• vom 13.09.2018, 07:01 Uhr

Stadtleben

Update: 13.09.2018, 07:38 Uhr

Goldener Drache

Chinesisches Wien




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Von Hans-Christian Heintschel

  • Missverständliches Yin Yang : Die Schau "Der Chinese ums Eck" hinterfragt Klischees.

So sieht es im Goldenen Drachen heute aus.

So sieht es im Goldenen Drachen heute aus.© Jenis So sieht es im Goldenen Drachen heute aus.© Jenis

Wien. Der junge Richard Lugner, Waterloo und Robinson, damals Noch-nicht-Minister Charly Blecha, Peter Rapp: Im ältesten China-Lokal Wiens, im "Goldenen Drachen" in der Porzellangasse im Alsergrund, sind die oft wehmütig bedachten rot-weiß-roten 1970er auf ewig in Fotos gebannt.

China und Österreich, das war die längste Zeit ein ausgewogenes Yin Yang zwischen Pekingente und Wiener Schnitzel. Die mit heute, Donnerstag, startende Schau "Der Chinese ums Eck" - kuratiert von Albertina-Mitarbeiterin Christiane Rainer und Kazuo Kandutsch - lädt bis Mitte Oktober dazu ein, über den Tellerrand zu blicken.

Information

Die Salongespräche starten am Donnerstag im "Goldenen Drachen" (9., Porzellangasse 33) mit dem Überthema "Klischees (de-)konstruieren". Beginn ist um 18.30 Uhr, der Eintritt ist gratis, Anmeldung unter: anmeldungen@geschichte-willkommen.at
Weitere Salon-Termine: 11.10., 19.10. und 21.10.2018.

Sonderlich Abgründiges gibt es dabei nicht zu entdecken, Rätselhaftes hingegen schon. Etwa, wann das erste chinesische Lokal in Wien eröffnet wurde. Die einen sprechen bereits von den 1920er Jahren, andere lassen das Land der Mitte kulinarisch erst in den späten 1950er Jahren hinein. Fest steht jedenfalls, dass ohne Herrn Chia Chai aus Taiwan der Menüklassiker "Frühlingsrolle mit Schweinefleisch süßsauer" den Wienern noch länger vorenthalten geblieben wäre.

Anfang der 1960er Jahre musste noch erklärt werden, wie man mit Stäbchen isst.

Anfang der 1960er Jahre musste noch erklärt werden, wie man mit Stäbchen isst.© Goldener Drache Anfang der 1960er Jahre musste noch erklärt werden, wie man mit Stäbchen isst.© Goldener Drache

1963 landete dessen "Goldener Drache" und hat sich seitdem nicht mehr fortbewegt. Heute, wo "Asia Food" längst zum Straßenbild Wiens gehört, ist die damalige Exotik des "Chinesen" nicht mehr nachvollziehbar. Denn exotisch war der "Goldene Drache" allemal. Während "der Grieche ums Eck" oder "der Italiener" den zu Ende gegangenen Urlaub in den kühler werdenden Herbst verlängerte, war "der Chinese ums Eck" ein Ausflug, ein Eintauchen in eine bizarr-unverständliche Welt.

Peking-Oper-Musik, Holztore im Speisebereich, die roten Lampions, anstelle von Messer und Gabel Holzstäbchen, nicht zu vergessen der auf Kosten des Hauses servierte Tee und Pflaumenwein: Unzählig sind die Erinnerungen unter vielen Wiener Familien, als sie in den 1970er Jahren, etwa zum Geburtstag der Großmutter, ein chinesisches Lokal betraten. Für nicht wenige Wiener war es Völkerkunde pur: China, das war die Chinesische Mauer, Marco Polo und die Seidenstraße und für die jüngeren die Kung-Fu-Attraktion Bruce Lee. Wer mehr über das Land des Lächelns wissen wollte, griff zum Wohnzimmer-Klassiker des Journalisten Hugo Portisch: "So sah ich China".



Lächeln versus Härte

Offensichtlich geht es bei all dem um nostalgisch geprägte Missverständnisse. Auch Daniel Wu, Sohn des Lokalgründers und Betreiber des "Drachen", wundert sich über die fast unveränderte Macht der "alten" Bilder. Gerade angesichts der aktuellen politisch-wirtschaftlichen Entwicklungen Chinas unterstreicht Wu, wie sehr die Europäer und vielleicht die Wiener im Speziellen noch immer gewissen Fehleinschätzungen unterliegen. Sein Lieblingsverweis ist dabei Franz Lehars "Land des Lächelns", welches idealtypisch das Klischee von China bedient: ewiges Lächeln, konfuzianische Weisheit bis in die letzte Provinz des großen Landes, gepaart mit Anmut, Demut und Arbeitsfleiß.

Mit dem China der Gegenwart hat das freilich nicht viel zu tun. Wu, der selbst immer wieder in China ist, betont viel mehr das kollektive Prinzip, welches dort vorherrscht. Kein Gesichtsverlust, kein Klagen, Härte zu sich selbst und anderen, ruppige Disziplin. Besonders anschaulich illustriert sich der Unterschied für Wu beim Essen: Während es in China üblich ist, sämtliche Speisen zu teilen - materialisiert in Form der runden Holzplatte, auf der serviert wird -, "essen die Wiener doch eher für sich und teilen nicht grundsätzlich".

18.000 Chinesen in Wien

Rund 18.000 Chinesen leben laut den beiden Kuratoren aktuell in Wien. Im Alltag sind sie erstaunlich unauffällig, kritische Diskussion über sie gibt es nicht. Da fallen die chinesischen Touristengruppen - alleine heuer zählt der Wiener Tourismusverband für das erste halbe Jahr 145.000 Gäste aus dem Lehar-Land - schon mehr auf.

Letztlich sind es die Lokale, die mit ihren Lampions und Reispapier-Paravents chinesischen Charme versprühen. Oder doch nicht ganz? Genau hier setzt das Projekt von Christiane Rainer und Kazuo Kandutsch an: Neben einer konzentriert-übersichtlichen Ausstellung laden die beiden Kuratoren an vier Abenden zu Salon-Gesprächen in den "Goldenen Drachen" mit Experten ein. Dabei geht es unter anderem um Design und Gastronomie oder um das Thema Wienerlied versus Peking-Oper.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-12 17:00:15
Letzte Änderung am 2018-09-13 07:38:54


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