Thomas Ströbele (r.) leitet die Ambulanz für gehörlose Menschen. - © Erben
Thomas Ströbele (r.) leitet die Ambulanz für gehörlose Menschen. - © Erben

Wien. "Wie komme ich bitte zur Gehörlosenambulanz?", deutet eine Frau mittleren Alters dem Portier des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Wien. "Es ist nicht weit. Sie gehen bitte hier gleich links, geradeaus und dann am Ende durch die Glastür", deutet er ihr mit seinen Händen. Dort sitzen im Wartezimmer schon mehrere Patienten. Einige von ihnen lesen, andere sind in Gespräche vertieft.

"Hier starren die Leute nicht dauernd aufs Handy, sondern plaudern miteinander", flüstert Anton K. Bereits seit Jahren kommt er zur Gesundenuntersuchung in die Ambulanz. "Jetzt bin ich dran", erfährt er vom Schalter und unterbricht die Unterhaltung. Er verlässt den Wartesaal in Richtung Untersuchungszimmer. "Bis später", winkt er fröhlich zurück.

(K)ein Dialog der Stille


8000 bis 10.000 Menschen in Österreich sind gehörlos; knapp 450.000 Menschen schwerhörig. Anton ist einer von ihnen. Der heute 66-Jährige ist seit seinem achten Lebensjahr schwerhörig; er hört zwar vieles, aber nicht alles. Und auch er beherrscht die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) - heute fast fließend, wie er sagt. Gehörlose Menschen nutzen sie fast ausnahmslos, schwerhörige Menschen seltener.

Die Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) ist eine eigenständige Sprache und hat auch eine eigene Syntax und Grammatik. Im Jahre 2005 wurde sie als eigenständige Sprache in der Bundesverfassung verankert. Sie ist wie alle anderen Gebärdensprachen ein Kommunikationssystem, das auch Augen und Hände zum Austausch verwendet.

"Mit den Händen kann ich wunderbar in die Luft malen", schildert Eva Theresa Böhm, Geschäftsführerin des Vereins Witaf (Wiener Taubstummen-Fürsorgeverband). Dieser zählt heute über 500 Mitglieder und ist der älteste Gehörlosenverband Österreichs. Der Dialog unter gehörlosen Menschen sei einer der Stille; auch sei er direkter und offener als jener von Hörenden.

Für sie als Hörende sei die Österreichische Gehörlosensprache (ÖGS) eine Bereicherung. Sie öffne ihr die Welt der Gehörlosen. Viele gehörlose oder schwerhörige Verbandsmitglieder verbinden diese Sprache aber mit Leid und Ausgrenzung, die sie in der Gesellschaft nach wie vor erleben.

Das Interesse steigt


Mit dem Spracherwerb "wächst" auch das Verständnis für gehörlose Menschen in Österreich, ist Theresa Böhm überzeugt. Schätzungen zufolge sprechen über 20.000 Menschen die ÖGS, davon rund 10.000, die nicht gehörlos sind, erzählt Helene Jarmer. Sie ist 47 Jahre alt und seit ihrem zweiten Lebensjahr gehörlos.