorf zelebriert sein 20-jähriges Bestehen, kämpft aber mit finanziellen Einbußen.

In Vösendorf kümmern sich 70 Mitarbeiter gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Partnern rund um die Uhr um tausende Tiere.

In Vösendorf kümmern sich 70 Mitarbeiter gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Partnern rund um die Uhr um tausende Tiere.© APAweb In Vösendorf kümmern sich 70 Mitarbeiter gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Partnern rund um die Uhr um tausende Tiere.© APAweb

Wien. Hundefotoshootings, vegane Verköstigungen, Führungen durch das Haus: Mit allerlei Aktivitäten und einer Benefiz-Party feiert der Wiener Tierschutzverein am Sonntag das 20-jährige Bestehen seines Standorts in Vösendorf. Dort kümmern sich 70 Mitarbeiter gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Partnern rund um die Uhr um tausende Tiere.

"Wir haben im Schnitt an die 2000 Tiere bei uns, darunter viele Kleintiere. Das kann sich aber schnell ändern. Unlängst haben wir bei einer einzigen polizeilichen Abgabe auf einmal 1200 Vögel gehabt, um die wir uns kümmern mussten. Und das am Samstag mitten in der Nacht. Das ist keine Seltenheit", erzählt Madeleine Petrovic. Die Grünpolitikerin und ehemalige niederösterreichische Landessprecherin der Partei hat vor zehn Jahren die Präsidentschaft des damals insolventen Wiener Tierschutzvereins übernommen, den sie erfolgreich aus der Krise führte.

Doch nach der Feier wartet wieder die Arbeit. Der Wiener Tierschutzverein ist mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Nicht erst seit der Eröffnung des "Tierkompetenzzentrums der Stadt Wien" (Tierquartier) in der Donaustadt 2015 hat sich der Verein mit Finanzierungsfragen zu beschäftigen.

Fluch und Segen

Trotzdem ist für den Tierschutzverein das neue Tierquartier gewissermaßen Fluch und Segen. Bereits bei der Eröffnung des Tierquartiers wurde von einer Entlastung des Tierschutzhauses gesprochen, die MA60 sieht den Tierschutzverein auf Anfrage als "guten Partner in der Tierversorgung". Bisher seien durch das Tierquartier mehr als 5.900 Tiere "medizinisch bestens versorgt, liebevoll betreut" und rasch vermittelt worden, heißt es weiters. Diese Tiere hätten sonst im von Platznot geplagten Tierschutzhaus unterkommen müssen.

Andererseits gehen dem Tierschutzverein jährlich um die 800.000 Euro an Honoraren aus der öffentlichen Hand verloren, auch wenn öffentliche Leistungshonorare laut Petric immer nur einen kleinen Teil der Finanzierung ausgemacht haben. Der Tierschutzverein kümmert sich vor allem um Wildtiere und privat abgegebene Tiere. Bis zur Eröffnung des Tierquartiers kümmerte sich der Verein auch im Auftrag der Stadt Wien um ausgesetzte und verwahrloste Streuner. Diese Agenden gingen jedoch auf Betreiben von Tierschutzstadträtin Ulli Sima auf das Tierquartier über. Und auch der Vertrag für die Wildtierbetreuung mit der Stadt läuft Ende 2018 aus. "Natürlich werden wir jedes verletzte Tier weiter betreuen", so Petrovic.

Acht Euro pro Tag für eine verletzte Katze und zwölf Euro pro Tag für einen verletzten Hund habe die Stadt bisher gezahlt. "Das deckte in etwa 15 Prozent der Pflegekosten ab", so Petrovic. Den Rest bestreite der Verein subventionsfrei aus Spenden und Testamenten.

Das Tierquartier hingegen könne wohl nicht über Geldsorgen klagen, ist sich Petrovic sicher. Stromkosten wären beispielsweise über das Gemeindebudget der Wiener Stadtwerke abgedeckt und die Tiervermittlung laufe größtenteils über die Infoscreens der Wiener Linien – ebenfalls Teil eines Ressorts von Ulli Sima. Die genauen Kosten des Tierquartiers scheinen nicht im Gemeindebudget auf, da der Betrieb in eine GmbH ausgelagert wurde.
"Das wird sich vielleicht der Rechnungshof irgendwann anschauen", meint Petrovic. Ihr gehe es aber nicht um Konkurrenz, sondern um faire Bedingungen für alle, betont sie.

Trotz der finanziellen Einbußen ist Petrovic sehr froh über die Existenz des Tierquartiers. "Die Zusammenarbeit auf Mitarbeiterebene funktioniert mit dem Tierquartier sehr gut. Und ich betone auch immer wieder, dass die Amtstierärzte unglaublich wichtig sind", so Petrovic.

Was Tierschutzagenden betrifft, eckt der Verein aber oft beim Rathaus an. Beispielsweise gingen 2016 die Wogen anlässlich eines großen Wohnbauprojekts am Areal des ehemaligen Heeresspitals hoch, das eine der letzten europäischen Nagetierpopulationen des Ziesels bedrohte.

"Es gibt keinen Plan B"

Auch was einen neuen Standort für das Tierschutzhaus angeht, tritt der Verein mit der Stadt und der Gemeinde Vösendorf auf der Stelle. Als die Stadt Wien das Areal Ende der Neunziger dem Tierschutzverein verkauft hat, waren Altlasten durch Industrieabfälle einer ehemaligen OMV-Raffiniere bekannt. Damals wurde eine Entgiftung des Bodens als unproblematisch erachtet. Mittlerweile hat sich aber herausgestellt, dass es sich dabei um eine Fehleinschätzung gehandelt hat. Die Altlast gelte laut Stadt Wien zwar rechtlich als gesichert, für das Tierschutzhaus sei es trotzdem problematisch. "Wir müssen keine Gesundheitswarnung aussprechen, aber durch das wärmer werdende Klima werden die Ausdünstungen und Altlastbewegungen zunehmend früher im Jahr zu einem Problem", sagt Petrovic. Derweil werde das Tierschutzhaus so gut wie möglich saniert, einen Plan B gebe es aber nicht. "Wenn das Arbeitsinspektorat das Haus morgen schließt, kann die Stadt auf einmal zweitausend Tiere unterbringen", so Petrovic. Dabei gehe es auch um Affen und Meeresschildkröten, die nicht so einfach in jedem kleinen Tierheim unterkommen könnten. Seitens der MA60 betont man, dass dem Tierschutzverein "schon vor Jahren" ein Grundstück für einen Neubau angeboten wurde.

Petrovics größtes Anliegen und gleichzeitig Forderung an die Politik ist ein Ende der "Schrebergartenpolitik", wie sie die Zuständigkeitsaufteilung und offizielle Kooperation der öffentlichen Hand mit privaten Tierschutzstellen nennt. "Es kann nicht sein, dass sich die Stadt für ein Tier nicht mehr zuständig fühlt, wenn es sich 50 Meter über der Grenze befindet. Oder wenn ein im Umkreis von Vösendorf entlaufener Hund in Siebenhirten aufgegriffen wird und daher nicht nach Vösendorf, sondern in die Donaustadt gebracht wird", meint sie.

Tier oder Mann

Petrovic selbst arbeitet intensiv mit einem Netzwerk privater Einrichtungen und Freiwilliger zusammen, beispielsweise wenn es um die Aufnahme von Vögeln der Pflege verletzter Eichhörnchen geht. "Im Gesundheitssystem wird doch auch auf flächendeckende Betreuung gepocht. Da würde niemand sagen, die privaten Kliniken und Arztpraxen seien nicht mehr wichtig, wenn ein großes Krankenhaus gebaut wird", zieht sie einen Vergleich. Sie bemerke übrigens eine gesteigerte Hilfsbereitschaft seitens der Bürger. "Aber jemand, der beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit ein verletztes Tier findet, kann auch nicht ewig warten, bis jemand kommt", wirft sie ein. Petrovic plädiert daher für einen gemeinsamen Tiernotrufverbund in der Ost-Region.

Neben einem Neubau träumt Petrovic auch von einem zweiten Standort für schwer vermittelbare Tiere, weiter draußen am Land. Hinweise über leerstehende Bauernhöfe seien immer willkommen, sagt sie. Ans Aufhören denkt Petrovic entgegen anderslautender Gerüchte aber nicht. "Die Gerüchte kommen vielleicht von meinem Mann, dem ich schon bei unserem Kennenlernen im Scherz gesagt habe, er solle mich nie vor die Wahl zwischen die Tiere und ihn stellen, weil er da wahrscheinlich verliert", sagt sie lachend.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-30 17:54:29
Letzte Änderung am 2018-08-30 21:58:43


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